Illegal in St. Gallen

Asylbewerber Fadura* ist untergetaucht. Lieber lebt er illegal von Nothilfe und Almosen, als zurück in sein Land zu gehen. Irgendwann darf er bleiben, hofft er.

Julia Buatsi
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Mittendrin und doch nur am Rand: Fadura traut sich bei Tageslicht selten auf die Strasse. (Bild: Urs Jaudas)

Mittendrin und doch nur am Rand: Fadura traut sich bei Tageslicht selten auf die Strasse. (Bild: Urs Jaudas)

In Gambia hat Fadura Kühe gehütet. Jetzt sitzt er die meiste Zeit in seiner verdunkelten Wohnung in St.Gallen. Fadura hat kein Geld, keine Papiere, keine Aufenthaltsbewilligung. Vor elf Monaten hat er den Nichteintretensentscheid (NEE) bekommen. «Am 2. Mai 2009», sagt er wie aus der Pistole geschossen. An jenem Tag ist sein Traum geplatzt. Seither ist er illegal.

Bekannte zahlen Miete

Fadura fällt auf. Nicht nur, weil er schwarz ist. Seine Kleidung verrät, dass er kein Geld hat: Auf dem übergrossen Jeanshemd steht der Name einer Ostschweizer Elektrofirma. So zieht sich nur an, wer die Kleider aus der Sammlung hat. Fadura geht schnell, spielt mit seinem Handy, schaut sich oft um. Dabei möchte er vor allem eins: nicht auffallen.

Nachdem wir in seiner Wohnung angekommen sind, dreht er den Schlüssel dreimal im Schloss und zupft die Nachtvorhänge zurecht. Erst dann entspannt er sich. Er sei so wenig wie möglich draussen, sagt er. Sein 1-Zimmer-Studio ist zweckmässig eingerichtet: eine grosse Luftmatratze zum Schlafen, Kühlschrank, Kochnische, Schuhregal. Wie Trophäen sind die Schuhe darauf angeordnet, auf dem obersten Fach stehen Kerzen. Ansonsten gibt es keine persönlichen Gegenstände in der Wohnung. Keine Bilder, keine Bücher, nichts.

Bekannte mieten das Zimmer für ihn. «Helfer», wie Fadura sagt. Sie machen sich strafbar, weil sie dem Illegalen einen Wohnsitz verschaffen. Deshalb trage er den Wohnungsschlüssel nie auf sich, sondern verstecke ihn in der Nähe des Hauses – damit ihn die Polizisten nicht entdecken.

Jeden Mittag fährt Fadura in die Stadt, wo er im «Cabi», einem Treffpunkt für Migranten und Flüchtlinge, gratis isst. Den Morgen verbringt er in seiner Wohnung. Am Nachmittag trifft er manchmal Freunde, meistens bleibt er aber in der Wohnung.

«Ich will auf keinen Fall negativ auffallen. Deshalb habe ich immer ein Billett für Bus und Zug», sagt Fadura. Er zeigt sein «Gleis 7» und das «Ostwind»-Abo, das ihm Bekannte gekauft haben. Wenn die Polizei ihn trotzdem anhält, kooperiert er. «Sie durchsuchen mich. Manchmal muss ich für einige Tage ins Gefängnis. Dann lassen sie mich wieder frei – weil ich mich gut benehme. Nur das Land verlasse ich nicht.»

Im Schlepperboot übers Meer

Ende 2008 hat Fadura in der Schweiz Asyl beantragt. Seine Heimat verlassen habe er bereits 2006, erzählt der Westafrikaner. Zwei Jahre dauerte die Reise: von Gambia über Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger, Libyen. An Libyens Küste geht er auf ein Schlepperboot, das ihn nach Italien bringt. Dort lebt er auf der Strasse, bis jemand Mitleid mit ihm hat und ihm ein Zugticket in die Schweiz kauft. «Ich wollte von Anfang an in die Schweiz. Hier kenne ich Leute.» Fadura wirkt seltsam unbeteiligt, wenn er von seiner Reise erzählt. Er antwortet knapp, erzählt keine Details. Ob die Reise hart gewesen sei? «Manchmal.» Wie er sie finanziert habe? «Ich bin gereist, habe gearbeitet. Bin weitergereist. Am längsten war ich in Libyen, weil ich viel Geld für die Fahrt übers Mittelmeer brauchte.» Ob er wisse, dass in solchen Schlepperbooten jedes Jahr viele Flüchtlinge ums Leben kommen? «Ja.» Ob er Freunden in der Heimat von der Reise nach Europa abraten würde? Fadura überlegt. «Das muss jeder für sich entscheiden.»

Herkunft unbekannt

Den St. Galler Polizisten sagt Fadura: «Wenn ihr mich zurückschickt, könnt ihr mir gleich einen Sarg mitgeben.» Doch bis jetzt droht ihm die Zwangsausschaffung nicht. Wohin auch? Er hat keine Papiere. Es ist nicht einmal sicher, dass er aus Gambia stammt. Fadura erzählt «seine Geschichte» nur zögerlich: «In Gambia hatte ich eine Beziehung zur Tochter eines Imams. Die Frau wurde schwanger. Als ihre Familie davon erfuhr, wollte sie mich töten. Deshalb bin ich geflohen.» Jeder Asylsuchende hat so eine Geschichte. Denn wer nicht aus einem Land kommt, in dem Krieg herrscht, muss belegen, dass er von Folter, Mord oder Gefängnis bedroht ist. Wirtschaftsflüchtlinge, Menschen, die ihre Heimat verlassen, weil sie sich an einem anderen Ort ein besseres Leben erhoffen, haben keine Chance, aufgenommen zu werden.

Jeden Tag etwas zu essen

Vielleicht existiert die Tochter des Imams. Gut möglich aber auch, dass ein ganzer Clan sehnsüchtig darauf wartet, dass Fadura Geld nach Hause schickt. Manchmal spare er seine acht Franken Nothilfe, sagt Fadura, «zehn Tage oder noch länger». Dann schicke er das Geld seiner Mutter. «Ich habe hier jeden Tag zu essen. Meine Mutter hat manchmal nichts.»

Was sein Traum sei? Jetzt strahlt Fadura übers ganze Gesicht. «Ein gutes Leben.» Dafür brauche er die Aufenthaltsbewilligung, denn erst dann dürfe er arbeiten. «Wenn du hier arbeitest, hast du ein gutes Leben.» So einfach ist die Rechnung von Fadura. Mehr weiss er nicht, möchte er nicht wissen. Er bete jeden Tag zu Gott, dass er «das Papier» irgendwann erhalte. An diesen Traum klammert er sich. Zurück in die Heimat gehe er nicht, wiederholt er. Bestimmt, fast trotzig. Obwohl er seine Familie jede Minute vermisse. Wenn er es nicht mehr aushalte, rufe er die Mutter an.

Fadura wartet darauf, dass sich in der Schweiz «eine Möglichkeit» ergibt. Was für eine Möglichkeit das sein soll, kann er nicht sagen. Lieber flüchtet er sich in Lebensweisheiten: «Wenn du heute leidest, bist du morgen glücklich.» Was, wenn nicht? Was, wenn er auch in zwei, drei Jahren immer noch illegal hier lebt, sich versteckt, auf Almosen angewiesen ist? Daran denke er nicht, sagt Fadura. Die Vorstellung ist ihm so unangenehm, dass er zu stottern beginnt. Vielleicht finde er hier ja eine Frau, sagt er schliesslich.

Dass er als Papierloser nicht heiraten kann, davon möchte Fadura nichts wissen.

*Name von der Redaktion geändert

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