Im Alter das Leben fest im Griff

Die Psychologen sind zu ihrem Weltkongress nach Berlin gekommen. Ihre Botschaft: Jeder hat es selbst in der Hand, glücklich zu altern. Bildung, Sport und Liebe sind die Voraussetzungen. Männer haben dafür mehr Talent als Frauen.

Merken
Drucken
Teilen
Wer sich früh vorsieht, hat bessere Chancen, auch im Alter sicher durch das Leben zu steuern. (Bild: Trix Niederau)

Wer sich früh vorsieht, hat bessere Chancen, auch im Alter sicher durch das Leben zu steuern. (Bild: Trix Niederau)

Die Psychologen sind zu ihrem Weltkongress nach Berlin gekommen. Ihre Botschaft: Jeder hat es selbst in der Hand, glücklich zu altern. Bildung, Sport und Liebe sind die Voraussetzungen. Männer haben dafür mehr Talent als Frauen.

Dumm gelaufen für die Frauen. Sie starten zwar jung durch, haben die besseren Abschlüsse, rücken in immer mehr Führungspositionen und machen Karriere. Aber laut einer gross angelegten internationalen Studie der Universität Cambridge und der Universität von Südkalifornien sind Frauen nur in jungen Jahren glücklicher als Männer. Mit zunehmenden Alter nützen schlechte Erfahrungen, Enttäuschungen in der Liebe sowie finanzielle und andere Probleme viele Frauen stärker ab.

Wende im 48. Lebensjahr

Die Forscher Anke Plagnol und Richard Easterlin haben in den USA Datenmaterial ausgewertet, das über Jahrzehnte erhoben worden ist. Sie stellten fest, dass der Wendepunkt im Leben eines Menschen etwa in seinem 48. Lebensjahr eintritt. «Im späteren Leben sind es Männer, die eher ihre Sehnsüchte erfüllt sehen, die zufriedener sind mit ihrem Familienleben und ihrer finanziellen Situation und welche die Glücklicheren sind», sagen die Experten.

Männer finden sich besser ab

Obwohl beide Geschlechter grundsätzlich ganz ähnliche Wünsche ans Leben haben, sind junge Männer oft unglücklich bis sehr unglücklich – vor allem in ihren Zwanzigern –, während junge Frauen in diesen Jahren das Leben und den beruflichen Erfolg am meisten geniessen. Dann aber dreht sich das, und das männliche Glück übertrifft das weibliche. Offensichtlich werden Frauen ab Ende vierzig schwerer fertig mit verlorenen Hoffnungen, vertanen Chancen und verfehltem Liebesglück. Männer in diesem Alter fällt es leichter, solche Verluste «wegzustecken».

Inzwischen gebe es zu diesem Phänomen ein gerüttelt Mass an Erkenntnissen aus der psychologischen «Lebensspannen-Forschung», sagt Entwicklungspsychologin Ursula Staudinger von der Jacobs-Universität in Bremen.

Beim 29. Weltkongress für Psychologie in Berlin Ende Juli waren sie das grosse Thema. Dabei wurden 15 Regeln für gesundes Älterwerden zusammengestellt (siehe Kasten). «Das Alter», sagt Ursula Staudinger, «ist ein Beispiel dafür, dass die Psychologie viel zum Verständnis von Themen beitragen kann, die den Einzelnen und die Gesellschaft beschäftigen.» Und: Diese Erkenntnisse und Regeln gingen keineswegs nur ältere, sondern auch jüngere Leute an.

Der körperliche Alterungsprozess setzt mit etwa 25 Jahren ein, von da an geht es bei Reaktionsfähigkeit, Mobilität, Flexibilität und geistiger Gewandtheit bergab – wenn nichts dagegen unternommen wird. Schon Mittdreissiger können starr wie Hochbetagte sein.

Lieben, laufen, lernen

Die wichtigste Forderung der internationalen Fachleute ist, Bildung, Arbeit und Freizeit im gesamten Leben miteinander zu verbinden. Die konventionelle Abfolge Schule – Beruf – Ruhestand soll aufgesprengt werden. Geistige, körperliche und soziale Aktivität sollen bis ins höchste Alter hinein gepflegt werden. Ulman Lindenberger vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung bringt es auf die griffige Formel «Lieben, Laufen, Lernen».

Die Berliner Altersstudie untersuchte in den vergangenen Jahren Menschen, die im Westteil der Stadt 1990 mindestens 70 Jahre alt waren. Nach der Auswertung steht fest, dass das Altern weitaus gesünder verläuft, wenn es mit positiven Inhalten aufgeladen ist: Weiterbildung, sportlichen Aktivitäten, Leben in sozialen Netzwerken und engen menschlichen Beziehungen. Wer sich nicht sportlich betätigt, baut rasch ab. Auch mit dem Lieben hören viele viel zu früh auf.

Bewegt leben, lebenslang lernen, Sex haben so lange es geht – das sind die idealen Voraussetzungen für ein gesundes Leben bis zum Tod.

Das ist ein ermutigendes Signal aus der Psychologie. Jeder hat es zumindest zum Teil selbst in der Hand, wie er oder sie altert. Ab etwa 25 Jahren.

Roland Mischke