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Interview

Topmodel Tamy Glauser: «Meine Ex-Freundin schlug mich jeden Tag»

Sie lebte auf der Strasse, eroberte den Laufsteg von Paris und das Herz einer Ex-Miss-Schweiz. Topmodel Tamy Glauser führt ein Leben der Extreme. Ein Gespräch über Prügel in der Beziehung, Glatzen und Frauenliebe.
Melissa Müller
Tamy Glauser und Dominique Rinderknecht, das bekannteste Lesbenpaar der Schweiz. (Bild: KEY)
Topmodel Tamy Glauser war dreifache Juniorenmeisterin im Schwimmen, Cannabis-Dealerin und Opfer von häuslicher Gewalt. (Bild: Benjamin Manser)
2 Bilder

«Ich habe mich lange verstellt»

Tamy Glauser streichelt ihr Schosshündchen Yumi, das sie aus einem New Yorker Tierheim geholt hat. Das Tierchen trägt ein Halsband von Gucci. «Das ist von Dominique», sagt die 34-Jährige. Seit zweieinhalb Jahren ist sie mit Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht liiert. Zusammen sind sie das berühmteste Lesbenpaar der Schweiz und auf allen Kanälen knutschend und turtelnd präsent: In der «Arena», bei den Bundesratswahlen, an der Street Parade.

Ex-Miss-Schweiz ermutigt Model, ihr dramatisches Leben aufzuschreiben

Rinderknecht war es auch, die Glauser ermutigte, ihr bewegtes Leben aufzuschreiben. Was sie gemeinsam mit einer Journalistin dann auch tat; kürzlich ist ihre Biografie erschienen. «Ich habe lange gezögert, wollte nicht selbstverliebt wirken», erzählt die ungeschminkte Bernerin bei einer Zigarette in einem Zürcher Kaffee.

Die Bernerin berichtet in ihrem Buch über auch über die dunklen Kapitel ihres Lebens. (Bild: Benjamin Manser)

Die Bernerin berichtet in ihrem Buch über auch über die dunklen Kapitel ihres Lebens.
(Bild: Benjamin Manser)

Ihre Mutter, eine nigerianische Prinzessin, ist erst 21, als Tamy 1985 auf die Welt kommt. Die Kleine wächst bei wohlhabenden Pflegeeltern in einer Villa auf, wird in der Schule gemobbt und verprügelt. Trost findet sie in der Natur. Nach der Matura beginnt sie ein Jurastudium, bricht ab, wandert mit 21 nach New York aus. Dort outet sie sich als lesbisch. Und macht harte Zeiten durch. Glauser erlebt Gewalt in einer Beziehung, wird obdachlos, handelt mit Cannabis. Zurück in Zürich arbeitet sie als Türsteherin eines Untergrund-Clubs.

Danach beginnt ihre Model-Karriere: Sie läuft für Jean Paul Gautier und Vivienne Westwood über den Pariser Laufsteg, zeigt Frauen- wie auch Männermode. Der kahlrasierte Schädel, ihr androgyner, kantiger Look werden zu ihrem Markenzeichen. Als es zum Trend wird, sich die Haare zu rasieren, lässt sie ihre Locken wieder spriessen. «Ich bin nicht gern trendy», sagt die feingliedrige Frau, die überraschend sensibel wirkt, ein Schlabber-T-Shirt mit einem balinesischen Dämonen trägt und die Trainerhose in die Tennissocken gestopft hat.

Sind Sie gern das Aushängeschild der jungen Lesben?

Tamy Glauser: Es ist schön, dass ich diese Position einnehmen darf. Ich hatte viele Rückmeldungen von jungen Homos, die sich gestärkt fühlen durch mein Buch. Die sagen: «Jetzt kann ich mich so annehmen, wie ich bin.» Ich selbst hatte keine solchen Vergleichsmöglichkeiten, als ich mit 17 Jahren heraus fand, dass ich Frauen liebe. Es gab in meinem Umfeld weit und breit keine prominente lesbische Frau.

Sie sitzen bei Auftritten oft breitbeinig da wie ein Typ. Eine Attitüde?

Überhaupt nicht. Verstellt habe ich mich lange genug. Ich bin wie ich bin.

Tamy Glauser pendelt zwischen Zürich und Paris. (Bild: Benjamin Manser)

Tamy Glauser pendelt zwischen Zürich und Paris. (Bild: Benjamin Manser)


In Ihrem Buch schreiben Sie: «Wäre ich nicht nach New York gezogen, wäre ich offiziell immer noch hetero.» Warum?

Wenn man nicht in Zürich lebt, ist die Community in der Schweiz recht klein. Auf dem Land spürt man einen starken Druck. In meinem Umfeld redete man nur schlecht über Homos. Inklusive ich selber, ich habe da mitgemacht. Es wäre schwierig gewesen zu sagen: Hey, ich bin eine von denen. Das war auch der Grund, dass ich weg bin. Ich bewundere Leute, die von Anfang an hinstehen und sagen: Ich bin homo. Das konnte ich nicht. Aber immerhin kann ich es jetzt.

Welches Lesbenklischee nervt Sie?

Mühsam finde ich den Spruch: «Du hast einfach noch nicht den richtigen Mann kennen gelernt.» Manche sagen auch zu mir: «Aber du bist doch sooo eine Schöne.» Als ob man nur lesbisch wird, weil man zu hässlich ist, um einen Typen abzubekommen. Andere wiederum denken, man hätte sich für den Lifestyle entschieden, Frauen zu lieben. Hätte ich eine Wahl gehabt, wäre ich hetero. Mein Leben wäre einfacher verlaufen.

Sie schildern im Buch, wie Sie in eine gewalttätige Beziehung gerieten: «Sie schlug mich ins Gesicht und in den Bauch, zertrümmerte einen Spiegel auf meinem Rücken.» Warum blieben Sie über ein Jahr bei dieser Frau?

Es kam schleichend, sehr subtil. Dummerweise wohnten wir zusammen und sie entschuldigte sich so oft. Sie war eifersüchtig, verbot mir, meine Freunde zu treffen – bis ich keine mehr hatte. Sie schlug mich jeden Tag. Ich hatte kein Selbstvertrauen mehr, war abhängig. Es ist schwierig, da rauszukommen. Man muss sich eingestehen, dass man das mit sich hat machen lassen. Ich hatte das Glück, in die Schweiz zurückkehren zu können. Am Schluss wusste ich nicht mehr, wer ich bin. Ob ich Pasta mit Tomatensauce oder Pesto will. Ich entschied nur noch aufgrund von ihr. Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren könnte.

Sie sind bereits 34. Ein hohes Alter für den Laufsteg, oder?

Das ist steinalt für die Branche! (lacht)Aber ich habe schon mega­alt angefangen, mit 27. Meine Agentin sagt: «Du kannst so ­lange machen, wie du willst.» Ich bin eine Charakterfigur, kein 08/15-Modell. Da spielt das Alter nicht so eine Rolle.

Ihr Plan B, wenn es mit Modeln nicht mehr klappt?

Ich habe nie einen Plan. Nach der Matur hatte ich ein paar Pläne, die gingen alle schief. Jetzt flowt es recht gut. Ich hab ein Buch ­geschrieben und bin damit auf ­Promotour. Mal sehen, was als Nächstes kommt, vielleicht gehe ich in die Politik.

Wollen Sie Nationalrätin der Grünen werden, wie Ihnen das nachgesagt wurde?

Ich werde mich sicher wieder einsetzen für die Rechte der Schwulen und Lesben. Wir sind gesetzlich immer noch nicht gleichberechtigt. Gestern habe ich den Film «Boy Erased» gesehen, basierend auf Tatsachen. Es geht um einen jungen Mann, der in Therapie gehen muss, weil er homosexuell ist. Total absurd.

Auch für den Klimaschutz wollen Sie kämpfen.

Ich weiss, worauf Sie jetzt gleich anspielen: Ich war gerade in Bali. Und ja, ich bin geflogen. Ich zahle einen Betrag an Myclimate. Und ich war nicht drei Tage in Bali, sondern über einen Monat. Zudem lebe ich vegan, ernähre mich lokal und saisonal, kaufe keine neuen Kleider, und wenn, dann Secondhand.

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