Interview

«Ich kann machen, was ich will»: Die 30-jährige Songwriterin Laura Marling über ihre Leidenschaft zur Psychoanalyse und den Corona-Alltag

Die britische Songwriterin Laura Marling gehört zu den besten ihres Fachs. Neben Musik beschäftigt sie sich auch mit Psychoanalyse.

Steffen Rüth
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Die meisten Musiker verschieben die Veröffentlichung ihres Albums. Laura Marling macht’s umgekehrt: Sie hat’s vorverschoben.

Die meisten Musiker verschieben die Veröffentlichung ihres Albums. Laura Marling macht’s umgekehrt: Sie hat’s vorverschoben.

Bild: Sonic

Sie hat früh angefangen. Schon mit 18 veröffentlichte Laura Marling, unterstützt von musikbegeisterten Eltern, ihr erstes Album, sie war Teil der Londoner Neo-Folk-Szene um Bands wie Mumford & Sons und sie beeindruckt seitdem regelmässig mit aussergewöhnlich guter Musik. Auf ihrem siebten Soloalbum, «Song For Our Daughter», konzentriert sich die 30-jährige Londonerin auf ihre Spezialität, nämlich melodische, inhaltlich meinungsfreudige wie poetische Folk-Pop-Lieder allererster Güte.

Im Hintergrund zwitschern die Vögel. Wo erreichen wir Sie?

Laura Marling: Ich spaziere gerade über meinen Lieblingsfriedhof. Hier ist es herrlich ruhig und idyllisch. Ich wohne im Norden Londons.

Kommen Sie mit Corona so weit klar?

Tja, ich arrangiere mich, etwas anderes bleibt einem ja nicht übrig. Ich habe in den vergangenen Wochen gelernt, dass es wichtig ist, strikte Routinen einzuhalten, sonst versackt man in diesem neuen Leben. Das heisst, ich versuche immer zur selben Zeit aufzustehen, zu essen, rauszugehen. Und ich lese noch viel mehr als sonst.

Während alle anderen ihre neuen Alben gerade zurückhalten, gehen Sie den entgegengesetzten Weg und haben «Song For Our Daughter», das ursprünglich im August kommen sollte, schon im April veröffentlicht. Warum?

Warum nicht? Musik zu hören, zählt zu den schönsten Dingen, die man gerade jetzt zu Hause machen kann. Ich merke das an mir selbst. Endlich setze ich mich wieder hin und höre vollständige Alben, das hatte ich seit einer Weile nicht mehr gemacht. Die Entscheidung, es jetzt rauszubringen, habe ich wirklich sehr spontan, allenfalls zehn Tage vorher, getroffen.

Sie haben sich für ein zweijähriges Studium im Fach Psychoanalyse eingeschrieben, ein Jahr ist jetzt rum. Was reizt Sie daran?

Als langjährige Patientin empfinde ich Psychoanalyse als sehr nützlich. Ich selbst strebe keine klinische Ausbildung an und will auch nicht als Therapeutin arbeiten. Ich folge mit diesem Studium in erster Linie meiner Nase und meinen Interessen. Ein grosser Luxus meines Lebens ist ja, dass ich machen kann, was ich will. Meine spezielle Leidenschaft gilt bei meinem Studium der Frage, wie Psychoanalyse mit Kunst und Kreativität zusammenhängt. Richtig spektakulär finde ich zum Beispiel, wie Lou Andreas-­Salomé, eine der ersten Psychoanalytikerinnen und Mitarbeiterin von Freud, ihren Liebhaber Rainer Maria Rilke durch seine kreativen Episoden führt. Sie sagte zu ihm, dass es wichtiger sei, seine Dämonen in Schach zu halten, als sie ganz loszuwerden. Diese Aussage bringt mir grossen Frieden und definitiv einen besseren Schlaf (lacht).

Dann haben Sie sich also mit Ihren Dämonen arrangiert?

Weitestgehend. Die Musik und das Schreiben sind seit Anfang an ideale Werkzeuge, um meine Abgründe unter Kontrolle zu halten. Gerade auf dem neuen Album habe ich versucht, mich selbst mit einer Armlänge Abstand zu betrachten. Da steckt immer noch sehr viel von mir drin, aber ich fand es stimulierender, stärker meine Vorstellungskraft einzusetzen und mich mit den fiktiven wie echten Geschichten anderer Menschen zu beschäftigen.

Wo sammeln Sie Ihre Ideen?

Im letzten Jahr vor allem im Bus zur Uni. Ich habe bis vor drei Jahren für einige Zeit in Los Angeles gelebt und dort auf Dauer vor allem die zufälligen Begegnungen mit anderen Menschen vermisst. In Los Angeles trifft man sich nicht zufällig, dort ist alles dem Autoverkehr untergeordnet. Im Bus erfährst du deine Umgebung mit einer ganz anderen Intensität.

Aber wenn Sie schreiben, sind Sie am liebsten allein?

Ja, das ist so. Das hat sich nicht geändert. Ich verbringe immer noch sehr gern Zeit nur mit mir, bloss ist das gerade schwierig. Ich lebe mit meinem Freund und mit meiner Schwester zusammen und wir sind halt alle meist daheim. Zum Glück habe ich im Keller ein schalldichtes Studio, mit einem kleinen Fenster und einem Sofa drin. Ich kann hinter mir die Tür zumachen und bin in meiner eigenen Welt.

Sie sind Feministin – haben sich die Dinge verändert hin zu mehr Gleichberechtigung?

Absolut. Wenn eine junge Frau heute oder gar in zehn Jahren einen Weg einschlagen will wie ich, dann ist es sehr viel ­wahrscheinlicher, dass ihr Umfeld sie in ihren Plänen unterstützt. Nicht, dass es bei mir schrecklich gewesen wäre. Aber als Teenager hatte ich oft den Eindruck, dass man als ­Mädchen auf subtile Weise nicht so ernst genommen wird wie als Junge. Dieses Denken ist ­seitdem ­weitaus seltener geworden.

«Fortune» ist ein Song über Ihre Mutter. Um was für einen Schatz geht es darin?

Mum hat immer Pfundmünzen gesammelt, in einer Schale auf der Waschmaschine. Als ich klein war, dachte ich, das Geld wäre für Bonbons oder so. Meine beiden Schwestern und ich wussten, dass wir es nicht anrühren durften. Irgendwann erzählte sie uns, dass es ihr «Weglauf-Geld» sei. 350 Pfund hatte sie gesammelt, weit wäre sie also nicht gekommen (lacht). Aber sie musste auch nicht abhauen. Es ist eher so eine Art Familientradition, meine Grossmutter sammelte auch schon Geld für eine potenzielle Flucht.