«Ich bin immer für dich da» – warum dieses Versprechen problematisch ist

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: ungeteilte Aufmerksamkeit.

Maria Brehmer
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«Ich selbst tue mich ziemlich schwer damit, jemandem dieses grosszügige Angebot zu machen – aus Angst, dass ich es nicht einhalten kann. ‹Immer› ist nämlich verdammt oft.» (Bild: Sandra Ardizzone)

«Ich selbst tue mich ziemlich schwer damit, jemandem dieses grosszügige Angebot zu machen – aus Angst, dass ich es nicht einhalten kann. ‹Immer› ist nämlich verdammt oft.» (Bild: Sandra Ardizzone)

«Ich bin immer für dich da» klingt wunderschön. Sagt einem jemand den Satz, fühlt man sich sogleich weniger allein, aufgehoben und gewappnet für harzige Zeiten.

Ich selbst tue mich ziemlich schwer damit, jemandem dieses grosszügige Angebot zu machen – aus Angst, dass ich es nicht einhalten kann. «Immer» ist nämlich verdammt oft. Dass ich «immer» auch schon missachtete, hatte schon den Bruch einer Freundschaft zur Folge. Was, wenn ich nun mal nicht «immer» helfen kann?

«Sei nicht egoistisch»

Es ist ein unverzichtbarer und wohltuender Dienst an der Freundschaft, wenn wir einander unterstützen – manche Dinge kann und will man nicht allein schaffen. In unserer Kultur gehört es zum guten Ton, immer für andere da zu sein – besonders in der Beziehung gilt, zu jeder Tages- und Nachtzeit ein offenes Ohr für den Partner oder die Partnerin zu haben.

Nein zu sagen oder Hilfe auszuschlagen hingegen stehen nicht gerade hoch im Kurs. Schon Kinder fordern wir auf, «nicht so egoistisch zu sein». Mich plagt immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Redebedürfnis meines Freundes oder einer Freundin nicht stille. Etwa, weil ich während der Arbeit nicht telefonieren kann, gerade beim Sport bin oder – ja, das kommt vor – einfach keine Lust zum Reden habe. Gleichzeitig kenne ich das Gefühl des Enttäuschtseins gut, wenn ich auf eines meiner Anliegen nicht die erhoffte Resonanz erhalte.

So geht Neinsagen

Ich bin eine gute Zuhörerin – wenn mein Kopf frei ist und alles mehr oder weniger rundläuft. Wenn ich mit eigenen unangenehmen Dingen beschäftigt bin oder das Bedürfnis nach Ruhe kommt, dann habe ich weniger inneren Platz frei für die Sorgen und Probleme meiner Mitmenschen (grosse Sorgen und Probleme natürlich ausgenommen).

Doch anstatt die richtigen Worte für eine Absage zu finden, nehme ich mich des Problems an, bin aber nicht wirklich bei der Sache. Im schlimmsten Fall sabotiere ich gar das Gespräch, indem ich spitze Bemerkungen mache etwa oder plakativ ungeduldig tue. Ich würde gern auch einmal nein sagen. Doch was ist dann mit «immer»?

Als ich kürzlich mit einer Freundin beim Abendessen sass, lernte ich, dass man jemandem nur zu sagen braucht, dass man gerade keine gute Zuhörerin ist – und ihn oder sie so dennoch nicht zwingend im Stich lässt. Einfach transparent sein! Denn als der Mann meiner Freundin anrief, um ihr von seinen akuten Sorgen im Büro zu erzählen, erklärte sie ihm, dass sie jetzt nicht reden könne. Wie es wäre, wenn er sich an seinen besten Freund wenden würde? Sie wisse per Zufall, dass er heute allein zu Hause sei. Sie würde mit ihm darüber reden, wenn sie vom Essen zurückkommt. Ob das für ihn so in Ordnung sei.

Als sie auflegte, sah sie mich an und hörte mir weiter zu. Ich hatte ihr nämlich etwas Wichtiges zu erzählen.

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