«Ich muss verrückt sein»

Konversionen Die Ausstellung Treten Sie ein! Treten Sie aus! stellt Menschen vor, die ihre Religion wechseln: Sie waren Katholiken oder Juden und werden Protestanten, Moslems, Mormonen oder Pastafari. Eine Schau über Menschen auf der Suche nach Sinn. Oder nach Anerkennung. Valeria Heintges

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Erst Jüdin, dann Nonne: Edith Stein, Ölgemälde von Simeon Gigov im Karmelitenkonvent Wien. (Bild: pd)

Erst Jüdin, dann Nonne: Edith Stein, Ölgemälde von Simeon Gigov im Karmelitenkonvent Wien. (Bild: pd)

Edith Stein hat es getan, Gustav Mahler und Heinrich Heine. Auch Moritz Gottlieb Saphir und Isaac Wolff. Sie wechselten ihre Religion, waren Juden und wurden Christen. Heine wurde Protestant, die anderen Katholiken. Edith Stein konvertierte, weil sie sich zum Christentum berufen fühlte; die anderen, weil ihnen die gesellschaftliche Anerkennung versagt blieb und sie hofften, als Christen endlich gleiche Rechte wie ihre Mitbürger zu bekommen.

Heinrich Heine wäre gerne Jude geblieben. «Ich werde noch aus Ärger katholisch u hänge mich auf!», schrieb er am 27. September 1823 an seinen Freund Moses Moser. Von ihm stammt auch der Satz «Der Taufschein ist das Entre Billet zur Europäischen Kultur». Seine Eltern nannten ihn trotzdem Harry und nicht, wie er nach der Taufe hiess, Christian Johann Heinrich.

Gesellschaftlicher Aufstieg

Mahler sah die Sache ähnlich pragmatisch. Er behauptete schon, Katholik zu sein, als er noch gar nicht getauft war. Die Taufe brachte ihm den erhofften Aufstieg, er wurde Kapellmeister und Direktor der Wiener Hofoper; unter Antisemitismus hatte er aber trotzdem immer wieder zu leiden.

Doch die Konversion von Judentum zu Christentum ist nur eine der vielen Wechselrichtungen, die die Ausstellung «Treten Sie ein! Treten Sie aus!» im Jüdischen Museum Hohenems zusammenstellt. Natürlich werden relativ viele Übertritte vom und zum Judentum vorgestellt. Aber unter den 45 Lebensläufen sind auch der Protestant, der Moslem wird, der Katholik, der zum Mormonentum übertritt, oder sogar die Katholikin, die es bis zur Priesterin der Yoruba-Religion bringt. Und Niko Alm wird als nicht praktizierender Katholik zum «Pastafari», das sind die Anhänger der parodistischen Religion des «Fliegenden Spaghettimonsters».

Die Stärke der Schau ist der Blick auf einzelne Menschen und persönliche Beweggründe für den beinahe intimen Schritt. Manche der Figuren sind bekannt, manche historische Persönlichkeiten, andere Zeitgenossen. Nicht wenige halten den Übertritt vor ihren Verwandten, vor allem den Eltern, geheim oder fürchten sich, ihnen davon zu berichten. Denn natürlich ist der Wechsel auch ein Schritt gegen die Familientraditionen. Er kann als Provokation gemeint sein oder so verstanden werden, und nicht selten ändert sich dadurch das soziale Umfeld fundamental. Darum erscheint die Protestantin, die ohne das Wissen ihrer Familie Muslima geworden ist, nur unter ihrem neuen Namen Kauthar – arabisch für «Überfluss» –, in der Schau ist das Gesicht unkenntlich gemacht, lediglich das Kopftuch zu sehen.

Einer Erweckung gleich

Getreu der Theorie, dass sich die Konversion in drei Etappen vollzieht, teilt sich die Ausstellung auf in «Vorher», «Passage» und «Nachher». Dem folgt der vierte Raum «Ausgang», in dem manche der hochfliegenden Träume auf dem harten Boden der Realität landen. Einige Menschen begegnen dem Besucher mehrmals. Erst gibt es von ihnen einen persönlichen Gegenstand, dann vielleicht ein Fernseh- oder Tondokument, später wird ihr Leben nach der Konversion beleuchtet; so kann ihre Geschichte sehr lebendig werden. Andere wiederum bleiben nebulös, tauchen nur in kurzen Texten auf, vor allem die Motivation des Wechsels erschliesst sich nicht immer.

Manche behaupten – nicht immer glaubhaft –, einen entscheidenden Moment, einer Erweckung gleich, erlebt zu haben. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, weniger Personen vorzustellen, denen aber genauer auf den Zahn zu fühlen.

Religion des Lebenspartners

Heutzutage nehmen viele Menschen die Religion ihrer Lebenspartner an: Ingolf Bodemann wird griechisch-orthodox wie seine bulgarische Frau. Von dem Ritual versteht er anscheinend nicht viel, immer wieder muss ihm, so zeigt ein kurzes Video, auf Deutsch jemand sagen, was er tun soll. Helga Stapf wird jüdisch wie ihr Mann. Susanne Wenger folgt ihrem Gatten nach Nigeria, als der dort eine Stelle bekommt. Sie konvertiert zur Yoruba-Religion, wird sogar Priesterin – zu dem Zeitpunkt ist ihr Mann allerdings längst wieder in der Heimat.

Dass der Konvertierte die neue Religion sehr strikt ausübt, hohe Ämter annimmt oder sogar extrem wird, ist ein verbreitetes Phänomen. Edith Stein wird Katholikin und Nonne, ebenso Ruth Eichmann. Leopold Weiss arbeitet als Muhammad Asad an der Gründung des moslemischen Staates Pakistan mit, seine Übersetzung des Korans ins Englische ist bis heute hoch angesehen.

Anfeindungen in der Gemeinde

Nicht immer aber werden die Menschen in ihrer neuen Religion glücklich. Hadassah Bat Abrahams Gebetsschal Tallit ist ein Schmerzenstuch geworden, so sehr hat sie ihre Enttäuschungen in den Stoff eingearbeitet. Auch früher blieb vielen konvertierten Juden die Anerkennung versagt, vor dem Gesetz waren sie ohnehin Juden, und die Nazis interessierte der Übertritt auch nicht. Edith Stein starb 1942 im Konzentrationslager Auschwitz. In ihrem 1939 verfassten Testament schrieb sie, sie sterbe auch «zur Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes».