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Eine Reise nach Indien, ins Land der Widersprüche

Indien fasziniert, ist aber nicht so einfach zu verstehen. Dies hängt nicht nur mit der Sprache zusammen. Eine Reise durch den Norden des Landes – nach Jaipur, mit dem Velo durch das Chaos von New Delhi und in den Bal Ashram, wo Kindersklaven ein neues Zuhause bekommen.
Text und Bilder: Dominik Buholzer
Elefanten gehören in Delhi zum Strassenbild. Verkehrsregeln gibt es kaum, aber irgendwie kommt man meistens zum Ziel.Elefanten gehören in Delhi zum Strassenbild. Verkehrsregeln gibt es kaum, aber irgendwie kommt man meistens zum Ziel.
Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi hilft mit seiner Frau unterdrückten Kindern.Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi hilft mit seiner Frau unterdrückten Kindern.
Ein Barbier am Strassenrand von New Delhi.Ein Barbier am Strassenrand von New Delhi.
Auf einer Bike-Tour durch die Megastadt.Auf einer Bike-Tour durch die Megastadt.
6 Bilder

Im Land der Widersprüche

Schon seit mehreren Minuten rennen sie vor uns umher und versuchen, sich gegenseitig in die Enge zu treiben. Kabaddi nennt sich das Spiel – ohne Erklärung würde es sich einem kaum ­erschliessen, worum es dabei wirklich geht. Wir befinden uns auf dem Gelände eines College in Jaipur, und eigentlich hätten die Schülerinnen und Schüler an diesem Sonntag frei. Aber für die Gruppe von Journalisten aus der Schweiz, die auf Einladung von Hotelplan durch den Norden Indiens reist, steigen sie noch so gerne in die Hosen. Es geht schliesslich um Kabaddi, eine ihrer Nationalsport­arten.

Sportart verstehen nur Inder

Jeweils zwei Teams mit je sieben Spielern und drei Auswechslungsspielern treten gegeneinander an. Die Teams schicken abwechselnd je einen so genannten «Raider» (Angreifer) in die gegnerische Hälfte. Dieser versucht, so viele Gegner wie möglich abzuschlagen und damit Punkte zu sammeln. Solange er sich in der gegnerischen Zone befindet, muss er ständig «Kabaddi, Kabaddi …» sagen. Die verteidigende Mannschaft kann den Angriff vereiteln, indem die Spieler den Raider zu Boden reissen oder ihn festhalten. Gelingt ihnen dies, bekommen sie Punkte.

Nichts verstanden? Macht nichts. Wir erhielten zwar Anschauungsunterricht und eine vierseitige Beschreibung in die Hand gedrückt. Doch wirklich schlau wurden wir nicht. Diese Sportart verstehen wohl nur Inder.

Mit dem Velo durchs Chaos

Jaipur, mit dem Palast der Winde und dem Stadtpalast, war die letzte Station auf unserer Reise. Sawai Madhopur, Virat Nagar und Samode mit dem imposanten Palasthotel hiessen die Stationen in den Tagen davor. Gestartet waren wir in New Delhi und dort ging es an Tag eins nach unserer Ankunft frühmorgens aufs Velo – es gibt keinen besseren Zeitpunkt dafür.

An und für sich ist ein solches Unterfangen angesichts des Chaos, das tagtäglich auf den Strassen Delhis herrscht, eine verrückte Sache. Doch kurz vor Sonnenaufgang ist die Luft noch frisch und das Chaos noch nicht perfekt.

«Delhi ist eine Zumutung, nicht nur für Touristen. Zuerst hasst man die Stadt, dann liebt man sie.»

Bike-Guide Joe.

Bike-Guide Joe.

Das behauptet zumindest Joe. Und Joe muss es eigentlich wissen. Denn er hat Delhi noch nie verlassen. Behauptet zumindest er. Charmant und sicher führt der junge Mann mit seinem Hipster-Bart Velofahrer durch den neuen und alten Teil der indischen Hauptstadt. Es sind vor allem Expats, die sich von ihm leiten lassen. Touristen schreckt das Angebot eher ab. Dabei gibt es laut Joe nichts Besseres als eine Velotour durch Delhi.

«Wenn Du das hier überstanden hast, bringt Dich keine Verkehrssituation mehr aus der Ruhe».

Das ist nicht falsch. Denn der Verkehr in Delhi ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Ob man rechts, links oder quer durch die Mitte fährt, spielt eigentlich keine Rolle. Verkehrsregeln scheint es keine zu geben. Hauptsache, man schlängelt sich irgendwie durch. Nur eines verabscheuen sie hier: den Stillstand.

Dies gilt für Indien ganz generell. Das Land zählt zu den aufstrebenden Volkswirtschaften. Die Wachstumsraten betrugen in den vergangenen ­Jahren im Durchschnitt 6,6 Prozent. Allerdings: Die Berechnungsmethoden für das Bruttoinlandprodukt können sich schon mal über Nacht ändern.

650 Millionen haben keinen PC-Zugang

Das Potenzial an möglichen Arbeitskräften ist allerdings gewaltig. 1,3 Milliarden Menschen zählt das Land offiziellen Angaben zufolge. Als Tourist hat man aber den Eindruck, dass es bedeutend mehr sein müssten. Selbst die kleinsten Städte und Dörfer scheinen aus allen Nähten zu platzen. Von diesen 1,3 Milliarden hat die Hälfte keinen Zugang zu einem Computer. Zu ihnen gehören zahlreiche Kinder und Jugendliche.

Obwohl Kinderarbeit heute auch in Indien verboten ist, landen noch immer unzählige Kinder in Fabriken, wo sie als billige Arbeitskräfte ein trauriges Dasein fristen. Ein Betreuer von Bal Ashram erzählt:

«Wir befreiten einen Buben, der sechseinhalb Jahre lang kein Sonnenlicht sah, aus den Fängen eines Jeansfabrikanten.»

«Wir haben ein Problem mit der Armut»

Im Bal Ashram im nordindischen Bundesstaat Rajasthan bekommen ehemalige Kindersklaven vorübergehend ein neues Zuhause. «Vater» des Rehabilitations- und Ausbildungszentrums ist der indische Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi. Der ehemalige Ingenieur und Dozent führt das Zentrum in Virat Nagar zusammen mit seiner Frau seit bald 40 Jahren. Das Ehepaar empfängt uns in seinem Garten.

«Indien ist ein Land der Widersprüche. Wir dürfen stolz auf unsere Demokratie sein. Doch wir haben ein Problem mit der Armut, dem Fundamentalismus und dem sexuellen Missbrauch von Kindern», sagt Saty­arthi. Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt für ihn in der Bildung. Laut Satyarthi würde hierbei auch die Elite des Landes in der Pflicht stehen.

«Doch die Elite vermehrt lieber ihr Vermögen.»

«Wer hatte eigentlich die stupide Idee, Pass und Visa zu ­erfinden? Wir alle werden als freie Menschen geboren. Es ist das System, das uns einschränkt.» Satyarthi wünschte sich nicht nur in Indien mehr Barmherzigkeit. «Wir haben Angst, unseren Job, unseren Wohlstand zu verlieren. Doch in Wahrheit droht uns die Menschlichkeit abhanden zu kommen.»

87 000 Kinder befreit

Satyarthi und seine Frau wollen den unterdrückten Kindern ein Stück Menschlichkeit zurückgeben. Rund 87 000 haben sie schon aus Fabriken befreit und ihnen hier auf dem Campus in Virat Nagar nicht nur psychologische Hilfe zukommen lassen, sondern sie auch geschult, dass sie ein Leben in Freiheit führen können.

Nur jede zweite Ehe aus Liebe

Aus Satyarthis Engagement ist eine weltumspannende Bewegung geworden. Der Nobelpreisträger weibelt nicht nur bei Indiens Premierminister Modi für die Rechte der Kinder, sondern auch beim König in Bahrain. Es geht vorwärts, aber nur langsam, und immer wieder muss er Rückschläge in Kauf nehmen. Der Frieden werde nicht auf dem Silbertablett serviert, meint er lächelnd.

Der Wandel zu einem modernen Staat fällt Indien nicht leicht. Nur gerade jede zweite Ehe wird aus Liebe geschlossen. Und das Kastenwesen und die Religionszugehörigkeit spielen nicht nur bei der Wahl der Braut an vielen Orten nach wie vor eine entscheidende Rolle.

Gymnasium für Mädchen

Aber es gibt auch Fortschritte zu verzeichnen. Die ersten beiden Wagons der U-Bahn in Delhi sind Frauen vorbehalten. Und die Quote der Mädchen, die eine Schulbildung erhalten, steigt. Auch dank Frauen wie Jaskaur Meena. Die 72-jährige ehemalige Politikerin baute in Mainpura ein Gymnasium für Mädchen auf. Heute zählt die Schule 1400 Absolventinnen. Das Schulgeld von umgerechnet 42 Franken pro Monat können längst nicht alle Familien aufbringen. Meena sieht es als ihre Aufgabe, diesen jungen Frauen trotzdem eine Schulbildung zu ermöglichen.

Das zahlt sich aus. Zwei ehemaligen Absolventinnen zählen heute zu den besten Ingenieurinnen des Landes.

Indien kann auf dem Weg in die Zukunft noch mehr solcher Erfolgsgeschichten gebrauchen.

Indien: Verfallene Häuser, prunkvolle Paläste

Anreise: Schweizer Bürger benötigen
für die Einreise nach Indien einen gültigen Reisepass und ein Touristenvisum. Es gibt täglich Flüge von der Schweiz in die Städte New Delhi und Jaipur, unter anderem mit Oman Air; ab 670 Franken pro Person.
Unterkunft: Indien verfügt über zahlreiche Hotels, die auch gehobenen Ansprüchen genügen, beispielsweise «Le Meridien Delhi» in New Delhi (4-Sterne-Hotel), das «Treehouse Anuraga», eine 3,5-Sterne-Lodge ausserhalb des Ranthambore-Nationalparks, das «Samode Palace» in Samode (4-Sterne-Hotel) oder das «Samode Haveli» in Jaipur (4-Sterne-Unterkunft).
Sehenswürdigkeiten in New Delhi: Gate of India, Rotes Fort Delhi, Mahatma-Gandhi-Denkmal, Lodi Gärten.
Veranstalter: Bei travelhouse.ch sind zahlreiche Stadttouren und Rundreisen buchbar, etwa die Velotour durch Delhi.
Beste Reisezeit: Den Norden Indiens bereist man am besten zwischen Oktober und März.

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