Herzenssache Musik

Musik ist älter als die Landwirtschaft, seit Jahrtausenden machen die Menschen Musik – und tanzen dazu. Die Abstimmungsvorlage zur Musikförderung wirft die Frage auf, warum die Menschen musizieren und was sie letztlich davon haben. Eine Antwort gibt die Hirnforschung. Rolf App

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Ein Maedchen fuehrt am 1. Maerz 2007 im Stadtviertel West Point in der liberianischen Hauptstadt Monrovia einen traditionellen Tanz vor. (KEYSTONE/Urs Flueeler) (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

Ein Maedchen fuehrt am 1. Maerz 2007 im Stadtviertel West Point in der liberianischen Hauptstadt Monrovia einen traditionellen Tanz vor. (KEYSTONE/Urs Flueeler) (Bild: URS FLUEELER (KEYSTONE))

Zur Geigerin Anne-Sophie Mutter hat der Arzt und Hirnforscher Jürg Kesselring eine besondere Beziehung. Sie unterstützte im März letzten Jahres mit einem Benefizkonzert nicht nur seine Arbeit zugunsten MS-Kranker, sondern hatte ihn für eine Zugabe sogar auf die Bühne gebeten.

Des Hirnforschers Liebe

Da sieht man ihn denn, ernsten Gesichts und wohl auch ziemlich nervös, mit seinem Cello. Jürg Kesselring ist eine Mehrfachbegabung. An der Klinik Valens leitet er die Abteilung für Neurologie und hat hier mit Unfallopfern, aber auch mit Menschen zu tun, die an Multipler Sklerose (MS) leiden. Lange Jahre stand er denn auch an der Spitze der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft.

Das Gehirn ist sein grosses berufliches Thema, vorab das durch Krankheit oder Unfall geschädigte Gehirn. Wobei er mit einiger Bewunderung auch verfolgt, wie unser zentrales Steuerungsorgan sich in vielen Fällen selber zu helfen versteht. Ausserdem schreibt er Gedichte, und er liebt die Musik über alles.

Ein Liebhaber der Musik

So bezeichnet Kesselring sich denn auch als Amateur: als Liebhaber. «Ich musiziere mehr denn je», erzählt er in seinem Büro mit Blick in die Bergwelt des St. Galler Oberlands, «gerade gestern haben wir im Trio gespielt.» Beim Musizieren «muss man aufeinander hören, sich aufeinander einstellen – und auch antizipieren, was der andere tun wird», sagt Kesselring. Gemeinsam musizieren tue deshalb auch einer Ehe gut, fügt er mit dem ihm eigenen Schalk hinzu – und wirft einen Blick auf das Bild seiner Frau, das im Büro hängt. Es zeigt sie mit ihrer Violine. «Ausserdem kann man nicht reden, wenn man musiziert», sagt Kesselring noch und erzählt vom Versuch mit einem befreundeten Organisten. «Er hat Stücke gespielt, die er längst auswendig kann. Und wir haben dazu ein Gespräch geführt. Immer bei einem Harmoniewechsel hat er seinen Redefluss unterbrochen.»

Fünf Takte voraus

Für einen Hirnforscher wie Kesselring ist die Musik ein wahres Eldorado. Zum Beispiel assistiert er anderen Musikern, indem er neben ihnen sitzt und im richtigen Moment die Partitur umblättert. Dabei hat er Erstaunliches beobachtet: «Wirklich bedeutende Musiker sind ihrem Spiel um vier bis fünf Takte voraus.» Man stelle sich das vor: Auge und Hirn nehmen Töne wahr, die erst vier oder fünf Takte später auch gespielt werden.

Vielleicht illustriert dieses auch für Kesselring unerklärliche Phänomen, wie komplex musikalisches Erleben ist. Er ist denn auch nicht der einzige, der die Ansicht vertritt, dass in der Entwicklung des Menschen die Musik der Sprache vorausgegangen ist.

Nun hat der Sprachforscher Steven Pinker in seinem Buch «Der Sprachinstinkt» zwar erklärt: «Musik legt die Schalter für die Sprachfähigkeit um.» Aber dann hinzugefügt: «Was Ursache und Wirkung im biologischen Sinne angeht, ist Musik nutzlos. Sie ist von ihrer Anlage her nicht auf das Erreichen eines Ziels ausgerichtet, wie ein langes Leben, Enkel oder die Fähigkeit, die Welt genau wahrnehmen und Voraussagen über ihr Verhalten machen zu können.»

Den Frauen gefallen

Haben wir es also hier mit einem blossen Luxusgut zu tun? Schon Charles Darwin hielt von einer derart verkürzten Sichtweise nichts. Denn wenn Musik keinen evolutionären Sinn hätte, wäre sie längst verschwunden. Sie ist aber nicht nur älter als die Landwirtschaft, sondern prägt unser Leben mehr denn je.

In seiner «Abstammung des Menschen» vertritt Darwin deshalb die Ansicht, «dass musikalische Töne und Rhythmus zuerst von den männlichen oder weiblichen Urerzeugern des Menschen erlangt wurden zu dem Zwecke, das andere Geschlecht zu bezaubern. Hierdurch wurden musikalische Töne fest mit einigen der stärksten Leidenschaften verbunden, welche zu fühlen ein Tier fähig ist».

Dem anderen Geschlecht gefallen: Das ist noch immer ein starker Antrieb, Musik zu machen. «Auch das Interesse an Musik erreicht in der heutigen Gesellschaft seinen Höhepunkt bei Heranwachsenden», stellt der kanadische Neurowissenschafter Daniel J. Levitin in «Der Musik-Instinkt» fest. «Weitaus mehr 19-Jährige gründen Bands und probieren neue Musik aus als 40-Jährige, obwohl die 40-Jährigen mehr Zeit zur Entwicklung ihres musikalischen Könnens und ihrer Vorlieben hatten.»

Und Levitin zitiert den Psychologen Geoffrey Miller: «Musik hat sich als Mittel zur Partnerwerbung entwickelt und erfüllt diese Funktion nach wie vor; meist wird sie von jungen Männern benutzt, um Frauen anzuziehen.»

Vielleicht rührt von dieser Verbindung von Partnerwerbung und Musik auch ein weiteres Charakteristikum der Musik her: ihre enge Verbindung mit der Bewegung, dem Tanz. In allen Kulturen wiegen Mütter ihr Kind und singen dazu. Der Rhythmus bringt den Körper in Wallung, Töne und Melodien aber bringen das Gehirn in Wallung.

Nicht an die Noten denken

Wer aber, als Musiker, nicht nur imponieren oder technisch brillieren will, sondern anrühren, der muss selber gerührt sein. Der Pianist Alfred Brendel sagt, dass er auf der Bühne nicht an die Noten denkt; er denkt nur daran, ein Erlebnis zur kreieren. Und der Sänger Stevie Wonder erzählt, er versuche sich bei einem Auftritt in den gleichen Gemüts- und «Herzenszustand» zu versetzen wie zu dem Zeitpunkt, als er den Song geschrieben habe.

Konzert zur Saisoneröffnug des Sinfonieorchesters im Theater St.Gallen. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Konzert zur Saisoneröffnug des Sinfonieorchesters im Theater St.Gallen. (Bild: Urs Jaudas (Urs Jaudas))

Musik ist heilsam: Sie verbindet Menschen und Generationen – und Mann und Frau. (Bilder: ky/Urs Flüeler/Urs Jaudas/Reto Martin/epa/Hans Klaus Techt)

Musik ist heilsam: Sie verbindet Menschen und Generationen – und Mann und Frau. (Bilder: ky/Urs Flüeler/Urs Jaudas/Reto Martin/epa/Hans Klaus Techt)

AUSGABE: 03.12.2003-SPL-sw-klein-re

AUSGABE: 03.12.2003-SPL-sw-klein-re

Begabter Amateur trifft Stargeigerin: Hirnforscher Jürg Kesselring und Anne-Sophie Mutter spielen eine Zugabe. (Bild: Reto Schneider)

Begabter Amateur trifft Stargeigerin: Hirnforscher Jürg Kesselring und Anne-Sophie Mutter spielen eine Zugabe. (Bild: Reto Schneider)

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