ICH UND MEIN ZUHAUSE «Alles muss seinen Platz haben»

Der St. Galler Künstler Josef Felix Müller lebt seit 19 Jahren in einem Haus aus den Fünfzigerjahren. Um mehr Platz zum Atmen zu haben, hat er vor kurzem einen modernen Anbau verwirklicht.

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Josef Felix Müller in seinem Lieblingsraum im modernen Anbau des Fünfzigerjahre-Hauses. (Bild: Sam Thomas)

Josef Felix Müller in seinem Lieblingsraum im modernen Anbau des Fünfzigerjahre-Hauses. (Bild: Sam Thomas)

Bis vor wenigen Wochen hätte man das bescheidene Doppelhaus in einem kleinen Seitenweg hinter der Brauerstrasse im Krontal-Quartier leicht übersehen. Das frühe Marty-Fertighaus aus den Fünfzigerjahren hatte nichts Aussergewöhnliches an sich. Doch seit der St. Galler Künstler Josef Felix Müller und seine Frau Monika vor vier Monaten auf der nördlichen Seite des Gebäudes einen modernen Kubus angebaut haben, verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart zu einer spannenden Einheit. Diese Vermischung zwischen alt und neu zieht sich durch das ganze, spärlich möblierte Haus. Nur da und dort beleben bunte Farben an Türen, Wänden und Treppengeländer die schlichten Räume.

Herr Müller, von einem Künstler erwartet man eigentlich ein kreatives Chaos. Das Interieur Ihres Hauses strahlt aber erstaunlich viel Leere und Disziplin aus?

Josef Felix Müller: Die Räume in unserem Haus sind klein. Füllte ich sie noch mit unnützen Sachen, würde mich das erdrücken. Ich ertrage keinen Ballast um mich herum. Ich brauche neutrale Räume, damit mein Kopf, der tagsüber voller Eindrücke und Gedanken ist, abends zur Ruhe kommt. Ich möchte mich vor zu viel Ablenkung schützen. Meine Frau und ich haben uns auch ein wenig wie Nomaden organisiert: Wir möchten so wohnen, dass wir jederzeit bereit sind, unsere Zelte abzubrechen, um mit dem Notwendigsten zu verreisen.

Was ist denn für Sie das Notwendigste?

Müller: Ein Bett zum Schlafen, eine Küche zum Kochen, ein grosser Tisch zum Geniessen eines guten Essens, ein Stuhl zum Lesen, ein Ofen zum Wärmen, ein Pult zum Arbeiten. Jeder Gegenstand hat seinen Platz und seinen eigenen Raum. Mehr braucht es im Grunde nicht.

Dass Josef Felix Müller auch wirklich lebt, was er sagt, bestätigt ein Rundgang durch die relativ kleinen Zimmer des alten Hausteils. Das einst düstere Häuschen mit den grob verputzten Wänden und dem dunklen Holz an Türen, Treppen, Schränken und Decken hat der Künstler im Laufe der Jahre immer wieder selber bearbeitet und übermalt, um mehr Licht und Leichtigkeit zu erhalten. Die zentralen Elemente aus den Fünfzigern wie Türen, Einbau-Schränke und Wand-Ornamente hat er in Violett-, Gelb- oder Blautönen angestrichen, um das Formen- und Lebensgefühl von damals ironisierend zu würdigen. Sonst aber ist es auffallend leer in den Räumen. Ein eiserner Schweden-Ofen beherrscht das Wohnzimmer, davor stehen zwei bunte Design-Stühle, ein Fernseher und drei grosse Holzschalen mit Tannzapfen, Kiwi-Stauden aus dem Piemont sowie Mandarinen- und Dattel-Kernen aus Sizilien. Nur vereinzelt schmücken Werke seiner Tochter Vera Ida die eine oder andere Wand. Sonst sind sie weiss und nackt.

Weshalb hängen keine Gemälde von Ihnen oder anderen Künstlern?

Müller: Ich brauche keine Bilder als Dekoration. Schon gar nicht von mir selbst. Ich bin ja meistens den ganzen Tag in meinem Atelier in der Stadt, von meinen Arbeiten, Utensilien und Büchern umgeben. Daheim möchte ich von all dem Distanz gewinnen. Ich kann mit leeren Wänden gut leben. Ich habe keine Lust, ständig an fremden Welten teilnehmen zu müssen. Das heisst nicht, dass ich keine Bilder besitze. Ich hänge sie einfach nicht auf. Ich betrachte die Werke, setze mich mit ihnen auseinander, lasse sie auf mich wirken und lege sie dann wieder weg. Gute Bilder hat man im Kopf, nicht an der Wand.

Sie klammern sich nicht an Dinge und sind auch kein Sammler von Gegenständen?

Müller: Wenn Sie an Aschenbecher oder alte Stiche denken, ganz bestimmt nicht. Ich trenne mich systematisch jeden Samstag, wenn Putztag ist, von allem, was mir nicht mehr dient. Ich habe zum Beispiel nur gerade so viele Kleider, wie ich wirklich trage. Sind sie verbraucht, kommen sie weg. Ich besitze nur wenige Paar Schuhe. Das reicht. Genau so ist es mit allen Dingen: Ich befreie mich mit eiserner Disziplin von allem Überflüssigen.

In Ihrem Wohnzimmer hat es weder ein Sofa noch einen Teppich oder ein Büchergestell. Auch Grünpflanzen fehlen. Finden Sie das trotzdem gemütlich?

Müller: Gemütlichkeit erzeugt der Mensch selbst. Dazu braucht er kein vollgestopftes Zimmer. Die Wärme hole ich von unserem alten Schweden-Ofen aus Stahl. Er lässt mich das Elementare des Wohnens erfahren. Gemütlich kann ich es mir überall machen: in einem der beiden Sessel im Wohnzimmer oder auf einem alten Schaffell, das ich auf den Boden lege. Fast überall hin begleitet mich ein Buch. Am liebsten bin ich natürlich in meinem neuen Studier- und Sinnier-Zimmer, in welchem ich lese und im Winter, wenn es im Atelier zu kalt ist, auch male.

Tatsächlich verleiht der moderne, von Licht durchströmte Anbau dem Haus eine neue Dimension. Durch das grosse, aus einem einzigen Glasstück geschnittene Fenster, das sich wie eine Skulptur in die Aussenwand einfügt, öffnet sich der Blick auf einen alten Nussbaum. Die Morgensonne falle direkt auf seinen Arbeitsplatz, schwärmt Felix Müller. Am Boden unter dem Fenster stehen drei kleine Bilder aus der neuen Micro-Serie des Künstlers, auf dem Stuhl daneben liegt ein Buch des Piemonteser Schriftstellers Cesare Pavese. An der Wand gegenüber wartet eine grosse Öl-Rekonstruktion einer Fotografie auf Weiterbearbeitung. Kraftvoll spiegeln sich auf der Leinwand die Blätter im Wasser. Durch ein weiteres Fenster hat der Künstler einen direkten Kontakt zu seinem Garten und zu den beiden Teichen, die er schmunzelnd «seine Tümpel» nennt.

Im Gegensatz zum Hausinnern ist Ihr Garten recht wild?

Müller: Ja, das stimmt. Im Garten bestimmt die Natur den Rhythmus und die Ordnung. Mein Garten bietet mir mit seiner ganzen Wildheit Geborgenheit und stellt eine intensive Verbindung zum Wandel der Jahreszeiten dar. Es ist schön zu sehen, wie sich trockene Gräser und Blumen im Winter in kleine Kunstwerke verwandeln und wie die Frösche im Frühling über das halb gefrorene Wasser rutschen. Meine beiden «Tümpel» sind natürlich auch ein Teil meiner Arbeit. Ich beobachte, erforsche, fotografiere und dokumentiere seit Jahren ihre allmähliche Veränderung. Der Garten, wie auch meine zahlreichen Spaziergänge und Wanderungen, sind zentrale Inspirationsquellen für meine Arbeit.

In Ihrem neuen Arbeitsraum steht auch ein alter Holzofenherd. Kochen Sie gerne?

Müller: Das Koch-Talent in der Familie ist meine Frau. Wir haben gerne Gäste. Dann sitzen wir im Winter am langen Holztisch und geniessen einen Schmorbraten oder eine feine Suppe, die wir auf dem alten Holzherd wärmen.

In Ihrem Haus findet man sonst nur wenige alte Stücke. Haben Sie Antiquitäten nicht gerne?

Müller: Es gibt sehr schöne alte Möbel, aber ich möchte keine in meiner Nähe haben. Ich lebe im Jetzt und möchte dem Aktuellen seinen Platz geben.

Dann interessiert Sie moderne Architektur?

Müller: Sehr sogar. Für mich ist moderne Architektur dann gut, wenn sie Freiräume schafft und Formen definiert, ohne diese zu diktieren.

Josef Felix Müller setzt sich in seinen blauen Lieblingsstuhl im hellen Anbau-Zimmer, geniesst den offenen Blick durch den angrenzenden Wohn- und Essraum hindurch auf den hinteren Garten mit einer grossen Buche. Ein Haus sei ein Gefäss, in welchem sich der Alltag spiegelt, sagt er. Eine körperliche und seelische Oase. «Eine Tankstelle».

Yvonne Forster

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