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High Fashion wird umweltbewusst: Ab jetzt sollen Kleider nicht nur von der Farbe her grün sein

Mit dem globalen Fashionpakt und dem Programm Life des Luxusgüterkonzerns LVMH stellen nun auch die grossen Modeplayer die Weichen für umweltbewusste Kleidung.
Esther Elionore Haldimann aus Paris
Grüne Pionierin: Stella McCartney wurde diese Woche an den Green Carpet Fashion Awards für ihr Engagement mit dem Groundbreaking Award ausgezeichnet. Sie trägt ein zu 100 Prozent nachhaltiges Viskosekleid. Bild: Getty Images

Grüne Pionierin: Stella McCartney wurde diese Woche an den Green Carpet Fashion Awards für ihr Engagement mit dem Groundbreaking Award ausgezeichnet. Sie trägt ein zu 100 Prozent nachhaltiges Viskosekleid. Bild: Getty Images

Klar wird es noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis wir völlig entspannt Hoodies, Anzüge oder Abendkleider tragen, die weder der Umwelt, der Artenvielfalt, dem Tier noch den Beschäftigten der Textilindustrie schaden. Vom Rohstoff über die Produktionsketten und die Transportwege bis zur Ausstattung der Läden, alles soll nun bald nachhaltig werden. Die Modegiganten – etwa Chanel, Hermès, Gucci oder Saint Laurent, aber auch H&M, Gap oder Carrefour –, die den von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron initiierten Fashionpakt Ende August unterschrieben haben, wollen bis 2050 CO2-Neutralität zu erreichen. Und bis 2030 sollten sie auf 100 Prozent erneuerbare Energien umstellen. Sie müssen jährlich ihre eingeführten Massnahmen an einer Versammlung bezeugen.

Saint Laurent, hier an der Frühjahrspräsentation, macht beim Pakt mit. Bild: Getty Images

Saint Laurent, hier an der Frühjahrspräsentation, macht beim Pakt mit.
Bild: Getty Images

Macron persönlich erwartet Resultate, insbesondere was den Respekt der Artenvielfalt, den Schutz der Ozeane und die Begrenzung des Klimaeinflusses betrifft. «Der Textilsektor ist für einen Drittel der Verschmutzung der Ozeane verantwortlich», donnerte der Staatschef ungewohnt heftig Ende August am G7-Gipfel in Biarritz, wo er den Fashionpakt enthüllte. 30 internationale Modeakteure und rund 150 Labels haben unterschrieben, dem verschwenderischen Kleiderkonsum und dessen extrem umweltbelastender Herstellung den Riegel zu schieben. Denn die «Fastfashion» hat die Textilproduktion in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt und zur zweitgrössten Umweltverschmutzerin gemacht. Unsere Bettwäsche und unser Kleiderschrank produzieren weltweit jährlich 1,2 Millionen Tonnen Treibhausgas. Ganz zu schweigen von der Gewässerverschmutzung durch Färben und Waschen, dem extrem hohen Einsatz von Pestiziden in den Baumwollkulturen oder allen chemischen Fasern, die einen Drittel aller Mikroplastikpartikeln in den Meeren beisteuern.

Stella McCartney, die Greta Thunberg der Mode

Die vegane Falabella-Bag von Stella McCartney ist seit Jahren ein Bestseller und hat andere Designer zu lederfreien Accessoires inspiriert. Bild: zvg

Die vegane Falabella-Bag von Stella McCartney ist seit Jahren ein Bestseller und hat andere Designer zu lederfreien Accessoires inspiriert. Bild: zvg

Entsprechend grüne Initiativen finden seit einem Monat an den Fashionweeks von New York, Mailand, London und aktuell Paris nicht auf dem Laufsteg, sondern am Verhandlungstisch statt. Paris brodelt mit Roundtables, Showrooms und Modemessen, um den Umweltschutz in allen Facetten einzuleiten. London lancierte sein noch vages Positive-Fashion-Weissbuch, das sich bis in die Schulprogramme auswirken soll. Mailand hat mit dem Green-Carpet-Fashion-Award umweltbewusste Modedesigner ausgezeichnet; Gucci gab dabei bekannt, die Klimaneutralität bereits erreicht zu haben. Das erfolgreiche Label kompensiert seine CO2-Emissionen dank Projekten zum weltweiten Schutz der Wälder. Das florentinische Modehaus gab ebenfalls an, die ganze Beschaffungs- und Produktionskette nachhaltig zu gestalten, und will auf organische Fasern oder nachhaltige Materialien fokussieren.

Noch sind die reinen Ökolabels aber eine Nische, die es aufzuspüren gilt. Veja und Jerome Dreyfuss etwa sind die Pioniere für Bioleder. Auf dem Laufsteg gibt es aber nur eine, die durch und durch grün ist und wie eine Greta Thunberg der Mode den Weg weist: Stella McCartney, die Tochter von Ex-Beatle Paul. «Ich werde weder Leder noch Pelz noch Federn einsetzen», hat die heute 48-Jährige schon vor zwanzig Jahren in der Chefetage des Luxuskonzerns Kering während ihres Vertragsabschlusses festgehalten. Als Vegetarierin, die auf einer Farm aufgewachsen ist, dominiert bei ihr der Tierschutz. Die Stardesignerin tüftelt aber auch mit Stoffabfällen und pflanzlichen Ölen, um geschmeidiges Veganleder zu gewinnen, wie man es von ihren kultigen Falabella-Bags kennt. Sie macht aus Stoffresten und den aus den Meeren gefischten Plastikflaschen eine neue Faser, die auch bei ihrem Adidas-Turnschuh Stan Smith zum Ausdruck kommt.

Mäntel aus Brennnesseln, Jacken aus recycelten Bettfedern

McCartney hat zudem einen guten Draht zu Luxuskonzernleitern wie François-Henri Pinault (Kering) oder Bernard Arnault (LVMH). Sie war es, die Pinault vor zwei Jahrzehnten von der Umstellung auf ein nachhaltiges Modell – wie ihr Label es lebt – zu überzeugen. Inzwischen hat Kering in sieben Ländern auf 100 Prozent erneuerbare Energien umgestellt; in Europa auf 77 Prozent.

Die Farbe ist Programm: Gucci-Präsentation vergangenen Sonntag. Bild: Getty Images

Die Farbe ist Programm: Gucci-Präsentation vergangenen Sonntag. Bild: Getty Images

Macron hatte den Kering-Chef bereits im Mai mit der Ausarbeitung des Fashionpakts beauftragt, den alle Labels der Kering-Gruppe (Balenciaga, Saint Laurent, Bottega Venata, etc.) unterschrieben haben. Ein sehr prominenter Name fehlt dabei: Bernard Arnaults LVMH-Luxusmarken (etwa Louis Vuitton, Dior, Celine) machten da nicht mit. Arnault, zweitreichster Mann der Welt, hinkt ein bisschen nach, fängt sich aber auf, indem er fünf Millionen zur Bekämpfung der Brände im Amazonas spendet und nun Stella McCartney als seine Sonderberaterin einstellt. «Ich habe den Fashionpakt nicht unterschrieben, weil LVMH keine Modegruppe ist. Mode stellt nur einen kleinen Anteil unserer Tätigkeit dar», erklärte Arnault kürzlich, als er überraschend sein eigenes Umweltschutzprogramm Life vorstellte. Es will insbesondere Alternativen zum Warentransport per Luftverkehr suchen.

Was auf dem Papier steht, geht allerdings noch nicht konkret über den Laufsteg. In London sind nur Vin + Omi mit ihren Mänteln aus Brennnesseln aufgefallen, die aus Prinz Charles’ Garten stammen. Vegane Wanderschuhe, Biopolos und Jacken aus recycelten Bettfedern zeigte derweil in Mailand Tommy Hilfiger. McCartneys Show mit der Frühjahrskollektion läuft am nächsten Montag in Paris.

Dank ihrer Ernennung zur Umweltschutzberaterin von LVMH ist die Beatle-Tochter nun einmal mehr am richtigen Platz. So wird etwa dem Label Louis Vuitton vorgeworfen, jüngst unverkaufte Handtaschen verbrannt zu haben. Sie aber erhielt vor wenigen Tagen den Green-CarpetFashionpreis Groundbreaker in Mailand – und wird diesbezüglich bei LVMH sicher aufräumen.

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