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Demenz-Patient: «Ich habe genug geredet»

Bei einer Frontotemporalen Demenz funktioniert das Gedächtnis noch lange gut. Aber Betroffene werden taktlos, manche gar aggressiv oder sie verlieren die Sprache. Die Krankheit trifft oft erst 50 Jährige.
Juliette Irmer
FTD-Patienten verlieren ihr Einfühlungsvermögen und brüskieren ihre Angehörigen. (Bild: Getty)

FTD-Patienten verlieren ihr Einfühlungsvermögen und brüskieren ihre Angehörigen. (Bild: Getty)

Am Anfang dachten alle, es wäre eine Depression. Herr P., damals 71, zog sich zurück, schliff stundenlang an seinen Holzfiguren, beteiligte sich immer weniger an Familiengesprächen. Eines Tages erwähnte er, dass er Schwierigkeiten hätte, seine Worte zu ­finden. Zudem sei ihm immer schwindlig. «Er stürzte auch mehrmals mit dem Rad, aber wir dachten, das sei ein Glas Wein zu viel gewesen», erinnert sich seine Frau.

Eine Neurologin diagnostiziert zunächst eine vaskuläre ­Demenz, die unter anderem mit Symptomen wie Verlangsamung und Stimmungslabilität einhergeht. Doch Herr P. verliert auch sein Interesse an der Familie, an Hobbys und Freunden und ge­nerell an Kommunikation: «Ich habe genug geredet», sagt er ­seiner Frau, die ihn nicht wieder erkennt. Ein befreundeter Arzt empfiehlt den Besuch einen ­spezialisierten Zentrums, wo schliesslich eine Frontotempo­rale Demenz (FTD) diagnostiziert wird.

«Typischerweise beginnen die ersten Symptome im Alter von 45 bis 65 Jahren.»

Bei einer FTD sterben die Nervenzellen im Stirn-, Frontal- und Schläfenbereich des Gehirns ab. Dort werden unter anderem Emotionen, Sozialverhalten und die Sprache gesteuert. Unterschieden werden mehrere Varianten, die sich in unterschiedlichen Symptomen äussern – je nachdem, wo der Abbau der Nervenzellen beginnt. «Die ersten Symptome beginnen manchmal schon mit 45 Jahren und können sich je nach Variante sehr unterschiedlich präsentieren», sagt Paul G. Unschuld, Leiter des Zentrums für dementielle Erkrankungen und Altersgesundheit an der ­Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Wesensveränderungen stehen im Vordergrund

So stehen bei der Verhaltens­variante der FTD Wesensveränderungen im Vordergrund. Während die FTD Herrn P. apathisch und gleichgültig macht, werden andere Patienten aggressiv oder taktlos. «patienten wissen dann einfach nicht mehr, was sich gehört», erklärt Elisabeth Stögmann, Neurologin an der Medizinischen Universität Wien. Manche ent­wickelten einen Heisshunger auf Süsses oder ­bestimmte Lebens-mittel. «Der Verlauf ist bei jedem Patienten unterschiedlich und die Krankheitseinsicht kann komplett fehlen», so Stögmann.

«Vormals höfliche Menschen fragen etwa wildfremde Menschen, warum sie eine Glatze ­haben oder machen plötzlich ­sexuell anzügliche Bemerkungen»

Bei den Sprach-Varianten der FTD verändert sich vor allem die Sprache. Patienten haben Wortfindungsstörungen, können bestimmte Begriffe nicht mehr benennen oder einordnen. «Zum Beispiel kann jemand plötzlich mit dem Wort Gabelstapler nichts mehr anfangen», erklärt Stögmann. Im Verlauf der Erkrankung kann es zu Überschneidungen der Symptome kommen. Herr P., heute 75 Jahre alt, antwortet meist nur noch auf direkte Fragen. Häufig hört er mitten im Satz auf zu sprechen, weil ihm ein Wort nicht einfällt. Er selbst stellt kaum mehr eine Frage. Insgesamt verarmt die Sprache nach und nach, manche Patienten verstummen vollständig.

«Die Diagnose FTD ist nicht einfach und sollte in einer Me­mory-Clinic durchgeführt werden. Besonders die verhaltens­betonte FTD kann im Anfangsstadium leicht mit anderen Erkrankungen, etwa einer Depression, verwechselt werden», sagt Unschuld. Hinzu kommt, dass Patienten mit FTD in den üblicherweise verwendeten Demenztests meist gut abschneiden, die Gedächtnisleistungen sind lange Zeit gut erhalten. Und gerade zu Beginn der Erkrankung können die Symptome auch mit dem «normalen» Alterungsprozess erklärt werden: die klassische «Midlife crisis» etwa oder aber «Alterssturheit».

«Für die Angehörigen ist FTD sehr belastend: Die Erkrankung ist in der Öffentlichkeit nicht gut bekannt. Oft sind die Erkrankten noch relativ jung und die Verhaltensauffälligkeiten sind schwer zu ertragen. Zudem verlieren FTD-Patienten ihr Einfühlungsvermögen und viele Angehörige fühlen sich durch die Gefühls­kälte abgewertet», erklärt Stögmann.

Wie auch die Alzheimer-Demenz schreitet die FTD unaufhaltsam fort, ist im Vergleich aber seltener: 70 Prozent aller Demenzkranken leiden an Alzheimer, bis zu 15 Prozent leiden an FTD, die allerdings oft früher beginnt: Drei Viertel der Betroffenen erkranken zwischen dem 50. und 60.AABB22Lebensjahr. Medikamente ge­gen den Nervenzellabbau bei der FTD gibt es bislang nicht. Die Medikamente, die man derzeit zur Behandlung der Alzheimer-Demenz nutzt, sind wirkungslos. «In den Gehirnen von FTD-­Patienten findet man typische Protein-Ablagerungen», sagt Markus Otto, Neurologe an der Universität Ulm und Sprecher des Konsortiums zur Erforschung der frontaltemporalen Demenzen. Warum es zu dieser Überproduktion der Proteine in den Nervenzellen kommt, an der die Zellen letztlich zugrunde gehen, ist allerdings unbekannt.

Abbauprozess im Gehirn stoppen

Otto und seine Kollegen führen die erste Tau-Immunisierungsstudie durch. Dabei sollen Antikörper gegen das Tau-Protein dazu führen, dass es sich in den Nervenzellen nicht anreichern kann. Auf diese Weise soll der Abbauprozess im Gehirn von FTD-Patienten zumindest gedrosselt werden. Parallel dazu versuchen Mediziner weltweit, FTD-Patienten-Datenbanken aufzubauen. Darin fliessen Unter­suchungsergebnisse ein mit dem Ziel, die Erkrankung besser zu verstehen und letztlich Therapien entwickeln zu können.

Herr P. werden die Bemühungen nicht helfen. Aber er klagt nicht. Seine Familie ist sich nicht sicher, ob das nur daran liegt, dass er nicht mehr sprechen möchte.

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