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«Ich darf nicht Gott spielen»

Erst wehrte er sich gegen seine seherische Gabe, aber dann setzte er die heilenden Kräfte seiner Hände gezielt ein: Als Heiler will Peter Graus seinen Patienten helfen, ganz im Moment zu leben.
Beruf Heiler: Manchmal hat Peter Graus nach der Behandlung eines Patienten zündrote Handflächen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Beruf Heiler: Manchmal hat Peter Graus nach der Behandlung eines Patienten zündrote Handflächen. (Bild: Hanspeter Schiess)

An Esoterikmessen sucht man ihn genauso vergeblich wie an den Basler Psi-Tagen, obwohl er durchaus in der Lage wäre, sogenannte Wunderheilungen vorzuführen. Auch macht er keine Heilsversprechen, und was es mit der Energie in seinen Händen auf sich hat, mit der er unzähligen Patienten geholfen hat, weiss er auch nicht genau. Nach Erklärungen zu suchen, hat Peter Graus schon lange aufgegeben.

Noch bevor er sich dieser Kräfte bewusst geworden ist, musste Graus allerdings mit einem anderen Phänomen fertig werden: Vier Jahre war er, als er wusste, dass sein kleiner Bruder im Spital gestorben war – noch bevor seine Eltern es ihm mitgeteilt hatten. Ein paar Jahre später wurden ihm auch der Tod seines Onkels und eines Schulkameraden noch in deren Todesstunde bewusst, obwohl er nicht in ihrer Nähe war. Darüber gesprochen hat er mit niemandem. «Ich habe immer gedacht, mit mir stimmt etwas nicht. Diese Erfahrungen machten mir Angst, weil ich nicht wusste, was sie bedeuteten, und weil sie eine tiefe Unsicherheit auslösten.»

Widerstand gegen die Ahnungen

Als Teenager spürt Graus mehr vom Befinden seiner Gegenüber, als ihm lieb ist. Er wehrt sich gegen seine Ahnungen, er will nicht Recht haben, will nicht, dass sich bewahrheitet, was er sieht, und er empfindet seine Gabe als Belastung. Mit einem exzessiven Lebensstil probiert er eine Weile, seine Ahnungen zu verdrängen. Doch er wird immer wieder von ihnen eingeholt.

Mit seinem engsten Freund diskutiert er viel über den Tod und schliesst mit ihm einen Pakt: Wer zuerst stirbt, der wird probieren, dem andern eine Mitteilung zukommen zu lassen. Der Tod gesellt sich schnell zu den zwei Freunden. Die beiden wollen nach Paris, mit Motorrädern. Der Freund hat keines, Graus vermittelt ihm über seinen Bruder, der Rennen fährt, eine alte BMW-Maschine. Auf der ersten Fahrt wird der Freund angefahren und ist sofort tot. «Ich habe idiotisch reagiert», erinnert sich Graus. Er fährt von Feldkirch nach Bregenz, geht dort ins Kino. Ein Film von Bruce Lee, «sein und mein Lieblingsfilm».

Auf dem Heimweg überfällt ihn ein riesiges Schuldgefühl. «Ich bin der Mörder, ich habe ihm das Motorrad organisiert.» Er beschleunigt auf 150 Stundenkilometer und peilt einen Brückenpfeiler an. Den Rest der Geschichte zu erzählen, macht ihm noch heute Mühe, weil «es so mystisch tönt und doch so war». In der sternenklaren Nacht verschwindet der Pfeiler plötzlich in einer Nebelbank. Wer hat sie geschickt? War es der Freund, ein Schutzengel oder der Zufall? «Intuitiv würde ich sagen, dass es mein Freund war», sagt Graus.

Akkord auf dem Bau

Die Nacht ist ein Schlüsselmoment. Von diesem Zeitpunkt an lässt er die Ahnungen wieder zu und findet langsam auch Antworten auf die Fragen, die ihn bedrängen. «Sie sind in mir, in meiner spirituellen Welt gewachsen, die Antworten, einen Lehrmeister hatte ich keinen.» Und der Freund, der tote, habe sich übrigens nie bemerkbar gemacht.

Bis er seine Energie für andere einsetzt, dauert es noch eine Weile. In den unterschiedlichsten Berufen ist Graus tätig: Mal heuert er auf dem Bau an, mal in einer Schneiderei oder ist als Chauffeur unterwegs. Eine Berufslehre macht er nicht. Am liebsten arbeitet er im Akkord, weil ihm dies am meisten Geld einbringt und er der Mutter helfen will, den Schuldenberg abzutragen.

Hände lindern Schmerzen

Durch Zufall wird ihm eine Stelle als Hilfspfleger angeboten. Obwohl ihm die Arbeit gefällt, wehrt er sich gegen den Vorschlag seiner Vorgesetzten, eine Lehre zu absolvieren. «Ich hielt mich für zu dumm zum Lernen.» Er lässt sich aber überreden und findet schnell eine Methode des verkürzten Lernens. In der Zeit, die er mit den Patienten verbringt, entdeckt er die heilenden Kräfte seiner Hände. Durch Auflegen bringt er Schmerzen zum Verschwinden und intensiviert Heilungsprozesse. Er entwickelt Methoden, seine Energie zu potenzieren und gezielter einzusetzen.

Ein Prozess, der auch nach über zwanzig Jahren Tätigkeit als Heiler nicht abgeschlossen ist. Graus, der längere Zeit an der Ostschweizer Paracelsus-Klinik tätig war, arbeitet heute mit verschiedenen Ärzten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich zusammen und führt im liechtensteinischen Ruggell eine eigene Praxis. Mit einem Oberarzt der Innerschweizer Äskulap-Klinik, der auch Musiker ist, hat er ein Verfahren namens «Seelenklang» entwickelt, um die vegetativen Rhythmen des Menschen auf Instrumente zu übertragen. Das Anhören dieser ureigenen, sehr persönlichen Musik trägt zur Harmonisierung des Körpers bei.

Wie gross Graus' Energie ist, belegt die brennende Rötung, die manchmal nach einer besonders intensiven Behandlung auf seinen Handflächen sichtbar wird. Als «Gefühl, wie wenn ein Flammenwerfer auf die Eingeweide angesetzt wird», beschreibt ein Patient eine Bauchbehandlung.

Das Schweigen aushalten

Dass er häufig auch weiss, wie es genau um die Kranken steht, behält Graus für sich. Der Versuchung, einzugreifen, widersteht er. «Das Schweigen auszuhalten musste ich lernen», sagt er. «Ich bin nicht Gott und ich darf auch nicht Gott spielen.» Viele Heiler täten dies, hat Graus beobachtet, der nichts von öffentlichen Heil-Shows hält. Und von Heilern, die in der ersten Sitzung ihre Macht demonstrieren, indem sie dem Patienten viel über dessen Vergangenheit und Zukunft verraten. «Damit schaffen sie beim Patienten eine Abhängigkeit, die häufig zu Blockaden führt.»

In seinen Therapien versucht Graus, bei den Patienten Energieblockaden abzubauen. «Ich möchte erreichen, dass sie zu sich selber finden und ihre eigenen Kräfte wieder wahrnehmen.» Und er stellt sich gegen die landläufige Definition von Krankheit, weil sie den Heilungsprozess behindere. So überrascht er öfters seine Patienten mit dem Satz: «Ich möchte nicht, dass Sie gesund werden.» Auch das Wort Heilung hat er längst aus dem Therapieprozess verbannt. «Es ist nicht richtig, dass ein Arzt – meist aufgrund von Laborwerten – entscheidet, ob jemand gesund oder krank ist.» Weit wichtiger ist ihm, dass die Patienten unabhängig von ihrem Gesundheitszustand «ganz bei sich sind und im Moment leben können». Um dazu beizutragen, nimmt er die schmerzhafte Erhitzung seiner Hände gern in Kauf.

Brigitta Niederhauser

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