Hochbegabung
Kluge Jugendliche befeuern die Leistung der ganzen Klasse – jedenfalls wenn es Mädchen sind

Eine Studie aus dem Kanton St. Gallen zeigt einen überraschenden Effekt von Hochbegabten auf ihre Mitschülerinnen und Mitschüler: Sie werden besser. In der Mathematik profitieren die Mädchen vor allem von begabten Mädchen.

Sabine Kuster
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Begabte Schüler beeinflussen die anderen positiv – vorausgesetzt sie verhalten sich normal.

Begabte Schüler beeinflussen die anderen positiv – vorausgesetzt sie verhalten sich normal.

Bild: Gaetan Bally/
Keystone

Nicht nur die Intelligenz, das Elternhaus, die Schule und die Lehrperson haben einen Einfluss auf den Lernerfolg von Kindern – auch die Klassenzusammensetzung ist wichtig. Dies belegt eine weitere Studie - diesmal in positiver Hinsicht. Oft wurde schon untersucht, welcher Effekt lernschwache, verhaltensauffällige oder fremdsprachige Schüler auf eine Klasse haben. Und meist zeigte sich: Wenn eine Klasse mehrere Kinder mit solchen Schwächen hat, dann leidet das Leistungsniveau aller Schülerinnen und Schüler. Ein Kind allein hingegen bewirkt nichts.

Nun haben Simone Balestra und Aurélien Sallin vom Center for Disability and Integration der Universität St. Gallen und Stefan Wolter von der Uni Bern untersucht, welchen Effekt Hochbegabte mit einem IQ ab 130 auf eine Klasse haben. Von solchen Kindern gibt es statistisch gesehen 2 % in der Bevölkerung – also meist nur eines (oder keines) pro Klasse. Und doch zeigt sich ein deutlicher Effekt.

Simone Balestra, Ökonom, Universität St. Gallen.

Simone Balestra, Ökonom, Universität St. Gallen.

Bild: Screnshot Video HSG

Ein(e) Hochbegabte(r) pro 20 Jugendliche in einer 8. Klasse hebt den Leistungsschnitt der einzelnen Mitschülerinnen und Mitschüler um 5 Prozent. Und besonders verbesserte sich die Leistung der ohnehin guten Schüler - die Lernschwachen profitieren weniger.

Dazu haben die Studienautoren drei Erklärungen: Erstens könnte es sein, dass gute Schülerinnen die Lehrperson unterstützen. Zweitens haben begabte Mitschüler eine Vorbildrolle. Dies kann man drittens als Wettbewerbseffekt interpretieren: Sie stacheln die Mitschülerinnen und Mitschüler an, mehr zu leisten.

Mädchen reagieren stark auf verhaltensauffällige Mitschüler

Allerdings haben nicht alle Hochbegabten einen positiven Effekt auf die Klasse: Die Forscher sahen keinen Effekt, wenn sie zwar besonders klug, aber gleichzeitig verhaltensauffällig waren. «Verhaltensprobleme stören den Unterricht», sagt Simone Balestra, «Buben lassen sich davon nicht gross stören, aber Mädchen reagieren sehr stark darauf.»

Bei den Mädchen ist der Effekt auch sonst fragiler: Bezüglich dem Fach Mathematik profitieren sie von Hochbegabung in der Klasse vor allem, wenn es ein Mädchen ist. Die Studienautoren betonen deshalb, Vorbilder des eigenen Geschlechtes seien für Mädchen nicht nur für die Berufswahl und während der Karriere wichtig, sondern schon in der Schule. Beim Fach Sprache spielte es für die Mädchen übrigens keine Rolle, wenn das hochbegabte Kind männlich war, der positive Effekt blieb bestehen.

Ausserdem hatte der positive Effekt von Hochbegabten in der Klasse nur bei Buben einen Einfluss auf ihre weitere Schullaufbahn: In solchen Klassen wählten Buben etwas häufiger das Gymnasium oder eine naturwissenschaftliche Berufsausbildung.

Die Studie ist in einem Video zusammengefasst.

HSGUniStGallen/ Youtube

Ein Drittel der Kinder wird abgeklärt – ein Glück für die Forscher

Zu ihren Resultaten kamen die Forscher, indem sie Daten von 8.-Klässlern im Kanton St. Gallen aus zehn Jahren verglichen. Und zwar von jenem Drittel aller Kinder, das während der Schullaufbahn einmal vom Psychologischen Schuldienst beraten wird. Bei vielen wird anfänglich standardmässig ein IQ-Test gemacht. Zudem war somit bekannt, ob das Kind verhaltensauffällig ist oder nicht. Gut 31'600 Kinder in 1592 Sekundarschulklassen konnten analysiert werden, Realschulklassen und Sonderklassen gehörten nicht dazu.

Die Tatsache, dass die Leistung von einem grossen Teil der Klasse nicht bekannt war, werten die Autoren nicht als Schwäche ihrer Studie, im Gegenteil: «Dass wir einen signifikanten Effekt gefunden haben, obwohl uns nicht alle hochbegabten Kinder bekannt waren, bedeutet, dass das Resultat eher noch deutlicher hätte ausfallen können», sagt Balestra.

Unter den unbekannten Hochbegabten könnten mehrheitlich Mädchen sein, denn unter allen Hochbegabten in der Studie waren nur 30 % Mädchen. Das hat auch damit zu tun, dass zwar bei 25 % aller Buben ein IQ-Test gemacht wurde, aber nur bei 16,5 % der Mädchen. Dies, weil Mädchen seltener verhaltensauffällig sind. Und wer unauffällig ist, wird selten abgeklärt und erschien demnach nicht in den Daten für die Studie.

Eine ausgewogene Durchmischung einer Klasse ist wichtig

Die Klassenzusammensetzung hat auf den Schulerfolg also einen Einfluss. Laut Simone Balestra sollten die Klassen möglichst gut durchmischt sein. Ein Argument, sein Kind in eine Privatschule zu schicken, sei das Resultat nicht: «Wir haben bei Privatschulen keine grossen Unterschiede bezüglich Leistungen festgestellt», sagt Balestra.

Die grösste Überraschung für die Studienautoren war übrigens, dass die Hochbegabten längst nicht immer zu den Klassenbesten gehören: Es zeigte sich, dass die Hälfte aller Jugendlichen mit einem IQ von 130 und höher nicht zu den Top-5 gehören.