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Ich bin mein Hag

Hag-Sterben Häge bieten Schutz. Deshalb fühle er sich ihnen verbunden, sagt Mäddel Fuchs. Sein Buch «Hag um Hag, ein Requiem» zeugt davon. Ursula Badrutt Schoch
Hagestolz im Herbstlicht: Mäddel Fuchs freut sich auf dem Sommersberg ob Gais auf sein Hag-Buch. (Bild: Hanspeter Schiess)

Hagestolz im Herbstlicht: Mäddel Fuchs freut sich auf dem Sommersberg ob Gais auf sein Hag-Buch. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das ist ein echter Hagestolz, geht einem durch den Kopf, wenn man ihn so nonchalant am Zaun lehnen sieht. Dabei ist Mäddel Fuchs, geboren 1951, längst kein unverbesserlicher Junggeselle, also kein Hagestolz mehr. Seit 35 Jahren lebt er mit seiner Frau Marisa auf dem Sommersberg ob Gais auf 1100 Metern Höhe mit Blick in die Welt.

Schutz mit Schwarten

Wie er so sein Werk betrachtet, den Hag rund um das Höckli und jenen um den Garten, ist eben Stolz dabei. Ja, er hat ihn selbst gemacht.

Mit Schwarten, nicht mit Brettern, also mit samt der Rinde zersägtem Tannenholz. Beim Zaun ums Haus sind es gar die Anschnitte des Stammes, mit einer Rundung auf der einen Seite. «Das gibt es heute kaum mehr», sagt Mäddel Fuchs. Alles wird zu Brettern, die besser genutzt, teurer verkauft werden können als solche Hagwar.

Hagen sei etwas sehr Persönliches, sagt Mäddel Fuchs. Im Hag spiegelt sich der Charakter des Machers. «Mein Hag bin ich. Sag mir, wie du hagst, und ich sag dir, wer du bist.» Sein Hag mit Schwarten ist dreireihig, nicht all zu pingelig in den Details, aber gut standhaft; ein wirkungsvoller Schutz. «Ja, ich bin verletzlich. Das hat mich wohl dem Hag emotional so nahe gebracht, hat diese innere Verbundenheit, diesen Drang, den Hägen nachzugehen, entstehen lassen.» Und er hat die Seelenverwandtschaft in Bildern, die ihresgleichen suchen, festgehalten.

Von der Landschaft infiziert

Häge finden sich schon früh in den Fotografien von Mäddel Fuchs. Sie gehörten ganz selbstverständlich zur Landschaft, in der er die Jugend verbrachte. Nach Jahren in Zürich und in Cademario im Tessin, wo seine Eltern, beides Ärzte, erst die Bircher-Klinik und im Tessin das vom Grossvater gegründete Kurhaus leiteten, zog er für die Gymnasialzeit nach Trogen, wo auch seine Mutter einst die Schule besuchte. Damals sei er infiziert worden von dieser Landschaft, bekennt er.

Damals, als seine Mutter ganz unerwartet 1967 starb, hat er Halt gefunden in dieser Landschaft. Hierhin hat es ihn wieder zurückgezogen, nachdem er das Medizinstudium nach vier Jahren abgebrochen und einige Jahre als Fotograf in Zürich gelebt hat.

Abgesang, nicht Lobgesang

Ende 90er-Jahre wurde die Hagpflicht auf eidgenössischer Ebene aufgehoben. Mäddel Fuchs erinnert sich.

Mit dieser Meldung sei ihm schlagartig bewusst geworden, dass die Zäune mittelfristig aus der Landschaft verschwinden werden. Erst in dem Moment habe er angefangen, diese Grenzen wirklich zu sehen, zu fotografieren. «Ich rannte los im blindwütigen Eifer des Sammlers, der noch alles ergattern möchte.»

Später, etwas beruhigt, hat er sich auf die Wintermonate beschränkt, um den Hägen nachzusteigen, sie zu beobachten, über sie nachzudenken, ihrem Sterben beizuwohnen.

Mit Schneeschuhen und zwei Kameras sei er jeweils am Morgen losgelaufen. Dem Hag nach. «Im Winter sieht man ihre Funktionslosigkeit, ihren Land-Art-Charakter besser.» Und die Lust am Experimentierren beim Fotografieren war gross.

Wie rasch sie verschwunden sind, habe ihn dann doch überrascht. Unterdessen findet man nur noch wenige Restposten. Hagen ist aufwendig. In unserem gewinnorientierten System ist kein Platz für den Hag. Nein, als Nostalgiker will er nicht gelten.

Etwas anderes liegt im am Herzen als das Bewahren des Hages: «Wir müssen erkennen, dass die Umgebung sich verändert. An einem Idyll festhalten bringt nichts; aber merken, dass mit jedem Hag auch ein Stück Identität weg ist, tut not.» Deshalb ist ihm wichtig, dass seine Arbeit der letzten zwölf Jahre als Requiem wahrgenommen wird, als Abgesang auf den Hag.

Sensibilisieren, philosophieren

Es geht ihm um nichts Geringeres als um das Bewusstsein gegenüber der sich ändernden Umwelt. «Mit dem Buch will ich wenigstens einen kleinen Beitrag leisten zur Sensibilisierung gegenüber den Folgen unseres Verhaltens.» Der Hag ist nur ein Beispiel von vielen. Auch an den Waldrändern beobachtet Mäddel Fuchs Veränderungen: sie lichten aus. Und auch die Wiesen sehen nicht mehr gleich aus.

Jeder Hag ist eine Grenze. Der Hag strukturiert und rhythmisiert die Landschaft, bietet Orientierungshilfe und Schutz; auch den Tieren auf ihrem Weg von da nach dort.

«Ein Hag bedeutet, Position beziehen zu müssen», sinniert Mäddel Fuchs weiter. «Grenzen kann man überschreiten. Und die Zone, wo zwei Systeme zusammenkommen, ist besonders artenreich und vielfältig.» Das gilt für Biosysteme, aber auch im übertragenen Sinn. Grenze bedeutet Vielfalt.

Das alles soll bedacht werden, wenn der Hag jetzt wegfällt. Das Wandern des Fotografen auf der Jagd nach Hag hat das Nachdenken angekurbelt. Er habe angefangen, die grossen Philosophen zu lesen, allen voran Martin Heidegger.

Solange unser Essen aus dem Boden kommt, muss uns das Bodenständige interessieren, sagt Mäddel Fuchs neben dem Garten voll Fenchel, Rüebli, Mangold stehend. «Wir brauchen neue Orientierungspunkte. Wir müssen Lebensformen finden, in denen sich der Mensch entwickeln kann.

Um die Erde mache ich mir keine Sorgen, sie wird uns Menschen überleben. Sorgen wir uns um den Menschen!» Gegenüber dem Hag allerdings hat vorläufig des Menschen Gedankenlosigkeit gesiegt.

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