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Im Hamsterrad der Wissenschaft

Der Konkurrenzdruck nötigt junge Forscher dazu, ­möglichst viele Artikel in ­ Fachzeitschriften zu publizieren. Das führt zu unseriösem Arbeiten. Der Deutsche ­Hochschulverband fordert ein Umdenken.
Rolf App
Reagenzgläser im Labor – wie vertrauenswürdig ist die Wissenschaft noch? (Bild: Getty)

Reagenzgläser im Labor – wie vertrauenswürdig ist die Wissenschaft noch? (Bild: Getty)

In einem Aufruf hat sich vergangene Woche der Deutsche Hochschulverband an die Öffentlichkeit gewandt. Der Verband, der über 31000 Wissenschafter vertritt, verlangt, dass die heute gängige Leistungsmessung anhand bibliometrischer Daten überdacht wird. Denn: «Der Wert und die Qualität wissenschaftlicher Ergebnisse beruhen auf Klasse, nicht auf Masse», erklärt der Verband. Er fordert einen Kulturwandel, der seit einigen Jahren auch in der Schweiz stattfindet.

Eine Erklärung und ihr Echo in der Schweiz

Begonnen hat er im Dezember 2012 am Rand der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für Zellbiologie in San Francisco. Damals hat sich eine Gruppe von Redaktoren und Herausgebern wissenschaftlicher Zeitschriften getroffen, um über Missstände in der Wissenschaft zu diskutieren. Das Resultat ist eine Erklärung, die bis heute breite Unterstützung findet. «Ich habe sie als Professor unterschrieben, als Dekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, schliesslich als Rektor und zuletzt als Präsident der Rektoren schweizerischer Hochschulen», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich und von Hause aus selber Biologe.

Ähnlich äussert sich Matthias Egger, Epidemiologe an der Universität Bern, der als Präsident des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds an einer Schaltstelle der Forschungsförderung sitzt. Beide haben es mit jungen Wissenschaftern zu tun, die weiterkommen wollen und für die das Sprichwort gilt: «Publish or perish» – publiziere, oder du gehst unter.

Möglichst viel publizieren

Möglichst viel zu publizieren, das gilt vielen als Königsweg zum Lehrstuhl an einer Universität. Vor allem aber gilt es als karriereförderlich, wenn man es schafft, in den wenigen angesehenen Zeitschriften wie «Nature» oder «Science» unterzukommen. Diese Zeitschriften nun werden auch wieder bewertet. Ausgezählt wird, was von ihren Beiträgen andernorts zitiert wird. Dieser Impact Factor, entwickelt ursprünglich als Instrument für Bibliothekare, um über den Ankauf wissenschaftlicher Zeitschriften zu entscheiden, ist zum Hilfsmittel geworden, um Beiträge einzelner Forscher einzuschätzen.

Was, wie Matthias Egger unterstreicht, hochproblematisch ist. «Das Ansehen, das eine Zeitschrift geniesst, sagt nichts über die Originalität eines einzelnen, darin publizierten Beitrags», erklärt er. Die eingangs erwähnte San Francisco Declaration of Research Assessment rät denn auch dringlich dazu, «die Qualität der Forschung selber zu bewerten, und nicht auf Grundlage der Zeitschrift, in der die Forschung veröffentlicht wird».

Forscher wählen oft die Salamitaktik

Doch reichen die Missstände gerade in den Life Sciences und den Naturwissenschaften noch tiefer. Eine allgegenwärtige und ziemlich scharfe Konkurrenz nötigt junge Wissenschafter dazu, möglichst viel zu publizieren. Matthias Egger von der Universität Bern spricht von der «Salamitaktik», die Forscher wählen, indem sie ihre Forschungen möglichst klein portionieren. «Das erschwert eine Gesamtsicht und liegt nicht im Sinn der Gesellschaft», sagt er. Für den Einzelnen aber zahlt sich das aus: Bewirbt er sich, dann kann er eine lange Publikationsliste vorlegen. So hat sich jene Tendenz entwickelt, Leistung auf nackte Indikatorzahlen zu reduzieren, die der Schweizer Nobelpreisträger Richard Ernst als «verheerend» bezeichnet. Er hat schon 2009 Rankings wie den Science Citation Index, der einzelne Forscher klassifiziert, in das «dunkelste Schwarze Loch des Universums» gewünscht.

Bewerber nennen ihre drei wichtigsten Arbeiten

Doch ein Kulturwandel ist im Gang, «weg von der Quantifizierung zu den Inhalten und zu dem, was ein Wissenschaftler konkret geleistet hat», erklärt Matthias Egger. Der Nationalfonds habe schon wichtige Schritte in der Umsetzung gemacht. «Wir sind aber noch nicht dort, wo wir sein wollen. Das braucht Zeit. Und es erhöht die Verantwortung der Evaluatoren. Das Zählen war objektiv. Mit dem Beurteilen kommt etwas Subjektives hinein.» Auch die Universität Zürich hat ihre Berufungspraxis verändert. Denn, sagt Michael Hengartner, «so lange die Entscheidungsträger rein quantitativ denken, wird der Publikationsdruck weiter bestehen.» Deshalb fordert die Universität bei Berufungen die Bewerber auf, selber ihre drei wichtigsten Publikationen zu nennen, «die wir dann genauer anschauen. Wir senden so das Signal aus: Es kommt nicht auf die Zahl der Publikationen an, und auch nicht auf die Zeitschrift, in der sie publiziert wurden.»

Diese Auswahl relativiere auch das Gewicht einzelner Zeitschriften, fügt Rektor Michael Hengartner hinzu. Was durchaus seine Logik hat. Denn gerade künftige Nobelpreisträger hätten ihre wichtigen Erkenntnisse nicht selten in «zweitrangigen» Zeitschriften veröffentlicht, weil die Wissenschaft noch kein Sensorium für das Neue hatte, das sie in die Debatte warfen.

Das ist ein weiterer Aspekt, den Caspar Hirschi hervorhebt, Historiker an der Universität St. Gallen: Die angesehenen ­Zeitschriften verfügen über eine grosse Macht. Sie legen fest, was publikationswürdig ist und was nicht. Wobei sie diese Macht ­delegieren an Fachexperten, die anonym bleiben. Dieser Peer ­Review genannte Begutachtungsprozess entlastet die entscheidungsbefugten Experten gegenüber den Autoren abgelehnter Anträge, «macht aber letztlich die Begutachteten, ohnehin das schwächste Glied in den Verfahren von Expertengremien, schutzloser», schreibt Caspar Hirschi in seinem Buch «Skandalexperten, Expertenskandale – Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems». Die Folge: Wenn Wissenschafter damit rechnen müssen, am Einspruch anonymer Fachexperten zu scheitern, passen sie sich an. Sie verzichten darauf, andere Publikationen zu kritisieren oder mit umstrittenen Behauptungen fruchtbare Kontroversen auszulösen.

Gegenbewegung zu den etablierten Zeitschriften

Als Gegenbewegung zu den ­etablierten, über Abonnements finanzierten Zeitschriften haben sich so genannte Open-Access-Journals etabliert, bei denen ­Wissenschafter für die Publikation zahlen müssen. Unproblematisch ist das nicht, erklärt ­Epidemiologe Matthias Egger, «zumal die bei diesen Zeitschriften praktizierte Peer Review manchmal recht oberflächlich ist». Mit der Peer Review etablierter Zeitschriften hat er gute Erfahrungen gemacht, «dieser Blick von aussen ist wertvoll». Und er hat auch selber als Reviewer gearbeitet – ehrenamtlich, während die Zeitschriften kräftig verdient haben.

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