Reportage

Hinter Venedig beginnt das Schlaraffenland: Eine Reise ans Meer mit Zugaben

Zwischen der Lagunenstadt und Triest liegen alte Badeorte. Hier macht man sich für das 21. Jahrhundert chic.

Christian Berzins
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Lignano Sabbiadoro: Ferienmachen wie einst in den 1980er-Jahren.

Lignano Sabbiadoro: Ferienmachen wie einst in den 1980er-Jahren.

Mdworschak / iStockphoto

Wer nach einem dreitägigen Aufenthalt in Venedig trunken von all der Schönheit nach ­Osten fährt, wird rasch nüchtern. Das Friaul, korrekt Friaul-Julisch Venetien, scheint nicht viel mehr zu bieten als ein Fussballrasen in Spreitenbach.

Abwarten – und Gas geben: erster Halt Lignano Sabbiadoro – Lignano «Goldsand».

Bis 1903 war der Ort auf einer Landzunge via Landweg unerreichbar. Dann gings los mit dem Tourismus, und in den 1970er-Jahren zählte man 6 Millionen Gäste. So sieht der lang gezogene Ort auch aus: Hotels, die zwischen 1950 und 1980 entstanden, wetteiferten um die Höhe und Gäste.

Das wirkt heute charmant, die mit Lichtgirlanden geschmückten Palmen in der Fussgängerzone verleihen ein Gefühl von «Ferien wie damals». Von April bis Ende Oktober herrscht hier Betrieb.

Lignano ist bei den Österreichern weltberühmt, es ist ihr schnellster Weg ans Meer. Sein Zauber muss keinem erklärt werden. Kaum angekommen, will man ins Wasser oder einfach nur den unendlichen Blick darüber hinweg geniessen.

Gianluca Baronchelli

Die Geschichte blinzelte aus verborgenen Winkeln hervor. Selbst unter den Nullachtfünfzehn-Strandcafés gibt es Bijoux, etwa das «Il Gabbiano», wo Italiens legendärer Krimi-Autor Giorgio Scerbanenco an seinen Krimis arbeitete. Noch ergiebiger ist es, im Nordosten des Friauls, in Casarsa, nach Spuren vom Schriftsteller und Regisseur Pier Paolo Pasolini zu suchen. Doch wir wollen nicht vorgreifen.

Lignano öffnet dem Gast auch den Blick auch wundersame Dinge: etwa eine grüne Lunge, den vor 70 Jahren gepflanzte Pinienwald in Lignano Pineta.

In den 1950ern plante man hier einen Ferienort, der Harmonie zwischen Mensch und Natur widerspiegeln sollte. Damit auch alles davon sprechen würde, bot man berühmten Italienern Grundstücke an, wo geradezu futuristische Villen gebaut wurden. Noch heute gehören sie den Superreichen. Die Kulturstadträtin Ada Iuri träumt davon, dass sie irgendwann einen «Tag der offenen Villen» präsentieren kann. Jetzt muss ein sehr ausführ­licher Prospekt reichen. Allein der Blick über die Gartentore hinweg eröffnet Unglaub­liches.

Wo sich Salz- und Süsswasser treffen

Eine Kanu-Tour die Stella hinunter ist ein Eintauchen in eine Urwaldwelt. Man würde sich nicht wundern, würde ein Brontosaurus seinen Kopf aus dem Fluss strecken und dem Kanu mit seiner tollpatschigen Nase einen Schubs geben.

Eine Kanu-Tour die Stella hinunter ist ein Eintauchen in eine Urwaldwelt

Eine Kanu-Tour die Stella hinunter ist ein Eintauchen in eine Urwaldwelt

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Wer danach in der «Bilancia di Bepi» einkehrt, fühlt sich wie in der Schenke von Sparafucile – dem Ort, wo der Meuchelmörder aus Verdis Oper «Rigoletto» seinen Beruf ausübt. Es ist das Reich von Daniele Ciprian, einem kauzigen Fischer, der mit einem Netz, das den ganzen ­Kanal abdeckt, einzigartige Köstlichkeiten für seine Buschschenke aus dem Wasser zieht.

Daniele Ciprian hebt sein Kanalnetz.

Daniele Ciprian hebt sein Kanalnetz.

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Wo sich Salz- und Süsswasser treffen, gibt es tolle Überraschungen: In Ciprians Fritto Misto sind sowohl Meeräsche und Sardinen als auch Aal zu finden. In den Restaurants von Li­gna­no ist Fisch zentral, Muscheln und Krustentiere ergänzen die Karte. Aber das Friaul ist kulinarisch reizvoll, da es vom Meer bis in die Berge reicht – dazwischen liegen Hektaren von Weinreben. Ein Schlaraffenland!

Nur 70 Kilometer von Li­gna­no entfernt liegt das Dörfchen San Daniele – und beliefert die ganze Welt mit seinem Schinken. Nicht zu vergessen die friulischen Formaggi: Der Montasio ist der berühmteste, der Fagagna der beste und die Forma di Frant der verrückteste. Ein Käse aus Käseresten…

Bild: Pvt pauline / Wikimedia

Nach drei Tagen im Liegestuhl und Kanu, auf dem Fahrrad und Stand-up-Paddel, verlangt der Geist nach hohen Altären und dunklen Fresken. Hinein ins Auto oder den Bus! Und kaum die raue Bahnhofstrasse Udines gegen Norden verlassen, zeigt sich eine Stadt voller Palazzi und Lauben, Geschäfte und Restaurants.

Nach dem Fischfestival greift man nun mit Lust in die gemischte Platte mit Schinken und Salumi aus San Daniele und Sauris. Nach dem Caffè gehts zurück durch Pasolinis Casarsa gegen Westen, nach Pordenone: ein reiches Städtchen mit 50000 Einwohnern, Duomo, Museo Civico, Literaturfestival, vier Einkaufsstrassen, fünf Top-Restaurants und Palazzi, prächtig wie in Venedig.

Der Höhepunkt ist, je nach Geschmack, «la degusteria» mit 36 Weinen im Offenausschank, oder der erste Seitenaltar im Dom: Ein Meisterwerk von Giovanni Antonio de’ Sacchis, schlicht Pordenone genannt. Weiter vorn hat er sich an einer Säule als San Rocco verewigt, den Patron der Pest. Und ja, die «Pest» Corona ist in Italien präsent, die Schutzkonzepte genauso: Sie werden strenger umgesetzt als in der Schweiz.

Lignano Sabbiadoro


(Historisches) Wohnen
– Italia Palace, Viale Italia 7
– Marin, Lungomare Trieste

Essen:
– Al Bancut, Via Lagunare
– Al Cason, Corso dei Continenti
– Bilancia di Bepi, Piancada
– Veloverleih: Terrazza a Mare
– Bootstour: boattourslignano.it
– Kanu: Guidanaturalistica.it

Pordenone:
– Best Western Plus Park Hotel;
– Osteria La Ferrata, Udine: Trattoria ai Frati (bez)