Herzschlag der anderen Art

Klosterleben In einem prächtigen Buch von Erwin Koch und Giorgio von Arb erzählen zwölf Mönche der Benediktinerabtei Disentis von ihrem Alltag zwischen Fragen und Antworten. Beda Hanimann

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Klosterleben in Disentis – zwischen Weltlichkeit und Spiritualität. (Bild: Michel Canonica)

Klosterleben in Disentis – zwischen Weltlichkeit und Spiritualität. (Bild: Michel Canonica)

Um Viertel vor sieben morgens fährt im Bahnhof Disentis der Güterzug ein. Bruder Urs Probst im nahen Benediktinerkloster hört ihn rattern, ob er will oder nicht. «Ich bringe sie nicht weg, diese Heissliebe zur Bahn», sagt er. Und er erzählt vom Traum, den er immer wieder träumte, dass eines Morgens der Lokführer des Frühzuges verschlafen habe. Und dann greife der Stationsvorstand verzweifelt zum Apparat und rufe das Kloster an: «Bruder Urs, antraben zum Dienst!»

Die Bahnliebe des 57jährigen ausgebildeten Kaufmanns ist mehr als eine hübsche Episode. Sie spannt den Bogen vom weltlichen Leben zum Kloster. Denn wenn er von der Bedeutung eines strukturierten Tagesablaufs spricht, dann gilt das für Eisenbahn, es gilt aber auch für das Klosterleben. Fünfmal am Tag ruft das Gebet die Mönche zusammen. «Dieser Takt ist wie ein Herzschlag der anderen Art», sagt Bruder Urs.

Nicht nur die Gebete an sich, auch deren Regelmässigkeit und Unumstösslichkeit, jeden Tag, sind auch für Pater Vigeli Monn elementar. Das habe ihn aus einer Krise gerettet, sagt er.

Ein Querschnitt der Gesellschaft

Die starre Struktur des Klosters, die nicht einengt, dessen ewig Gleiches einem vielmehr Flügel verleiht, wie Bruder Urs sagt, ist Thema eines Fotobandes des Journalisten und Schriftstellers Erwin Koch und des Fotografen Giorgio von Arb.

Es trägt den wunderbaren Titel «Ein Buch über die Welt» und stellt damit die These in den Raum: Nicht drinnen oder draussen ist der relevante Punkt, sondern das Hier, das Bei-sich-Sein. «Der Mönch ist ein menschlicher Archetyp. Das Kloster des heiligen Benedikt ist ein Angebot, diesem Archetyp Gestalt zu geben», sagt Abt Daniel Schönbächler.

Die Porträts der zwölf Disentiser Mönche legitimieren den Titel vollumfänglich. Schon die Liste der vorklösterlichen Tätigkeiten der Männer spannt einen weiten Bogen, vom Bäcker über den Chemielaboranten bis zum Banker. Die Formulierung des Abtes ist noch deutlicher: «Wir sind hier, ohne Umschweife, ein Querschnitt der Gesellschaft. Es lebt im Kloster das Menschenmögliche – wir sind Glückliche, Unglückliche, Mutige, Feige, eher Kluge, eher Dumme, Komplizierte, Einfache, Gesunde, Kranke, Beschwingte in jeder Beziehung, Nüchterne genauso.»

Haltung der Offenheit

Die zwölf Mönche (von insgesamt dreissig, die noch in der mächtigen Benediktinerabtei Disentis leben) erzählen mit einnehmender Offenheit. Wie sie den Weg ins Kloster fanden. Wie sie dort zurechtkommen. Mit weltlichen Qualen wie dem frühen Aufstehen hadern oder die «Unbekümmertheit des Körperlichen» vermissen, wie es Pater Vigeli Monn formuliert. Von der Starrheit des Tagesablaufs ist im Denken und Erzählen der Männer nichts zu spüren. Da sind Fragen, versuchte Antworten, da bleibt vieles offen.

«Warum nicht?», diese entwaffnende Frage stellte sich Bruder Gerhard Alig mehrfach, wenn er in seinem Leben vor einer neuen Herausforderung stand. Das ist exemplarisch für eine Haltung der Offenheit und gegen vorschnelle Lösungen.

Die Schilderungen der Mönche sind begleitet von eindringlichen Schwarz-Weiss-Fotografien aus dem Klosteralltag. Das Spektrum reicht vom Beten bis zum Brotbacken. Besonders eindrücklich sind die Begegnungen der Männer mit den Jugendlichen der Klosterschule.

Auch da werden die Welten draussen und drinnen zu einer – die vielfältiger nicht sein könnte.

Erwin Koch, Giorgio von Arb: Ein Buch über die Welt. Das Kloster Disentis. Benteli Verlag, Bern 2010. Fr. 78.–

Abt Daniel Schönbächler, Energieübung in einem Seminar.

Abt Daniel Schönbächler, Energieübung in einem Seminar.

Bruder Franz Bommer am Nationalfeiertag.

Bruder Franz Bommer am Nationalfeiertag.

Bruder Magnus Bosshard, Bildnerisches Gestalten. (Bilder: Giorgio von Arb)

Bruder Magnus Bosshard, Bildnerisches Gestalten. (Bilder: Giorgio von Arb)