Alpinismus
Hütten-Toiletten stinken nicht mehr – dank Würmern

Die modernen WCs in den Bergen funktionierten lange nur schlecht. Jetzt sorgen Würmer für gute Luft.

Tommy Dätwyler
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In der Lämmerenhütte im Wallis wandeln seit Anfang Jahr Würmer die Fäkalien in Kompost um. Dabei wird die Masse um 90 Prozent reduziert.Hanspeter Bürgi

In der Lämmerenhütte im Wallis wandeln seit Anfang Jahr Würmer die Fäkalien in Kompost um. Dabei wird die Masse um 90 Prozent reduziert.Hanspeter Bürgi

Hanspeter Bürgi

Früher wurde es draussen an der frischen Luft über Donnerbalken und Fels verabschiedet. Es war kein schöner Anblick und kein angenehmer Geruch. Dann kamen moderne WC-Anlagen in die SAC-Hütten, die das Problem der Ausscheidungen in den Bergen lösen sollten. Trotzdem: Die dicke Luft blieb während der letzten zwei Jahrzehnte.

«Die mit neuester Technik ausgerüsteten WC-Anlagen haben lange Jahre zu den Sorgenkindern von Berggängern und Hüttenverantwortlichen gesorgt», sagt Ueli Delang, Hüttenverantwortlicher beim Schweizer Alpenclub (SAC). Etliche mit Vorschusslorbeeren überhäufte WC-Systeme haben den besonderen Anforderungen in grosser Höhe nicht standgehalten. Versprochene Kompostierleistungen wurden nicht erreicht, und nicht selten konnten auch Geruchsemissionen nicht verhindert werden.

NCH/MTA

Gut fürs Image der Berghütten

«Das war teures Lehrgeld, aber genau von diesen Erfahrungen profitieren heute Hüttenbetreiber und Hüttengäste», sagt Ueli Delang. Am Ziel, die Toilettensituation auf stark frequentierten Hütten ökologisch nachhaltig zu machen und auf ein der Zeit entsprechendes Kulturniveau zu heben, habe sich deswegen nie etwas geändert. «Heute hat sich die Situation rund um die Hütten-Toiletten an den meisten Orten geändert, stille Örtchen, die zum Himmel stinken, gibt es quasi nicht mehr», sagt Delang. Vorbei sind die Zeiten, als die 400 000 Franken teure Kompost-Toilette auf der Hollandiahütte für negative Schlagzeilen sorgte. Überwunden die Kapazitätsprobleme auf den von Besuchern überrannten Bio-WCs in der Monte-Rosa-Hütte.

Auf diesen Erfolg haben der SAC und seine Sektionen konsequent mit grossen Investitionen hingearbeitet. «Es liegt in unserem eigenen Interesse, das stille Örtchen angenehm und die Bergwelt sauber und attraktiv zu halten», sagt Delang. Es geht auch ums Image der SAC-Hütten.

«Den Würmern geht es gut»

Erfolgreich saniert und mit einer funktionierenden Trocken-Toilette ausgerüstet ist zum Beispiel die Anfang Februar dieses Jahres neu eröffnete Lämmerenhütte: «Uns und den Würmern geht es gut», meldet Hüttenwart Christian Wäfler nach den ersten zwei Monaten Winterbetrieb.

Das 2012 in Frankreich entwickelte Trockentoiletten-System «Ecosphère» funktioniert oberhalb der Gemmi genauso wie auf der Clariden-, der Spannort- oder der Konkordia-Hütte. «Wir sind dankbar dafür», heisst es auf den neu ausgerüsteten Hütten. Dankbar auch um die Mithilfe der zahlreichen neuen Mitbewohner: Es sind Würmer, welche die Hinterlassenschaften der Menschen verarbeiten und daraus unproblematischen Reststoff – quasi Humus – produzieren.

Die von der Produktionsfirma in Strohballen auf die Hütte gezügelten Tierchen wohnen auf der Lämmerenhütte in einem separaten Wohn- und Arbeitsraum: dem abgeschlossenen und separat beheizten Fäkalienraum. Dank einer thermischen Solaranlage und Radiatoren können die kleinen Helfer ihre Arbeit auch im Winter bei Temperaturen von rund 5 Grad Celsius verrichten und so das Volumen der anfallenden Fäkalien um rund 90 Prozent reduzieren. Zurück bleibt Erdreich, das in die Natur ausgetragen oder von höher gelegenen und nur von Fels oder Eis umgebenen Hütten aus per Helikopter mit wenig Aufwand ins Tal geflogen werden kann. Nasstoiletten sind im Gegensatz dazu aufwendiger und teurer, weil dann eine Art Mini-Kläranlage gebaut werden muss.

Unterdruck im Fäkalienraum

Im «Würmerstall» selbst herrscht auch bei Hochbetrieb Unterdruck, sodass der Luftzug nur in die eine Richtung möglich ist: vom Toilettenraum durchs WC in den Fäkalienraum und via das Dach weg nach draussen. Die Hüttenwarte und Gäste können also durchatmen. Trotzdem wird es auch in Zukunft noch einzelne kleine Hütten mit Überwand-Toiletten geben. Dieses «traditionelle System» ist nicht überall ein Problem und im kleinen Rahmen ökologisch unproblematisch.

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