«Ich mag halt die Warmduscher»

In seinem neuen Roman «Der letzte Weynfeldt» macht Martin Suter die Schweizer Kunstwelt zum Thema. Ein Gespräch über die Schweiz und die Kunst des Schreibens.

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Martin Suter mag – wie seine Hauptfigur Adrian Weynfeldt – gute Anzüge. (Archivbild: ky/Franco Greco)

Martin Suter mag – wie seine Hauptfigur Adrian Weynfeldt – gute Anzüge. (Archivbild: ky/Franco Greco)

Herr Suter, Sie leben auf Ibiza und in Guatemala. Wurmt es Sie, dass Ihr Verlag Sie mitten im Winter zur Lesereise bittet?

Martin Suter: Überhaupt nicht. Es hat mich gefreut, den Kindern Schnee zeigen zu können.

Kommen Sie noch lieber in die Schweiz zurück, seitdem Christoph Blocher aus dem Bundesrat abgewählt wurde?

Suter: Ja, das hat mich gefreut. Diese Partei hat sich aufgeführt wie eine Mehrheitspartei. Dabei hatte sie nur knappe 30 Prozent der Wähler. Im Parlament wurde sie jetzt einmal von der wirklichen Mehrheit in den Senkel gestellt. Als Auslandschweizer bekommt man das ja anders mit: Dieser Wahlkampf war sehr schlecht für das Ansehen der Schweiz, es entstand der Eindruck, man sei ein rechtsradikales Land geworden.

Sind Sie Exilpatriot?

Suter: Nun ja. Man kann von fern besser sortieren. Die meisten Schweizer haben diesen Trieb in sich, irgendwann einmal das Land zu verlassen. Es war bei uns aber keine Republikflucht. Ich finde in Guatemala vor allem die Musse zu schreiben. Auf Ibiza haben wir ein – für Schweizer Verhältnisse – sehr grosses Stück Land mit vier Hektaren, auf dem wir Wein, Oliven, Orangen anbauen. Das kann man hier nicht haben.

Was verbindet den Olivenbauer Suter mit dem gesetzten Kunstexperten Weynfeldt?

Suter: Es kann sein, dass wir Seelenverwandtschaften haben. Ich trage zwar keine 10 000-Franken-Massanzüge, aber ich mag auch gute Anzüge und gute Schuhe. Und ich versuche wie er, gewisse Anstandsregeln einzuhalten.

Und Sie schätzen beide Somerset Maugham.

Suter: Ja, wir mögen ihn beide. Ich bin ein grosser Freund und Bewunderer von ihm. Er ist ein grossartiger Erzähler, einer, der nicht wertet und nicht urteilt. Er hat einen grossen Respekt vor dem Leser. Er schreibt nicht für sich und hält sich selbst heraus.

Standen Vallottons Gemälde und das Setting in der Kunstwelt von Anfang an fest für «Der letzte Weynfeldt»?

Suter: Zuerst interessierte mich das Was-wäre-wenn: Wenn ein Mann eine Frau vor dem Selbstmord bewahrt und diese dann verfügt, er sei fortan für ihr Leben verantwortlich. Dann wollte ich jemanden, der etwas aufs Spiel zu setzen hat: seinen Ruf, seine gesellschaftliche Stellung. So kam ich auf die Idee mit dem Kunstexperten. Dann brauchte ich noch das Corpus Delicti. Und mit Vallottons Rückenakt vor dem Salamander-Ofen konnte ich auch noch die sinnlich-erotische Sphäre einbinden.

Weynfeldt ist wieder eine dieser Suter-Figuren, die aus ihren Gewohnheiten geworfen werden. Mögen Sie keine Helden?

Suter: Mich interessiert die Identitätskrise, die Veränderung vom Anfang bis zum Ende. Zu «Lila, Lila» hat jemand gesagt, der Held sei ein ziemlicher Warmduscher. Ich mag halt die Warmduscher lieber als die Kaltduscher. Wie ein Schwimmer im 50-Meter-Becken eine Länge schwimmt, ist weniger interessant als die Frage, wie ein Nichtschwimmer reagiert, wenn man ihn ins Wasser stösst.

Als die suizidale Lorena in Weynfeldts Leben dringt, beginnt der Roman zu laufen wie ein Uhrwerk. Man hat Ihnen schon vorgeworfen, dass Sie zu strukturiert arbeiten.

Suter: Jetzt gerade wieder. Es macht Spass, sich eine Struktur zurechtzulegen und sich an gewisse Erzählregeln zu halten. Bei einem Komponisten geht auch nicht alles aus dem Bauch, ausser er ist ein Freejazzer. Ich habe die Aufgabe, das Interesse des Lesers wachzuhalten. Egal, ob sich die Rezensenten beklagen, man lese die Bücher zu schnell, weil man ständig weiterblättern möchte.

Ich versuche, eine Geschichte zu erzählen, und nicht, genüsslich an den Sätzen zu lutschen. Ich mag es natürlich, wenn die Leser lächeln oder finden: «schön gesagt». Aber es sind Geschichten, keine Lyrik.

Ihre Bücher sind sehr filmisch geschrieben. Ist da etwas zu erwarten?

Suter: «Lila, Lila» wird im Frühling mit Daniel Brühl verfilmt. Bereits begonnen hat die Arbeit an «Small World» in Frankreich mit Gérard Depardieu und Charlotte Rampling. «Die dunkle Seite des Mondes» sollte dieses Jahr auch noch Produktionsstart haben.

Schreiben Sie die Drehbücher selbst?

Suter: Oh, nein. Ein Drehbuch ist ein Rohprodukt für den Regisseur, und es interessiert mich nicht, das Endprodukt Roman wieder zurückzuverwandeln.

Interview: René Zipperlen