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«Ich war ein blutarmer, verachteter Mann»

Das Haus seiner Jugendzeit, im Dreyschlatt, ist die Originalkulisse des Freilichtspiels «Ueli Bräker – der arme Mann im Tockenburg». Die Bühne Thurtal macht das Bräkerhaus zu einer Art «Spiel-Haus» und «Traum-Haus».
Markus Wigert

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Vor dem Publikum entwickelt sich der Mikrokosmos eines ärmlichen landwirtschaftlich geprägten Toggenburgs von vor 200 Jahren. (Bilder: Bilder: Benjamin Manser)

Vor dem Publikum entwickelt sich der Mikrokosmos eines ärmlichen landwirtschaftlich geprägten Toggenburgs von vor 200 Jahren. (Bilder: Bilder: Benjamin Manser)

Zwei Gräber. Zwei einfache schwarze Holzkreuze. Die beiden ältesten Kinder sind tot. Hingerafft von Hunger und Krankheit. Ueli und seine Frau Salomé stehen gebrochen an ihrem Grab. «Warum gerade unsere Kinder?», schreit Ueli verzweifelt. «Wir haben ja noch fünf andere», versucht ihn Salomé zu beruhigen und trocknet mit einem weissen Taschentuch ihre Tränen ab.

Eine der vielen bewegenden Szenen des neuesten Theaterstückes von Paul Steinmann. Der Autor bildet sowohl eine kleinbäuerliche Welt ab wie auch die historische Epoche der Loslösung des Toggenburgs von der Fürstabtei St. Gallen, die Lebensspanne von Ulrich Bräker, die Zeit der französischen Revolution und deren Vorboten in der damaligen Schweiz vor gut 200 Jahren. Alle diese Geschehnisse entfalten ihre Wirkungsmacht auf dem Hof Dreyschlatt und finden Eingang in den unruhigen Geist von Ueli Bräker, der seine Zeit zum Leidwesen seiner Frau vor allem lesend und schreibend verbringt, anstatt seinen Pflichten als Bauer und Ernährer der Familie nachzukommen.

Gegen die schöngeistige Leserei

Die dauernden Konflikte zwischen der resoluten Salomé und dem introvertierten Ueli ziehen sich wie ein roter Faden durch das zweistündige Werk, das angelegt ist als Stationentheater mit unzähligen Rückblenden.

Er steht dabei dem namhaften Trachtenmaler Josef Reinhard Modell. Die entspannte Körperhaltung will ihm nicht recht gelingen. Deshalb der dramaturgische Kunstgriff mit dem Erzählen: er entspannt und wird zugleich zum roten Faden für das Theaterstück. Ausserdem veranschaulicht die Szene, dass Ueli ein bekannter Schriftsteller geworden ist durch seinen Zürcher Verleger Füssli. Nur berühmte Leute werden auf Ölbildern verewigt. «Die Lebensgeschichte des armen Mannes aus dem Tockenburg» bleibt jedoch das einzige Buch, das etwas Einkommen auf den Hof Dreyschlatt bringt. Alle übrigen bleiben ohne Resonanz und finanziellen Erfolg, was den dauernden Ärger von Salomé noch befeuert.

Visionen, Illusionen und Live-Musik

Kein historisch authentisches Abbild dieser Zeit wollte der Regisseur Stefan Camenzind auf die Bühne bringen, «was dem Theater grundsätzlich nie gelingen kann», sondern eine theatrale Übersetzung davon. Ein Abend der Überraschungen, der Visionen und der Illusionen sollte es werden. Diesem Anspruch ist er zweifellos gerecht geworden. Mit dem Original-Schauplatz, dem bekannten «Bräkerhaus» geht er spielerisch um und lässt es zu einer Art «Spiel-Haus» werden, mit dem die Vergangenheit von Ueli in die Gegenwart geholt wird und bei Bedarf wieder verschwindet. Uelis lebhafte Fantasie verwandelt die Kulisse gelegentlich auch in ein «Traum-Haus», um der trostlosen Realität mindestens vorübergehend entfliehen zu können.

Spätestens jetzt muss auch die Livemusik der Gruppe Tritonus gewürdigt werden unter der musikalischen Leitung von Urs Klauser. Sie ist integraler Bestandteil des Freilichtspiels und setzt zusammen mit der Landschaft von Dreyschlatt mystische Akzente. Die musikalischen Bearbeitungen aus dem 18. Jahrhundert sollen das Publikum in Bräkers Zeit entführen, so der musikalische Leiter. «Unsere erste Inszenierung mit Livemusik» meinte der Produktionsleiter Willy Hollenstein zu Beginn nicht ohne Stolz. Das Experiment darf als gelungen bezeichnet werden.

Fünf verschiedene Uelis

Insgesamt werden die verschiedenen Lebensabschnitte des Protagonisten durch fünf Schauspieler unterschiedlichen Alters dargestellt. Vom neunjährigen Bub bis zum 63-jährigen Greis kurz vor seinem Tod. Im Stil eines Volkstheaters mit an die 100 ambitionierten Laiendarstellern entwickelt sich vor den Augen des Publikums auf der vollbesetzten Tribüne der Mikrokosmos eines ärmlichen, landwirtschaftlich geprägten Toggenburgs der damaligen Zeit.

Da treten so urige Gestalten auf wie etwa die «Chacheli-Marie», der Guschti, das Anneli, der Schaagi, das Babettli, der Lehrer Ambühl, die Luise und viele mehr. Ihre Leistung ist bemerkenswert mit präzis gezeichneten Charakteren. Auch Intrigen dürfen nicht fehlen. Und davon gibt es einige: Wie der Grosskotz Laurenz dem jungen Ueli bei dessen kurzem Söldnerdienst im preussischen Heer Friedrich des Grossen das Anneli ausspannt oder wie Uelis Nachbarn unbeglichene Schuldscheine auf den Hof bringen und den braven Mann in den Konkurs ­treiben. «Ihr Aasgeier vertreibt mich von meinem Hof!»

Weitere Vorstellungen bis 10. August. www.buehnethurtal.ch

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