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Goa - ein Paradies, das nicht mehr existiert

Hippie-Paradies Goa? Das war einmal. Statt spirituellem Charme traf unsere Autorin Männer mit klotzigen Goldketten, Alkohol-Shops und Kloaken.
Christine Weber
Da hatte Goa noch spirituellen Charme: Blumenkinder und Einheimische am Strand, 1971. (Bild: Jack Garofalo)

Da hatte Goa noch spirituellen Charme: Blumenkinder und Einheimische am Strand, 1971. (Bild: Jack Garofalo)

Am Strand von Calangute sind frühmorgens fünf Menschen ertrunken. Drei ­leblose Körper wurden bereits angeschwemmt, die anderen sind noch verschollen. Diese Nachricht macht schnell die Runde, quittiert wird sie mit einem Schulterzucken. Selber schuld, ist die vorherrschende Meinung: Die Gruppe indischer Touristen sprang morgens um 6 in die wilde arabische See, zuvor hatten sich die Männer vermutlich kräftig die Lampe mit Alkohol gefüllt. So, wie das hier viele machen.

Calangute liegt in der Region Goa, einem beliebten Reiseziel in Indien. Die ehemals portugiesische Kolonie hat eine wunderschöne Fauna, fantastische Strände und Umgangsformen, die lockerer sind als andernorts in Indien – eine ideale Destination für die Hippies und Freaks aus aller Welt, die den schönen Landstrich Anfang der 70er für sich entdeckten und in Beschlag nahmen.

Love und Peace bei Sonnenuntergang

Eines der beliebtesten Ziele war das Dorf und die Beach Calangute: Love and Peace bei Sonnenuntergang, lauschige Hüttchen und einfache Bars, Meditation und Yoga im indischen Space, Hasch und Partys in Hülle und Fülle – und das alles sozusagen zum Nulltarif. Kein Wunder, war es in einschlägigen Kreisen während Jahrzehnten en vogue, im Winter ein paar Monate in diesem Paradies abzuhängen oder sich gleich für immer hier einzurichten. Bis heute kommen die unterdessen ergrauten Indien-Fans ins Schwärmen über die vergangenen Zeiten in Goa. Vorneweg: Goa mag noch immer seine Qualitäten haben. Aber das mit dem Hippie-Paradies ist vorbei; und zwar definitiv.

Vom Wunderland zum Plunderland

«Es ist Zeit zu gehen!», schreibt Deepti Beer, die jahrelang in der Region lebte, in ihrem Blog und führt die Gründe auf, warum immer mehr ausländische Goa-Liebhaber der Region den Rücken kehren: Verschmutzung, Übervölkerung, Kommerz und mangelnde Sicherheit. Wer heute durch das Dorf mit den rund 14000 ständigen Einwohnern geht (2011), wundert sich tatsächlich nicht, dass die Blumenkinder verschwunden sind. Von spirituellem Charme oder indischer Entspanntheit kann keine Rede sein: Die Strassen sind verstopft und lärmig, ein Alkohol-Shop reiht sich an den anderen, ein verlottertes Gebäude übertrumpft das nächste. Das Schlimmste ist jedoch der Abfall: Wo man geht und steht, geht und steht man im Müll. Mal treibt er als Kloake durch die Strasse, mal dümpelt er vor den Shops und mal stinkt er in verwahrlosten Gärten vor sich hin. Plastik, Flaschen, Verpackungen, Reifen, Essresten – alles wird hier weggeworfen und gärt unbeachtet und frischfröhlich vor sich hin.

Wohin man geht, steht man auf Müll. (Bild: Christine Weber)

Wohin man geht, steht man auf Müll. (Bild: Christine Weber)

Zugegeben: Die Reisezeit ist alles andere als optimal, jetzt im Sommer klettern die Temperaturen auf 38 Grad, gefühlt sind es 42. Zudem schüttet es wegen des Monsuns täglich während Stunden wie aus Kübeln – das ist eine grosse Herausforderung für die teils marode Infrastruktur. Der Monsun dient darum nicht selten als Erklärung für das Abfallproblem. Viele Einheimische sagen:

«Es ist hier nur während
der Regenzeit so zugemüllt.»

In der Wintersaison sei hier alles wieder ganz sauber und parat für die (westlichen) Touristen. Wer’s glaubt, wird selig.

Überangebot von Unterkünften trotz Massentourismus

Ein weiterer wunder Punkt zeigt sich nicht nur in Calangute, sondern auch in den umliegenden Orten wie etwa der ebenfalls stark frequentierten Anjuna Beach: Unterkünfte und Guesthouses sind jahrelang zahlreicher aus dem Boden geschossen, denn Zauberpilze im Napfgebiet. Doch der grösste Teil davon ist verwahrlost, schmutzig und unattraktiv.

«Das Überangebot der Unterkünfte hat die Preise nach unten getrieben, und das wirkt sich wiederum auf die Qualität aus», sagt der Inder Joe Fernandes, der zusammen mit seiner Frau Marietta eines der wenigen Gästehäuser in Calangute betreiben, die noch über Charme verfügen. Die beiden wissen, wovon sie sprechen: Immer wieder würden Touristen bei ihnen anklopfen, weil sie die Flucht ergreifen vor den gebuchten Unterkünften, die sich vor Ort als schäbig bis unbrauchbar herausstellen.

Anstelle der Hippies vergnügen sich heute indische Touristen an Goas Stränden. (Bild: Christine Weber)

Anstelle der Hippies vergnügen sich heute indische Touristen an Goas Stränden.
(Bild: Christine Weber)

Ausländer sind auch im Guesthouse der Fernandes eher die Ausnahme: Sie beherbergen vorwiegend indische Touristen, die unterdessen anstelle der europäischen und anderen Hippies in die Bresche gesprungen sind und während ein paar Tagen Fun an der Beach zelebrieren. Nicht nur in der Sommersaison, aber vor allem dann. Das zeigt ein Augenschein am weitläufigen Strand: Hunderte Inder stehen stundenlang palavernd am Meer, schiessen ein Selfie am anderen oder jumpen mehr oder weniger in Vollmontur in die Wellen – letzteres gilt vorwiegend für Männer. Dass hier jemand in einem Badekleid oder gar Bikini herumspazieren würde, ist ausgeschlossen.

Für allein reisende Frauen ist es besonders mühsam

Mühsam wird es für allein reisende Frauen schon am heiterhellen Tag in den zahlreichen Bars, die sich dem Strand entlangziehen: Noch bevor man Platz genommen hat, kommen die ersten Männer mit ihren penetranten Fragen nach Name, Herkunft und Familienstand. Darum trinkt die Journalistin ihr Bier lieber in der einzigen Bar vor Ort, wo sich die wenigen Weissen sammeln, die hier gestrandet sind: Es sind ausnahmslos fette Männer in fortgeschrittenem Alter, mit klotzigen Goldketten und Tattoos an Armen und Beinen – ganz bestimmt nicht der Typus Mensch, den man sich im Hippie-Paradies vorstellt.

Wer sucht, der findet noch die guten Seiten

Trotz all dieser Mängel hat Goa noch immer seine schönen Seiten. Sichtbar werden sie zum Beispiel auf einem Ausflug zu den historischen Kirchen und Gebäuden aus der Kolonialzeit oder auf einer Flussfahrt inklusive Unterhaltungsprogramm. In der Sommersaison kann man auf einer geführten Tour mit etwas Glück eine besondere Erfahrung machen: Als einzige europäische Frau mit 100 Inderinnen und Indern auf einer Sightseeing-Tour durch die Gegend kurven. Mit an Bord sind Leute von einem ganz anderen Schlag, als die Horden erlebnishungriger und durstiger Massentouristen, die durch Calangute ziehen: Familien mit Kindern, frisch verheiratete Paare und junge Leute, die ein paar Tage von ihren Jobs in Bangalore – dem Silicon Valley Indiens – ausspannen wollen.

Goa ist noch nicht ganz verloren

Der engagierte Reiseleiter weiss viele interessante Details und lustige Anekdoten über Architektur und Landschaft zu erzählen; während der 12-stündigen(!) Führung wird gelacht und geplaudert, man tauscht sich so gut wie möglich in der fremden Sprache aus und teilt grosszügig den Regenschirm, wenn es unvermittelt zu giessen beginnt. Und so fühlt man sich auf dieser Rundreise unter lauter liebenswürdigen Inderinnen und Indern plötzlich wieder gut. Zieht da nicht ein Hauch von indischer Entspanntheit durch den Bus? So, wie das früher im Hippie-Paradies Goa gewesen sein mag? Jedenfalls ist es ein Hoffnungsschimmer, dass Goa noch nicht ganz verloren ist an den Mainstream und Billigtourismus.

Vollmondpartys und Nacktbader

Ende der 1960er-Jahre, als sich von der amerikanischen Westküste aus die Hippiekultur verbreitete, mehrten sich die jungen Leute aus aller Welt, die nach Indien reisten. Sie wurden getrieben von der Suche nach anderen Werten, nach spiritueller Erfahrung, nach einem vermeintlich freieren Leben. Auch die Verfügbarkeit von Drogen (Haschisch) spielte eine Rolle. Goa mit einer relativ toleranten Bevölkerung, die anfänglich auch Nacktbader und Free-Love-Anhänger erdulden musste, wurde schnell zu einem Mekka der Globetrotter, Sinnsucher und Hedonisten. In den 1970er-Jahren zogen Tausende von Europäern auf dem Hippie-Trail nach Afghanistan, Indien und Nepal. Goa war eine Destination, die immer auf dem Reiseplan stand, meistens aus Erholungsgründen. Zum Erlebnis an den Stränden Goas gehörten die Vollmondpartys. Die Musik passte sich den jeweiligen Trends an, von den akustischen Jams mit Gitarren und Trommeln über psychedelische Rockmusik bis zur elektronischen Variante des Goa-Trance. Zu dessen Wegbereitern gehörten auch ehemalige Hippies, die sich seit den 1960ern in Goa niedergelassen hatten. Heutzutage ist der Hippie-Spirit schon längst abgefüllt und kommerzialisiert. Man kann ihn wie ein Souvenir nach Hause nehmen. (pb)

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