«Ich wars nicht!» – Warum Kinder lügen – und wie Eltern darauf reagieren sollen

Wann ist die Flunkerei unbedeutend und wann ernst? Und wie fördert man Ehrlichkeit?

Anny Gielas
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Meistens lügen Kinder, weil sie Angst haben vor der Reaktion der Erwachsenen.

Meistens lügen Kinder, weil sie Angst haben vor der Reaktion der Erwachsenen.

Bild: Shutterstock

Jetzt bloss nicht lachen! Das denkt sich Esther Thieme, als ihr dreijähriger Sohn Tristan mit ernster Miene behauptet, er habe nicht mit der Topfpflanze gespielt. «Habe ich nicht, Mama!», sagt der kleine Schwindler. An seinen Fingern klebt Erde, die beige Hose ist mit schwarzen Flecken übersät. «Wirklich!», fügt Tristan energisch hinzu.

Nicht alle Eltern reagieren so entspannt wie diese Mutter. Manche fragen sich gar, ob aus ihren kleinen Schwindlern noch ehrliche Menschen werden können. «Kinder lügen aus verschiedenen Gründen», sagt die Psychologin Marielle Donzé vom Elternnotruf in Zürich.

«Der häufigste Grund ist die Angst vor der Reaktion der Eltern.»

Kinder schwindeln auch, um die eigenen Wünsche durchzusetzen. Beispielsweise um ein paar Kekse mehr zu bekommen oder länger am Computer spielen zu dürfen. Manche erfinden Geschichten, weil sie sich mehr Anerkennung und Lob wünschen. «Ich habe gestern fünf Saltos auf dem Trampolin geschafft!», erzählt die füllige Mirja. Wenn das Selbstvertrauen des Kindes gering ist oder es sich kaum beachtet fühlt, dient Flunkern auch dazu, sich interessant zu machen. Die Kleinsten glauben, was sie lügen. Kinder bis etwa drei Jahre kennen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie nicht. Sie erzählen Dinge, die nicht stimmen – und sind sich der vermeintlichen Wahrheit ganz sicher. Wie der dreijährige Tristan.

Schwindeln und Flunkern ist nicht Lügen

Dagegen setzt bewusstes Schwindeln beachtliche kognitive Fähigkeiten voraus: Das Kind muss zwischen sich und anderen unterscheiden können. Es muss sich seiner eigenen Gedankengänge bewusst sein, dass andere Menschen andere Ziele haben. Ausserdem muss sich ein kleiner Schwindler in andere hineinversetzen können, um zu wissen, was sie von ihm hören möchten – und was nicht.

Es bedarf all der Fähigkeiten, die Psychologen als «Theory of Mind» bezeichnen. Diese entwickeln sich im Alter von etwa drei bis fünf Jahren. In dieser Phase sind Schwindeleien sowohl ein erster Ausdruck als auch eine Erprobung der eigenen Identität. Entwicklungspsychologe Luciano Gasser von der Pädagogischen Hochschule Luzern sagt dazu: «Eltern müssen sich keine Sorgen machen, wenn Kinder in diesem Alter hin und wieder flunkern.»

Schwindeln ist nicht nötig

Aber die Erwachsenen sollten diese Flunkereien nicht ignorieren – sondern sie als günstige Momente betrachten, um dem Kind den Wert von Ehrlichkeit zu vermitteln. Bei kleineren Kindern können sie humor- und fantasievoll reagieren. Etwa das Kind nach dem unsichtbaren Freund fragen, der angeblich den letzten Keks stibitzt hat. Dabei sollten sie vermitteln: Schwindeln ist nicht nötig. Sie können sagen: «Du magst etwas Unerwünschtes gemacht haben – aber kannst es immer offen sagen.»

Gewöhnt sich das Kleinkind daran, dass Schwindeln unnötig und Ehrlichkeit willkommen ist, wird es mit zunehmendem Alter generell seltener lügen. Bei Kindern ab etwa vier bis fünf Jahren sollten die Eltern sich mehr Zeit für ein Gespräch nehmen. Dabei sollten sie respektvoll bleiben: Sie können das kindliche Verhalten kritisieren, aber nicht das Kind. Den Heranwachsenden gar als Lügner zu beschimpfen ist tabu. Es schämt sich – und lernt ähnlichen Situationen aus dem Weg zu gehen, indem es nicht weniger, sondern womöglich mehr flunkert.

Ernste und harmlose Lügen

«Eltern sollten die Schwindelei möglichst nicht dramatisieren», rät Donzé vom Elternnotruf. Im Gespräch sollten Eltern den Gründen des Schwindelns nachgehen. Die Erwachsenen können fragen: «Hast du Angst, dass wir dich bestrafen?» oder «Hast du dich in der Situation überfordert oder ängstlich gefühlt und deshalb geschwindelt?» Das Ziel ist, ernste von harmlosen Lügen unterscheiden zu können.

Gleichzeitig sollten Eltern ihren Nachwuchs auf die Nachteile des Lügens aufmerksam machen. Durch Schwindeln und Lügen, so ein denkbares Argument der Eltern, mache es sich das Kind unnötig schwer – weil es allein mit einem Problem kämpft, bei dem Mama und Papa ihm gerne helfen würden. Anschliessend können Eltern mit dem Kind überlegen: Wie kann es den Fehler, den es mit seinem Schwindeln verheimlichen wollte, wiedergutmachen? Sieht das Kind, dass es seine Fehler aus der Welt schaffen kann, wird es langfristig selbstbewusster mit ihnen umgehen.

Und gut gemeintes Lügen?

Doch was tun bei Schwindeleien, die im Grunde gut gemeint sind? Etwa wenn das Kind ein Geschenk der Oma nicht mag – ihr aber sagt, es gefalle ihm sehr gut. Das schützt die Gefühle und die Beziehung zur Grossmutter, ist aber streng genommen eine Lüge. «Diese ‹weisse› Lüge kann als soziale Kompetenz und Empathie betrachtet werden», sagt Luciano Gasser:

«Da müssen die Eltern selbst entscheiden, ob sie diese soziale Fähigkeit ihres Kindes oder aber die rigorose Ehrlichkeit fördern.»

Sollen Eltern eine «weisse Lüge» sogar fördern? In diesem Fall müssen Eltern für sich selbst klären: Wo sollen wir die Grenze ziehen zwischen erwünschtem und unerwünschtem Schwindeln? Die Antwort finden die Erwachsenen ausgehend von ihrem eigenen Verhalten: Eltern, die stets ehrlich sind – ohne auf die Gefühle anderer Rücksicht zu nehmen –, werden ihrem Nachwuchs kaum vermitteln können, dass er in manchen Situationen zum Wohle der Verwandten flunkern soll. Denn das Kind schaut sich ehrliches und unehrliches Verhalten auch von den Eltern ab.

Auch der Erziehungsstil prägt den kindlichen Umgang mit der Wahrheit. Ein Elternhaus, das rigorose Regeln vorschreibt, viel Kontrolle ausübt und dem Kind kaum Freiraum lässt, führt zu Schwindeleien. Der Heranwachsende lügt, um Aufmerksamkeit für seine Bedürfnisse zu bekommen. Ein Elternhaus, das offene Gespräche und respektvollen Austausch favorisiert, begünstigt die Wahrheit. Hier merkt das Kind: «Meine Ehrlichkeit wird nicht bestraft, sondern hilft, Probleme aus der Welt zu schaffen.» Die entscheidende Lektion: Es lohnt sich viel mehr die Wahrheit zu sagen als zu lügen. 

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