Im Büro zu Hause

Der Home Office Day ist all jenen gewidmet, die nicht im Büro, sondern in den eigenen vier Wänden am Werk sind. Zwei Heimarbeiterinnen erzählen vom Alltag zwischen Computer, Pendenzen und Kindergeschrei.

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Katharina Frei, 32, zweifache Mutter, verkauft von Widnau aus ihre Bastelstempel bis nach Korea. (Bilder: Michel Canonica)

Katharina Frei, 32, zweifache Mutter, verkauft von Widnau aus ihre Bastelstempel bis nach Korea. (Bilder: Michel Canonica)

Schon mein Grossvater war selbständig, mein Vater ebenfalls, das liegt bei uns wohl in der Familie. Ich hätte aber nie gedacht, dass mein kleines Geschäft einmal so gross werden würde. Zuerst war das Basteln ja nur ein Hobby. Nach der Geburt meines zweiten Sohnes vor gut zwei Jahren startete ich einen Blog und zeigte meine Bastelarbeiten im Internet. Mein Bekanntheitsgrad stieg schnell, mittlerweile habe ich auf meiner Homepage Whiffofjoy.com bis zu 1000 Zugriffe pro Tag.

Irgendwann wurden nicht mehr nur Bastelfreunde auf mich aufmerksam, und ich konnte im Blog Werbung für eine englische und eine kanadische Firma machen. So rutschte ich immer mehr hinein, und im August 2008 gab ich meine ersten eigenen Stempel heraus. Schon nach zwei Tagen waren alle weg.

Stempel zum Basteln

Ich verkaufe sogenannte Motivstempel. Das sind speziell gestaltete Gummistempel, mit denen man Karten verzieren und die man anschliessend ausmalen kann. Ich arbeite mit drei Illustratorinnen aus den USA und Kanada zusammen, die aufgrund eines Themas wie zum Beispiel «Gute Besserung» Motive für mich entwerfen. Diese bearbeite ich am Computer und schicke sie an einen amerikanischen Hersteller. Ein paar Wochen später sind die Stempel im Haus, und wir beginnen mit der Auslieferung.

«Wir», das sind neben mir und meinem Mann drei Mitarbeiterinnen, alles Frauen mit kleinen Kindern. Sie arbeiten ebenfalls meist bei sich zu Hause. Zwei von ihnen helfen mir beim Verpacken und Verschicken, die dritte kümmert sich um die Buchhaltung und die E-Mails, wir haben schliesslich etwa zehn Bestellungen pro Tag. Wie man eine Firma führen muss, weiss ich von meinem Wirtschaftsinformatikstudium in Wien her.

6000 Kundinnen in 25 Ländern

In Europa waren wir unter den ersten Firmen, die im grossen Stil Motivstempel verkauften. Heute beliefern wir einerseits 175 Bastelläden in 25 Ländern. Anderseits schicken wir die Stempel direkt an die Endkundinnen, Frauen zwischen 20 und 70. Wir haben 6000 Kundinnen auf der ganzen Welt. Vor allem Engländerinnen, Deutsche und Amerikanerinnen bestellen bei uns. Wir liefern aber bis nach Russland, in die Ukraine, nach Korea und Südafrika. In der Schweiz sind Motivstempel hingegen noch nicht sehr verbreitet.

Ich arbeite etwa 23 Stunden pro Woche. Meist bin ich dann im Büro, wenn die Kinder schlafen, also abends oder über Mittag. Ich teile mir die Zeit aber flexibel ein, checke auch mal zwischendurch meine E-Mails auf dem Kinderspielplatz. Vieles fällt auch aufs Wochenende, aber so ist das halt, wenn man selbständig ist. Dank meiner Familie musste ich unsere zwei Söhne nie in die Krippe geben.

Die Schwiegereltern babysitten regelmässig, und mein Mann hat sein Arbeitspensum kürzlich auf 60 Prozent reduziert. Trotzdem ist es manchmal sehr stressig, wenn die Kinder streiten, gleichzeitig das Telefon klingelt und unten im Büro eine Kollegin ihre Arbeit abholen will. Mein Prinzip: Tief durchatmen, eines nach dem anderen erledigen – und plötzlich herrscht wieder Ruhe.

Eigener Geschäftseingang

Unser Geschäft soll noch weiter wachsen, deshalb sind seit gestern Bauarbeiter am Werk. Wir vergrössern unser Haus, erweitern das Lager und bauen ein neues Büro samt Workshop-Raum. Dazu gehört auch ein separater Geschäftseingang – damit nicht mehr alles durch die private Haustür läuft.

Notiert: Roger Berhalter