Heiterkeit am Abgrund

Erwin Wurm hat die Skulptur neu erfunden und trifft damit unser Lebensgefühl zwischen Schlankheitswahn, Fettsucht, politischer Korrektheit und der Sehnsucht nach Ausbruch aus allem. Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt, wie das geht und wieso Wurms Kunst mehrheitsfähig ist.

Ursula Badrutt Schoch
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Erwin Wurm in St. Gallen vor seinem Werk «Der Künstler bittet um Gnade (gewidmet Maurizio)», 2002. (Bild: Ralph Ribi)

Erwin Wurm in St. Gallen vor seinem Werk «Der Künstler bittet um Gnade (gewidmet Maurizio)», 2002. (Bild: Ralph Ribi)

Der Kleinlaster ist zur Hälfte die Frontmauer des Kunklerbaus hochgefahren. Dort bleibt «Truck» parkiert bis ans Ende der Ausstellung. Die Parkgebühren, die auch für fahruntüchtige und platzsparend gebogene Autos bezahlt werden müssen, sind mit der Stadt abgerechnet. Präzis solche kleinen Absurditäten, die das Leben schreibt, schält Erwin Wurm in unendlichen Variationen und leichtfüssigen Bildern in seinen künstlerischen Beiträgen heraus. Er lässt die menschlichen Unzulänglichkeiten des Alltags zur Skulptur gerinnen. So entstehen Kunstwerke, die alle verstehen.

Was Skulptur sein kann

In der ersten Ausstellung in St. Gallen zeigte der 1954 in Bruck an der Mur geborene und in Wien lebende Erwin Wurm Staub- und Pulloverskulpturen. Wenige Jahre später war er an «Wahlverwandtschaften» von Art & Appenzell in Appenzell beteiligt und steckte seinen Kurator kurzerhand und kopfvoran in einen öffentlichen Abfallkübel.

Unterdessen ist Wurm zu einem der erfolgreichsten und beliebtesten Künstler geworden. Wurde seine von Palmers in Auftrag gegebene Werbeserie für Unterwäsche 1997 noch abgelehnt und damit direkt ins Museum befördert, inspirieren sich heute Grössen wie Red Hot Chili Peppers im Videoclip zu «Can't Stop» bei Wurms «One Minute Sculptures».

Das Hauptaugenmerk der retrospektiven Wurm-Ausstellung, die nach Aachen, Wien, Hamburg und Lyon in fünfter Station modifiziert nach St. Gallen gekommen ist, liegt bei den Arbeiten als Handlungsanweisungen.

Handlungsanweisungen

Dazu ist der Oberlichtsaal in eine Art Aktivitätenhalle umgewandelt. Ein Parcours aus sieben Stationen lädt ein, mit einer WC-Ente als Medium an die Verdauung zu denken, ein Idiot zu sein oder das Prinzip Hoffnung zu erfahren, indem der Kopf in eine Damenhandtasche gesteckt wird. Das Publikum kann dank den Handlungsanweisungen aktiv und selber zur Skulptur werden. Das ist lustig. Der Einbezug des Publikums gehört seit den 60er-Jahren zu den gängigen Kunstpraktiken. Wurm allerdings weist bei seinen «One Minute Sculptures», die überall mittels alltäglicher Utensilien ausgeführt werden können, direktiv an und lässt keinen Spielraum offen. Das könnte auch als Entmündigung verstanden werden. Doch löst es vor allem Heiterkeit aus. Wurms Kunst bringt Gross und Klein über alle sozialen, intellektuellen, kulturellen, geographischen Barrieren hinweg Lachen. Ob als Liveauftritt oder in der medialen Repräsentation als Foto oder Video, stets verhalten sich die Menschen unter seiner Anleitung entgegen der Norm und brechen – wenn auch nur für die Dauer einer Minute – aus allen Konventionen aus. Das scheint einem aktuellen Bedürfnis zu entsprechen, den Künstler für alles Blossstellen menschlicher Schwächen zu entschuldigen und für die enorme Popularität der Werke Wurms relevant zu sein.

Vergnügliches Wegschmelzen

Wurm baut auch andere Aspekte des Lifestyles und aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse in seine Bildfindungen ein. Die Serie «Instructions on how to be politically incorrect» von 2003 leitet an, wie man mit einer zünftigen Männerunterhose zu einem Terrorist wird – oder wo Bom- ben versteckt werden können.

Für einen «Fat car» sind die Räumlichkeiten des St. Galler Kunstmuseums zwar zu bescheiden. Dafür zeigt Wurm treffsicher architektonische Kultbauten wie das Guggenheim in New York beim Zerfliessen.

In «Anleitung zur Faulheit» spielt er die Klischees vom Künstlerleben mit Wonne durch. Und legt gleichzeitig weitere Sehnsuchtsfelder des Durchschnittsmenschen in bürgerlichen Verhältnissen offen, von denen er sich selber keineswegs ausnimmt.

Eine Überraschung sind die frühen Werke von 1987. Darin kombiniert er afrikanische Kultobjekte mit Alltagsobjekten europäischer Herkunft. Sie scheinen die Situationskomik späterer Arbeiten vorwegzunehmen und verleiten wie diese zu gesellschaftskritischer Deutung.

Wurm allerdings winkt ab. Er habe einfach zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben und ihm kostenlos zur Verfügung standen, zusammenbringen wollen. Der Rest ist Beitrag des Rezipienten. Sagt der kluge Wurm.

Im Sommer letzten Jahres entstand die Videoarbeit «Stand West». Sie zeigt einen Mann auf offenem Feld, der unter Hypnose während 14 Stunden lebendige Skulptur ist. Hart an der Grenze zum Erträglichen bietet Erwin Wurm immer neue Bilder für menschliche Sehnsüchte und Unzulänglichkeiten in werkimmanenter Konsequenz.

Da hilft nur eins: Der Künstler bittet um Gnade. Ausgerechnet in der Pose von Maurizio Cattelan. Eine Zitrone stopft ihm das Maul. Das kann nur schlecht ausgehen. Zum Vergnügen aller.

Bis 12. Mai, Kunstmuseum St. Gallen Di–So 10–17, Mi 10–20 Uhr

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