Höhenflüge und Abstürze

Wer meint, Fussball sei eine hirnlose Angelegenheit, wird im Helmhaus Zürich eines Besseren belehrt. «balls & brains – Anstösse zur Fussballkunst», heisst dort eine Ausstellung zur Euro.

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Im Helmhaus interessiert der zürcherische African Football Club (AFC) für einmal mehr als die beiden Grossclubs FCZ und GC. Die beiden Kuratoren Simon Maurer und Daniel Binggeli haben zusammen mit Journalisten und anderen Gästen zahlreiche Fussballphänomene recherchiert, die normalerweise ein Schattendasein fristen. Den Erfolg in diesem Geschäft vermitteln die Medien Tag für Tag, den Misserfolg weniger: In diese Kategorie Fussballgeschichten gehören Verletzungen und fehlende Punkte, die zum abrupten Karriereende von Spielern und Trainern führen – «balls & brains» erzählt davon.

Migrationserfahrungen

Eng mit Fussball verbunden ist aber auch das Thema Migration. Stefan Gubser hat mit Fussballern über deren grenzüberschreitende Erfahrungen gesprochen und macht diese Gespräche in Hörstationen zugänglich. Ebenso aufschlussreich sind die Gespräche des Künstlers Till Velten mit Spielerfrauen und Physiotherapeuten der Hertha BSC. Seine Themen: Homosexualität und Geschlechterrollen im Fussballermilieu.

Videos und Fotografien bringen unterhaltende, humorvolle, aber auch tragische Elemente in die Ausstellung. Etwa ein Video des italienischen Künstlers Massimo Furlan, der als Michel Platini den legendären WM-Halbfinal Frankreich gegen Deutschland von 1982 nachspielt, im Stadion zwar, aber ohne Ball und vor leeren Rängen. Ein Bubentraum: einmal ein Fussballstar zu sein. Ihn setzt auch Daniele Buetti um. In seiner tragikomischen Videoarbeit mimt er aber nicht Platini, sondern Maradona, der aus grösster Höhe brutal abgestürzt ist.

Glaube und Hoffnung

Fussball hat auch viel mit Glaube und Hoffnung zu tun. Der Genfer Künstler Gianni Motti zeigt diesen Zusammenhang in zwei Fotoarbeiten. Für die eine hat er ein Tor auf die Tribüne eines Stadions gehievt, die andere zeigt ihn als meditierenden Fan. Dass der FC Zürich einst einen lebenden Stier zum Maskottchen machte, ist kaum zu glauben, wird aber mit einem Fernsehfilm bewiesen. Was wäre eine Fussball-Ausstellung ohne reales Spiel? Das haben sich die Kuratoren, beide Fussballfanatiker, gesagt und den grossen Ausstellungssaal in ein Kleinstadion umfunktioniert. Hier finden neben Vorspielen zu sämtlichen Euro-Spielen Grümpelturniere mit Schulkindern, Jugendlichen mit Migrationshintergrund und geistig Behinderten statt – Teil des Begleitprogramms ebenso wie die Bar «Zum Glatten Köbi», die zum Public Viewing einlädt. (sda)

www.helmhaus.org

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