Im Jagdgebiet der Zaren

Polen Der riesige Nationalpark Bialowieza ist der letzte Tiefenurwald Europas und liegt an der Grenze zu Weissrussland. Hier sagen sich buchstäblich Wolf, Luchs und Wisent gute Nacht. Für Naturfreunde ein unberührtes Paradies, dessen «Strenges Schutzgebiet» nur mit einem Führer betreten werden darf. Ulrich Willenberg

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Der Wisent (oder Bison) ist eine europäische Wildrindart und eine Art von Maskottchen der Gegend.

Der Wisent (oder Bison) ist eine europäische Wildrindart und eine Art von Maskottchen der Gegend.

Wenn Teodor Iganowicz seine Besucher durch den Nationalpark Bialowieza führt, gerät er ins Schwärmen: «Das ist ein Schatz», sagt er voller Respekt über den letzten Urwald Europas. Andächtig zeigt er auf einen 600 Jahre alten Baumriesen aus der Zeit des polnischen Königs Jagielwo – «Zeitzeuge» einer bewegten Geschichte von Eroberungen, blutigen Gemetzeln und illustren Jagdgesellschaften.

Einzigartige Schönheit

Doch die Wisente, Wölfe, Luchse und Hirsche müssen nicht mehr befürchten, von gekrönten Häuptern oder Wilddieben eins über den dichten Pelz gebrannt zu bekommen. Die Gäste von heute reisen in friedlicher Mission in die polnische Region an der Grenze zu Weissrussland. Mit Teleobjektiven und Ferngläsern bewaffnet, geniessen alljährlich Zehntausende von Naturfreunden die einzigartige Schönheit des Nationalparks – ein mehrere tausend Hektar grosses Überbleibsel eines riesigen Waldgebietes, das in prähistorischen Zeiten von der Ostsee bis ans Mittelmeer reichte. «Der Wald sieht hier aus wie vor 2000 bis 3000 Jahren», berichtet Teodor Iganowicz.

Mit Führungen bessert der Forstlehrer sein schmales Gehalt auf und öffnet den Gästen die Augen für die Naturwunder in Polens ältestem Nationalpark. Kaum eine Pflanze, die er nicht kennt. «Das ist eine zwiebeltragende Zahnwurz», erklärt er in perfektem Deutsch und deutet auf ein unscheinbares kleines Gewächs, eines von 1000 Pflanzen, die zusammen mit 3500 Pilzen und 250 Moosen im Schatten von Jahrhunderte alten Erlen, Kiefern, Fichten und Eichen gedeihen.

Über 10 000 Arten

Das Dickicht bietet zahlreichen Tieren einen einzigartigen Lebensraum. Über 10 000 Arten wurden bisher erfasst, darunter allein 8000 Insekten und 230 Vögel. Ein Paradies für Ornithologen, die mit langer Brennweite und viel Geduld seltene Vögel wie den Nachtreiher, die Blauracke, den Schwarzstorch, Schell- oder Schlangenadler erspähen können. In den Bächen tummeln sich Biber und Fischotter, beiderseits der Grenze streifen Wölfe, Luchse und Wisente durch den Urwald, der von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt worden ist.

Rund 5000 Hektar stehen auf polnischer Seite unter strengem Naturschutz. In diesem einzigartigen Biotop lässt der Mensch der Natur seinen Lauf, alles folgt dem natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen. Hunderte von Baumleichen haben sich auf dem weichen Waldboden zwischen Farnen, Schwertlilien und Bärlauch zur letzten Ruhe gebettet. Und es dauert viele Jahrzehnte, bis die Stämme wieder eins werden mit dem Boden, aus dem sie einst in die Höhe strebten.

Besucher dürfen dieses Reservat nur in Begleitung von einheimischen Führern betreten. Vor allem im Sommer ist Teodor ein vielbeschäftigter Mann. Auch der Bürgermeister von Bialowieza, ebenso wie der Pfarrer und sein Organist betätigen sich als Reiseleiter. Der Kirchenmusiker muss an manchen Wochenenden Prioritäten setzen. Ist der Ansturm der Gäste besonders gross, dann bleibt schon mal die Orgel stumm.

Gut getarnte Riesen

Mit viel Glück können die Touristen einen Wisent in freier Wildbahn vor die Linse bekommen. Trotz ihrer Überlegenheit zeigen sich die Könige des Urwaldes eher scheu und leben meist tief verborgen im Wald. Mit ihrem fahlbraunen Pelz passen sie sich perfekt an ihre Umgebung an und sind kaum von umgestürzten Bäumen zu unterscheiden. Besucher können die sanften Riesen aber auch in einem Gehege aus nächster Nähe beobachten, wie sie friedlich Grünzeug mampfen. Sechzig Kilogramm Pflanzen verzehrt so ein Ungetüm pro Tag. Die anspruchsvolle Kost besteht aus einem Mix von 200 Pflanzen, ein Überleben ist daher nur in Gegenden mit einer besonders abwechslungsreichen Flora möglich.

Verfolgte Höllenwesen

Deutsche Soldaten und Wilddiebe machten dem Verwandten des amerikanischen Bisons im Ersten Weltkrieg den Garaus. Ende der Zwanzigerjahre gelang es, die vom Aussterben bedrohten Tiere aus Zoos auszuwildern. Die fühlen sich sichtlich wohl in dem Urwald und haben sich inzwischen beträchtlich vermehrt. Mit 700 Exemplaren leben beiderseits der polnisch-weissrussischen Grenze rund ein Fünftel der Weltpopulation. Das mächtige, bis zu zwei Meter hohe Tier mit seinen langen Brusthaaren strahlt Majestät und Kraft aus. Trotz des Gewichtes von bis zu einer Tonne vermag ein Wisent auf der Flucht hohe Zäune zu überspringen. Früher galten die furchterregenden Tiere mit ihren nach oben gebogenen Hörnern als eine Art Höllenwesen.

So galt die Jagd auf die verteufelte Kreatur über Jahrhunderte hinweg als besondere Herausforderung für Könige und Prinzen. August III. von Sachsen schoss 1752 gar einen 14 Zentner schweren Bullen ab. Ein Denkmal im einstigen Schlosspark legt Zeugnis ab von der königlichen Ballerei, bei der 42 Tiere getötet wurden. Mitte des 19. Jahrhunderts wählte Zar Alexander II. den Wald zu seinem privaten Jagdrevier. Sein Thronfolger wollte auf Luxus nicht verzichten und liess am Dorfrand von Bialowieza ein Schloss mit 120 Zimmern errichten; eines davon war mit Briefmarken tapeziert. Im Salonwagen reiste der Zar per Bahn von der Hauptstadt St. Petersburg in seine Ferienresidenz an. Die Strecke wurde inzwischen stillgelegt; der einstige Bahnhof des russischen Herrschers ist längst verwaist.

Greueltaten im Weltkrieg

Im Sommer 1944 zerstörten deutsche Soldaten den pompösen Landsitz, von dessen einstiger Pracht nur noch der Torbogen aus rotem Backstein und die Zaren-Kaserne stehen blieb. Das unermessliche Leid, dass deutsche Invasoren damals über die Menschen brachten, ist bei den Älteren unvergessen. Alexsy Siemieniuk war gerade ein Jahr alt, als die Soldaten die Ortschaften am Rande des Urwaldes überfielen, Hunderte von Bewohnern töteten, die Überlebenden vertrieben und deren Häuser anzündeten. Als der kleine Alexsy drei Jahre später in sein Dorf Teremiski zurückkehrte, war von seinem Heim nur noch der Kamin übrig geblieben.

Zur Begrüssung in seinem Elternhaus verwöhnt Alexsy seine Gäste mit selbstgemachtem Honig aus seinen Bienenstöcken, die er im Garten aufgestellt hat. Das einfache Ferienhaus am Rande des Hundert-Seelen-Dorfes ist inzwischen an die Wasserleitung angeschlossen. Wer es ursprünglicher liebt, kann sich aus dem intakten Ziehbrunnen in dem grossen Garten erfrischen. Am Abend trägt der monotone Gesang der Rohrsänger sanft in den Schlaf, und in der Früh weckt das muntere Zwitschern der Schwalben.

Grosser Kontrast

Während sich in der Hauptstadt Warschau Neuwagen zwischen glitzernden Bürotürmen stauen, bestimmen einfache Kiefernholzhäuschen das Bild der Dörfer nahe der Grenze zu Weissrussland. In den Vorgärten grasen vereinzelte Kühe, Pferdefuhrwerke ziehen gemächlich ihre Last über die verkehrsarmen Strassen. Das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land ist extrem. Der Reichtum der waldreichen Region liegt nicht in seinen materiellen Werten, sondern in der intakten Natur, der guten Luft und der Gastfreundlichkeit der Menschen. Stress ist ein Fremdwort, Arbeitslosigkeit ein grosses Problem.

Bauer bei der Arbeit. Die Bewohner des Nationalparks leben bescheiden.

Bauer bei der Arbeit. Die Bewohner des Nationalparks leben bescheiden.

In den Dörfern an der weissrussischen Grenze scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. (Bilder: Ulrich Willenberg)

In den Dörfern an der weissrussischen Grenze scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. (Bilder: Ulrich Willenberg)