Mehr Sichtbarkeit
«Hoch Dragica» und «Tief Ahmet» – Darum haben Wetterphänomene künftig migrantische Namen

Die Hoch- und Tiefdruckgebiete hiessen im vergangenen Jahr Willy oder Hermine. Künftig wird das Wetter aber von Ahmet, Dragica oder Jussuf bestimmt. Hinter der neuen Namensgebung steckt ein Zusammenschluss von schweizerischen, deutschen und österreichischen Medienschaffenden, die mit ihrer Kampagne vor allem eins wollen: Menschen mit Migrationsgeschichte im deutschsprachigen Raum sichtbarer machen.

Alexandra Pavlović
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Im neuen Jahr bestimmen die Tiefdruckgebiete Ahmet, Goran, Jussuf, Flaviu und Dimitrios das Wetter, für Sonne sorgen die Hochdruckgebiete Dragica, Bozena und Chana.

Im neuen Jahr bestimmen die Tiefdruckgebiete Ahmet, Goran, Jussuf, Flaviu und Dimitrios das Wetter, für Sonne sorgen die Hochdruckgebiete Dragica, Bozena und Chana.

Screenshot wetterberichtigung.org

«‹Hoch Dragica› sorgt für warme Temperaturen und Sonnenschein»: So wird demnächst das Wetter bei der Berichterstattung präsentiert. Hiessen die Hoch- und Tiefdruckgebiete im vergangenen Jahr Hermine, Willy oder Lisa, so tragen die künftigen Wetterereignisse migrantische Namen wie Ahmet, Dragica oder Jussuf. Da ist aber nicht etwa eine Schnapsidee der Meteorologinnen und Meteorologen, sondern hat einen ernsten Hintergrund.

Sara Winter Sayilir, Co-Vorsitzende Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen.

Sara Winter Sayilir, Co-Vorsitzende Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen.

Ruben Hollinger

«Wir wollen aufzeigen, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist und in der Bevölkerung nicht nur typisch deutsche Namen vorkommen. Denn eine Dragica ist heute genauso fester Bestandteil unserer Bevölkerung, wie eine Lisa», sagt Sara Winter Sayilir, Co-Vorsitzende vom Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen (NCHM*). Um diese Vielfalt sichtbarer zu machen, hätten sie sich zusammen mit Initianten aus Deutschland und Österreich entschlossen, die Dreiländer übergreifende Kampagne #Wetterberichtigung ins Leben zu rufen. «Wir haben dafür 14 Wetterpatenschaften für die ersten Wochen im neuen Jahr gesichert und mit migrantischen Namen versehen.»

Stigmata aufbrechen

Wie der Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen in einer Mitteilung schreibt, hatte das Wetter bisher fast nur typisch deutsche Namen und moniert: Obwohl laut dem Bundesamt für Statistik rund 38 Prozent aller Menschen in der Schweiz einen Migrationshintergrund haben, sind sie in vielen Bereichen kaum präsent. Sara Winter Sayilir sagt: «Menschen mit einer Migrationsgeschichte werden in der Öffentlichkeit noch immer zu häufig nur mit negativen Schlagzeilen erwähnt. Sie sind dann meist Opfer oder Täter. Diese klischeehafte Darstellung entspricht aber nicht der heutigen Gesellschaft.»

Neue Schweizer Medienmacher*innen

Der Verein Neue Schweizer Medienmacher*innen (NCHM*) wurde im Sommer 2020 gegründet. Das Pendant in Deutschland – die «Neuen deutschen Medienmacher*innen» – existiert seit mehr als zehn Jahren. Beide Vereine setzen sich für eine antirassistische Berichterstattung und mehr Vielfalt in den Medien ein. Ihrer Meinung nach sollten Medien mit Diversity-Checklisten arbeiten und auch nicht-weisse Menschen zeigen. Bei jedem Thema, in jeder Sendung. Sie weisen zudem darauf hin, dass in den deutschen Medien der Anteil an Journalist*innen mit Migrationshintergrund bei schätzungsweise fünf bis zehn Prozent liegt. In der Schweiz dürfte die Zahl laut NCHM* sogar noch tiefer liegen. Dies zeige: Guter Vorsatz allein reiche nicht. «Medienhäuser sollten eine Diskussion darüber führen, wie sie die Vielfalt in ihren Redaktionen steigern können. Die NCHM* halten dabei die Einführung von Quoten für eine mögliche Lösung.» (lex)

Dagegen wolle der Verein etwas unternehmen und nicht nur alte Stigmata aufbrechen, sondern auch einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft anstossen.

So sah die Wetterkarte Stand Mittwoch, 6. Januar, auf der Homepage der Freien Universität Berlin aus.

So sah die Wetterkarte Stand Mittwoch, 6. Januar, auf der Homepage der Freien Universität Berlin aus.

Screenshot FUB

Wetterphänomene für mehr Sichtbarkeit nutzen

Wieso aber nutzen die Neuen Schweizer Medienmacher*innen das Wetter zu einem derart ernsten Thema? «Ganz einfach: Das Wetter betrifft uns alle, und jeder beschäftigt sich damit», erklärt Winter Sayilir. Und was viele nicht wissen: Private haben im deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, einen Namen für Hoch- oder Tiefdruckgebiete zu kaufen und können so mitbestimmen, wie die Wetterphänomene heissen sollen.

Patenschaft für Hoch- und Tiefdruckgebiete

Seit 1954 vergibt das Institut für Meteorologie der FU Berlin Namen für Hoch- und Tiefdruckgebiete, die das Wetter in Mitteleuropa beeinflussen. Deutsche Wetterdienste wie auch private Wetteranbieter übernehmen diese Namen und geben sie an die Medien weiter. Ende 2002 wurde die Aktion «Wetterpate» ins Leben gerufen. Damit wird jedem ermöglicht eine Namenspatenschaft für ein Druckgebilde zu übernehmen. Der Pate kann schliesslich den Namen bestimmen, auf den das Tief oder Hoch von der Universität getauft werden soll. In geraden Jahren tragen Hochdruckgebiete männliche und Tiefdruckgebiete jeweils weibliche Namen. In ungeraden Jahren ist es umgekehrt. Die Preise für die Patenschaften jedoch variieren. Da Hochdruckgebiete eine längere Lebensdauer haben und somit länger auf den Wetterkarten verbleiben, sind sie teurer. Sie kosten 360 Euro. Die Patenschaft für ein Tief beträgt 240 Euro. Im Jahr werden durchschnittlich 50 bis 60 Hochs und rund 150 Tiefs getauft. (lex)

Dafür müsse man zunächst eine Namenpatenschaft für ein Hoch- oder Tiefdruckgebiet beantragen. Das Meteorologische Institut der Freien Universität Berlin entscheide anschliessend und taufe die Wetterereignisse. So tragen in geraden Jahren die Tiefs jeweils weibliche Namen und Hochs männliche – in ungeraden Jahren ist es umgekehrt.

«Wenn nun in der Wetterberichterstattung erwähnt wird, dass Tief Ahmet oder Tief Jussuf Regen bringen, und Hochdruckgebiete wie Dragica oder Bozena für Sonne sorgen, wird das von den Medien ebenfalls übernommen», sagt Winter Sayilir. Und das wiederum führe zu mehr Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit.

«Debatte ist zwingend nötig»

Hinter der Kampagne stehen neben dem noch jungen Verein NCHM* die bereits zehnjährigen Neuen Deutschen Medienmacher*innen sowie das Kreativteam goandtry.com aus Österreich. Ob ihre Wetter-Kampagne den gewünschten Erfolg haben wird, wird sich zeigen. Es ist die erste grössere Aktion dieser Art, bei der die NCHM* dabei sind. Weitere sollen folgen. Die Verantwortlichen erhoffen sich vor allem eine Debatte in der Medienlandschaft auszulösen. Das Wetter mit Migrationshintergrund zu versehen, sei ein symbolischer Schritt.

Wir wollen das gesellschaftliche Vielfalt endlich Normalität wird.

Erste positive Rückmeldungen haben sie bereits erhalten, sagt Winter Sayilir. Sie hätten aber auch schon einige negative über die Sozialen Medien vernommen. So habe sich etwa die AfD hämisch über «Tief Ahmet» ausgelassen. Es ist laut Winter Sayilir nicht zu vermeiden, dass einige Tiefdruckgebiete grosse Schäden verursachen können und damit negative Schlagzeilen produzieren.

Angst, dass die Namen erneut nur mit negativen Ereignissen in Erinnerungen bleiben, hat der Verein indes nicht.

Wir hoffen, dass die Gesellschaft erkennt, wie divers unsere Bevölkerung ist. Wenn man migrantischen Namen dazu nutzt, nun erneut nur mit Negativem zu assoziieren, zeigt das unseres Erachtens nur eins: Es braucht die Debatte – und zwar zwingend.

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