Clusterfuck

Hochautomatisiert, übervernetzt

Eine Welt ohne Weltmacht, eine vernetzte und digitalisierte Gesellschaft – wir sind extrem anfällig.

christoph bopp
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Grosse Lokomotiven machen auch grosse – und spektakuläre – Unfälle: Das Desaster vom Gare Montparnasse in Paris 1895.Wikipedia

Grosse Lokomotiven machen auch grosse – und spektakuläre – Unfälle: Das Desaster vom Gare Montparnasse in Paris 1895.Wikipedia

Früher wurden die grossen Welt-Geheimnisse in Griechisch formuliert: «Gnothi seauton!» – «Erkenne dich selbst!». Heute in Englisch: «Name it to solve it!» Gemeint ist das Problem. Und zwar nicht «das» Problem, bei dem nützt Benennen meist nichts, weil es eher Beschwören ist, sondern irgendein Problem. «Gib ihm erst mal einen Namen, dann schauen wir weiter.»

Und dieser Regel folgen wir und erklären: «Wir leben in einer VUCA World.» Das ist zwar noch nicht sehr Englisch, aber es wird. «VUCA» steht für «Volatility», «Uncertainty», «Complexity» und «Ambiguity». Gegenüber diesen Schrecknissen waren Dürers apokalyptische Reiter geradezu harmlos. Für «volatil» haben wir schon kaum ein deutsches Wort, «flüchtig» ist jedenfalls nicht geeignet; dass alles unsicher ist, leuchtet uns ein. Mit Komplexität umgehen können die wenigsten der heute Lebenden. Und so bleibt «Ambiguität»: Wir können mit all dem auch gar nichts anfangen. Jemand hat einmal das Schlagwort einer «neuen Unübersichtlichkeit» geprägt. Er meinte, dass es auf der Welt nicht mehr so schön ist wie damals, als sich nur die Amis und die Roten gegenseitig belauerten.

Am Schluss reicht ein Schubs

VUCA ist aber nicht nur ein Problem, sondern eher ein Symptom, das eine Diagnose ermöglicht. Es ist das, was entwickelte Gesellschaften fast unweigerlich bekommen. Gesellschaften tendieren zur Integration oder – wie man heute sagt – zur Vernetzung. Sie organisieren sich im Laufe ihrer Entwicklung vielleicht nicht immer besser, aber sicher aufwendiger. Sie werden komplexer. Es wird immer teurer, die Organisation aufrechtzuerhalten. «Es kommt der Punkt, an dem alle Kapazitätsreserven bereits eingesetzt sind, sodass alle Produktionsüberschüsse für die laufenden Kosten der Gesellschaft eingesetzt werden.»

So zitieren Holm Friebe und Detlef Gürtler den US-Anthropologen Joseph Tainter. Er hat 1988 den Klassiker «The Collapse of Complex Societies» veröffentlicht. Auch heute noch lesenswert. Tainter räumt ein, dass (fast) alle Zivilisationen nach einem externen Schock untergegangen sind, den sie am Schluss nicht verkrafteten. Aber sie krankten alle zuvor an Überkomplexität. Der Untergang Roms nach den Barbaren war also typisch, der letzte Baumfäller auf der Osterinsel eher nicht. Aber Rom erlebte mehrere Plünderungen und Heimsuchungen und ging nicht unter. Erst als die Sicherheit nicht mehr finanziert werden konnte, weil niemand mehr Steuern bezahlen wollte, kam es zum Zusammenbruch.

Schlamperei besser als Effizienz?

Verheerend ist, dass auch der Versuch, Überkomplexität gegenzusteuern, meist fatal ist. Effizienzsteigerung heisst das dann. Aber die Biologie lehrt, dass Systeme einem Trade-off unterliegen: Werden sie zu effizient, werden sie gleichzeitig anfälliger. Monokultur gegen Biotop. Die Natur will nicht Effizienz, sondern Überleben. Sie strebt nach Resilienz, der Fähigkeit, unerwarteten Schocks standzuhalten. Widerstandsfähige Systeme haben Reserven, ein Polster, das sie in Krisen mobilisieren können.

Friebe und Gürtler haben vom Inhalt her ein eher deprimierendes Buch geschrieben. Man kommt zum Schluss, dass es nur eine Art und Weise gibt, wie man Untergang und Katastrophe vermeidet, aber sehr viele Wege, die gerade dorthin führen. Einige haben sie benannt. Aber es gelingt ihnen, die Lektüre hin und wieder auch zu einem Vergnügen zu machen. Zugegeben, die Beispiele verleiten dazu, der alten lateinischen Devise nachzuleben: «Difficile est, satiram non scribere – schwierig ist es, sich die Satire zu verkneifen.» Sie nennen das Phänomen «Clusterfuck» – das verstehen wir auch ohne Duden: Alles geht schief. Im Vietnamkrieg hiess das «Charlie Foxtrot» oder «CF». «Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Clusterfucks. Und es hat gerade erst begonnen.»