Im Lichtstrahl

Spiritualität und Licht Licht ist erhellend – bis zur Erleuchtung. Ein Gespräch über die erstaunlich übereinstimmenden Lichtvorstellungen der verschiedenen Religionen und über individuelle Lichtarbeit mit Olivia M. Weber, Gründerin der «Light Focus»-Ausbildung und Therapeutin.

Peter Surber
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Olivia M. Weber (Bild: pd)

Olivia M. Weber (Bild: pd)

Mehr Licht: Das sollen Goethes letzte Worte gewesen sein. Dabei wird es ihm nicht ums Lampenlicht gegangen sein – vielmehr um die Helle im Kopf und in der Welt. Nicht umsonst heisst die Aufklärung im Englischen «Age of Enlightenment». Wenn wir etwas kapieren, geht uns «ein Licht auf». Und wenn die geistige Helligkeit zum Dauerzustand wird, sprechen wir von «Erleuchtung». Licht wird offensichtlich fast automatisch mit Klarheit, Reinigung, Transparenz, Scharfsinn assoziiert.

Was die Sprache da erhellt, kann man mit eigenen Gefühlen und Erfahrungen gut nachvollziehen. Wir stochern im Nebel, haben «dunkle» Stimmungen, und dann wieder ist alles eitel Sonnenschein. Licht und Schatten, ein ständiger innerer Ringkampf?

Was ist Licht? Wer sich schon in Meditation oder sonstwie innerer Sammlung versucht hat, dem ist die Vorstellung vertraut von einem Lichtstrahl durch den Körper, vom Sich-durchfliessen-Lassen mit Licht. Und vielleicht auch die wärmende oder klärende Wirkung, die eine solche «Visualisierung» im guten Fall haben kann.

Andere werden sich ans Praktischere halten und an die Sommerferien zurückdenken: Licht ist Sonne ist Strand ist Energietanken ist Nahrung für die Seele und Lust für den Leib…

In allen Religionen

Was also ist Licht – in körperlichem, geistigem, spirituellem Sinn? Olivia M. Weber hat gewissermassen professionell mit Licht zu tun: Als Gründerin der im Aargau domizilierten «Light Focus»-Schule und Urheberin der «Light Walk»-Methode in Transpersonaler Psychologie stellt sie die Lichtarbeit ins Zentrum ihrer Therapien und Ausbildungsseminarien, die teils auch in der Ostschweiz stattfinden.

Die Vorstellung vom göttlichen Licht, sagt Olivia M. Weber, zieht sich praktisch durch alle Religionen. Zwar feiert Weihnachten das Licht von Bethlehem, das mit Jesus «in die Welt kam» – aber das ist keine christliche Exklusivität. «Licht ist ein überkonfessioneller Begriff, für Gott bei den Christen, Allah bei den Moslems, den Lichtgeist im Buddhismus oder die Thora der Juden. Aber auch die amerikanischen Indianer kennen das Licht, etwa als <great mystery>. Das Licht steht für das All-Eins-Sein, die göttliche Einheit.»

Hinzu kommen persönliche Erfahrungen. Bei Olivia M. Weber sind es mehrere Nahtod-Erlebnisse, deren erstes sie als kleines Kind im damals bürgerkriegsgeplagten Rhodesien durchmachte: In einer Nacht, inmitten von Schüssen und Scherbensplittern, habe sie in Panik Gott zu Hilfe gerufen: «Da erschien mir ein Lichtwesen, meine Mutter nannte es später meinen Schutzengel. Ich fragte es: Wer bist du? Es sagte zu mir: I am you, and you are me, we are one. Es strahlte golden und gab mir ein Gefühl von Ruhe und Schutz.»

Auch ihre späteren Grenzerlebnisse seien stets begleitet gewesen von Licht, «in das man hineingehen konnte wie in einen Sonnenraum». Und von einer angstfreien Wohligkeit. «Im Geist hell und im Herzen warm», so umschreibt sie den Effekt.

In ihrer therapeutischen Arbeit nun gelte es, das Licht «in den Alltag hineinzuholen», ins normale Leben. Und dieses ist bekanntlich nicht bloss lichtvoll.

Die Dualität des Lichts

«…und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht», heisst es bei Johannes einmal. Das Bibelwort drückt die Spannung oder Spaltung zwischen hell und dunkel aus, zwischen Himmel und Hölle, wie es die Kirche traditionell wohl nennen würde. Wer aus dieser Spaltung herausfände, wäre zurück in der Einheit, christlich gesprochen im Paradies.

Die Spaltung betrachtet Olivia M. Weber als eine westlich geprägte Hilfsvorstellung. Für sie ist das Licht die Einheit, die auch die Dunkelheit mit umfasst. Sie erläutert das mit dem Bild vom Schatten – den es ohne Licht nicht gäbe, und der daher nicht als eigenes Wesen zu verstehen sei. Die Überzeugung, dass Licht das Dunkle mit einschliesse, umschreibt sie so: «Alles ist Energie. Licht ist Energie in Bewegung. Dunkelheit ist Energie im Stillstand.» Auch seelische Verdunkelungen, etwa Traumata, könnten so als Momente von Stillstand verstanden und entsprechend wieder in Bewegung gebracht werden.

Damit aber gerät die Polarität überhaupt ins Zwielicht. «Die Light-Walk-Methode fragt nicht nach Dunkel und Licht, sondern nach Bewegung und Verwandlung. Alles ist Licht. Bloss: Was stillsteht, kann man schlecht erkennen – ausser wenn man sich selber bewegt.»

Eine solche Vorstellung sei dem Lichtverständnis der Teilchenphysik verwandt. «Das weisse Licht spaltet sich im Prisma auf in verschiedene Dimensionen, Wellenlängen, Qualitäten, Informationen oder Gesetzmässigkeiten, wie immer man das nennen will. Das heisst für mich: Licht ist nichts anderes als Leben, das verschiedene Erscheinungsformen hat.» Dass sich Psyche und Quantenphysik gleichen: Diese Überzeugung vertreten heute auch prominente Naturwissenschafter. Ob Cern in Genf oder «Light Walk»: Es geht um Umwandlungsprozesse. Insofern gleicht die Quantenlogik nichtdualen Weltbildern, etwa dem Buddhismus.

Polarität wäre, so gesehen, eigentlich unnötig. Aber sie biete Orientierungshilfe. Und die Angst vor Orientierungslosigkeit, sagt Olivia M. Weber, sei die am stärksten verbreitete Angst. Deshalb halte sich der Mensch an Polarisierungen – mittels Nation, Konfession, Gruppenbildung oder Ausgrenzungen. Die Alternative dazu heisst für sie: Orientierung am Licht. Dies biete die Chance, Ordnung in sich selber statt an äusseren Normen zu finden: «Damit gewinnen wir Selbständigkeit und Autonomie im Dreiklang von Licht, Leben und Liebe.»

Licht verbindet oben und unten

Individuelle Lichterfahrung und göttliches All-Eins-Licht sind für Olivia M. Weber dabei nicht zwei getrennte Dinge. Auch die Bibel kenne als Jesusworte beides: «Ich bin das Licht» und «Ihr seid das Licht der Welt».

Viele Menschen hätten intensive Lichterfahrungen, aber trauten ihnen nicht recht oder seien es nicht gewohnt, sie so zu benennen, sagt Olivia M. Weber. Wer sich ihnen aber aussetzt, erhält vielleicht eine Ahnung davon, dass zwischen dem Licht von Bethlehem und uns nicht unbedingt knapp 3000 Kilometer und gut 2000 Jahre liegen müssen.