In Málaga ist Picasso geboren – eine Reise zu seinen ersten Pinselstrichen

Hintergrund
In Málaga ist Picasso geboren – eine Reise zu seinen ersten Pinselstrichen

Bild: Getty

Wer die Werke des Künstlers verstehen möchte, kommt nicht darum herum, Málaga zu besuchen. In der sonnigen Küstenstadt Südspaniens kam der weltberühmte Maler vor 140 Jahren zur Welt und verbrachte hier einen Grossteil seiner Kindheit.

Camilla Landbø, Málaga
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Da sitzt er, auf einer Bank im Stadtzentrum von Málaga. In der einen Hand hält er ein Heft, in der anderen einen Bleistift. Er scheint nachzudenken oder etwas zu beobachten. Wer er ist? Picasso! Einer der wunderbarsten Maler der Welt.

Bild: Camilla Landbø

Auf der Sitzbank gibt es genug Platz, um sich neben ihn zu setzen – was man unbedingt tun sollte. Denn es fühlt sich beinahe wie eine reale Begegnung mit dem grossen Künstler an: Picassos Bronzestatue sitzt auf der Plaza de la Merced in Lebensgrösse da.

Málaga, ganz unten in Spanien, vis-à-vis Afrika. Aus dieser andalusischen Küstenstadt, wo mehr als 300 Tage im Jahr die Sonne scheint, kommt Pablo Ruiz Picasso. Das besondere und helle Licht, so sagt man, reflektiert sich in seinen Bildern immer wieder. Wenige Meter hinter der Bronzestatue steht das Geburtshaus von Picasso, in dem er vor 140 Jahren – am 25. Oktober 1881 – auf die Welt kam und einen Teil seiner Kindheit verbrachte.

Das Geburtshaus ist heute ein kleines Museum, das Museo Casa Natal. Wer es betritt, macht unweigerlich eine Zeitreise in die Vergangenheit. In den Räumen finden sich Originalgegenstände von Picassos Familie aus dem 19. Jahrhundert. Familienfotos, Kleidungsstücke wie der Taufanzug und die Babyschuhe vom kleinen Pablo oder Spielsachen von ihm, etwa ein Zinnsoldat.

Málaga und Picasso. Es ist eine innige Beziehung, besonders für Picasso – obwohl er die andalusische Stadt als neunjähriges Kind verliess. Die Familie zog an das entgegengesetzte Ende Spaniens, nach Galicien, im Norden. Der Vater, der selbst Künstler war, hatte dort eine Stelle als Zeichenlehrer gefunden. Nach ein paar wenigen Jahren wechselte die Familie nach Barcelona. Von dort aus führte Picassos Reise weiter nach Madrid und Paris, in die Welt hinaus, bis er im Verlauf all dieser Jahre der Maler und Bildhauer wurde, den wir heute kennen. Zuletzt lebte er im französischen Mougins, nahe Cannes, wo er 1973 mit 91 Jahren verstarb.

Picasso schrieb sich in seine Geburtsstadt zurück

Nur fünf Mal kehrte Picasso in seinem Leben nach Málaga zurück, bei seinem letzten Besuch war er erst 19 Jahre alt. Doch Picasso hat Málaga nie vergessen. In seinen Werken erscheinen die Stadt und die andalusischen Eigenheiten immer und immer wieder. In seinen Bildern findet man Stierkämpfe, die er als kleiner Junge mit seinem Vater in Málaga besuchte, oder den Hafen, das Meer, die Tauben, denen er als Bub auf der Plaza de la Merced nachrannte.

Was wenige wissen: Picasso war auch Schriftsteller und Poet. Ab dem Alter von 50 widmete er sich leidenschaftlich dem Schreiben. So sehr, dass er geglaubt haben soll, später in den Lexika als «Dichter, der manchmal malte» zu erscheinen. In seinen Texten taucht Málaga dauernd auf. So zeichnet er mit Worten Bilder der Sehnsucht nach dem Salzwasser oder nach der Sonne, die durchs Fenster scheint, wenn er am Mittelmeer erwacht. Er beschreibt in Gedichten den Duft der Sardinen, die bis heute in Málaga in den Strandrestaurants über dem Feuer gebraten werden: die espetos.

Espetos sind ein Klassiker der lokalen Küche: Der Duft von den gebratenen Sardinen beschrieb Picasso in seiner Lyrik.

Espetos sind ein Klassiker der lokalen Küche: Der Duft von den gebratenen Sardinen beschrieb Picasso in seiner Lyrik.

Bild: Camilla Landbø

Eine seiner Töchter erzählte einmal, Picasso habe in seinen Siestas oft gelächelt. Wenn sie ihn dann wachrüttelte und er die Augen öffnete, fragte sie ihn stets: «Warst du wieder in Málaga?» Und Picasso habe zufrieden genickt.

Pablo Picasso Maler und Begründer des Kubismus

Pablo Picasso
Maler und Begründer des Kubismus

Bild: Keystone

Keine fünf Gehminuten vom Geburtshaus entfernt befindet sich in einer pittoresken Pflastersteingasse das «Museo Picasso Málaga». Das Museum ist im Besitz von über 230 Kunstwerken des Malers, die abwechselnd ausgestellt werden. Der Kern der Sammlung besteht aus Schenkungen von Picassos Familie. Es war der Wunsch des Künstlers, dass sein Schaffen in seiner Geburtsstadt präsent ist. Die Idee eines solchen Museums hatte Picasso noch zu Lebzeiten, realisiert wurde sie aber erst nach seinem Tod im Jahr 2003.

«Ich bin bestimmt das einzige Kind auf der Welt, das zum Spasshaben nicht aufs Fahrrad gestiegen ist. Es waren die Pinsel, die mich immer vereinnahmt haben», beschreibt Picasso seine Kindheit. In Málaga fing er an zu zeichnen und zu malen, schon als ganz kleiner Junge. Und man weiss auch wo: In der «Escuela de Bellas Artes», der Schule für Bildende Künste, die 1851 bis 1985 unweit des heutigen Picasso-Museums existierte.

Bald lässt sich die vergessene «Aula Picasso» besuchen

Heute wird im uralten Gebäude, das aus kleinen roten Ziegelsteinen besteht, zwar nicht mehr unterrichtet, aber nach wie vor Kunst und Kultur gefördert. Das «Ateneo de Málaga» organisiert Lesungen, Ausstellungen und Podien. Und es beherbergt einen ganz besonderen Schatz: die «Aula Picasso» – ein verstaubter Saal aus den Zeiten der Schule für Bildende Künste. Auf dem unversiegelten Parkettboden stehen alte hölzerne Hocker, Bänke und Staffeleien von damals.

Hier unterrichtete der Vater von ­Picasso lineares Zeichnen. Und hier soll der kleine Pablo seine erste Begegnung mit der Kunst gemacht haben. Zwischen den dicht gedrängten Schülern, die das genaue Abzeichen übten, hatte der Sohn des Lehrers gesessen, ­Pablito.

Endlich hat die Stadtregierung von Málaga Gelder gesprochen, um die «Aula Picasso» zu sanieren und sie für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im nächsten Frühling 2022 ist es so weit: Man wird den Saal, in dem Picasso schon im Vorschulalter zeichnete, besuchen können.

Wenige Fussminuten von der Bronzestatue entfernt liegt die Kunstschule mit der «Aula Picasso».

Wenige Fussminuten von der Bronzestatue entfernt liegt die Kunstschule mit der «Aula Picasso».

Bild: Camilla Landbø

Zurück zur Plaza de la Merced: Da sitzt Picasso. Immer noch. Vor acht Jahren rissen Vandalen die Bronzestatue von der Marmorbank und versuchten, sie zu stehlen. Sie wiegt jedoch so viel, dass die Diebe nicht weit kamen. Man fand Picasso auf demselben Platz wieder, lediglich auf einer anderen Bank sitzend. Die Plaza hält den Maler regelrecht fest.

Hier hat er als Kind un­zäh­lige Stunden gespielt, als der Boden noch mit Kieselsteinen bedeckt war. Hier schürfte er sich die Knie auf, wenn er immer wieder versuchte, über die Marmorbänke zu springen. Nach seinem Tod erzählte seine letzte Ehefrau, dass sich Picasso gewünscht hätte, auf diesem Platz begraben zu werden, mitten in Málaga.

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