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Hauptsache Spass - Weshalb Halloween auch bei uns zum Brauch wird

Importiert aus den USA, hat sich Halloweeen auch bei uns als Brauch etabliert. Das freut die einen, andere beklagen die Verdrängung heimischer Traditionen. Doch unser Brauchtum ist wandelbar.
Urs Bader
Wichtig für die Ausbreitung von Halloween in der Schweiz: der Kürbis. (Bild: Marius Schwarz/Imago)
An immer mehr Orten in der Schweiz finden Oktoberfeste statt. Damit scheint sich ein neuer Brauch zu etablieren. (Bild: Reto Martin)
Auch Räbeliechtli-Umzüge erlebten in der Schweiz im Zuge der Ausbreitung von Halloween einen neuen Aufschwung. (Bild: Urs Bucher)
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Brauchtum Halloween

«Süsses oder Saures!?» Vor unserer Haustüre stehen drei Kinder, als Hexe, Skelett und Gespenst verkleidet. Entgeistert schaue ich die kleinen Gruselgestalten an. Was soll das? «Süsses oder Saures!?» Das klingt wie eine Aufforderung und Frage in einem. Ich bleibe ratlos. Schliesslich springt mir unsere Tochter bei und klärt mich über das Treiben auf: Es ist Halloween. Die neue Erscheinung war in meine Erfahrungswelt eingebrochen, wie sie Mitte der 1990er-Jahre in unserer Brauchkultur auftauchte: unvermittelt. Importiert aus den USA, für Klein und – wie könnte es auch anders sein – mit Halloween-Partys auch für Gross.

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Inzwischen ist aus Halloween eine Art Brauch geworden – jedoch ein umstrittener. Wie die Oktoberfeste, die nun auch in der Schweiz Stadt und Land berauschen. Kulturpessimisten sehen heimisches Brauchtum bedroht. Und insbesondere evangelikale Christen lehnen Halloween ab, weil es dabei um Okkultismus und Satanismus gehe – ungeachtet dessen, dass das Treiben längst keine ernsthaften religiösen Züge mehr trägt und weit­gehend kommerzialisiert ist. Für Halloween sind denn auch eher Volkskundler als Theologen zuständig, und für seine Ausbreitung bei uns Marketingexperten und Eventorganisatoren.

Viele heimische Bräuche brauchten Reanimation

Die Klage über die Verdrängung und das Verschwinden einheimischer Bräuche ist nicht neu. Dabei macht der Zürcher Volkskundler Ueli Gyr im «Historischen Lexikon der Schweiz» darauf aufmerksam, dass viele hiesige Bräuche überhaupt nur dank künstlicher Revitalisierung überlebt hätten. Einzelne Lokalanlässe hätten sich so zu Grossveranstaltungen entwickelt, etwa das Fête des Vignerons in Vevey, das nächstes Jahr wieder stattfindet, oder die Räbechilbi in Richterswil ZH. Dort wurden die Räben dem Zeitgeist folgend schon mal durch Laternen ersetzt, wurde dem Kinderbrauch aus dem 19. Jahrhundert später eine «passende» Ursprungslegende übergestülpt.

Räbeliechtli-Umzüge erlebten im Übrigen im Zuge von Halloween vielerorts ein Revival, waren gewissermassen die Antwort von Traditionalisten auf das fremde Geschehen. Aber auch diese Tradition ist überschaubar. In der vom Bundesamt für Kultur koordinierten «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz» heisst es dazu:

«Das Umherziehen mit Lichtern ist zur jüngeren Brauchentwicklung zu zählen.»

Zuverlässige Beobachtungen dazu würden aus den 1920er- Jahren stammen. Bräuche seien wandelbar und «ihr Wesen mithilfe der Kriterien ‹echt› und ‹ursprünglich› nicht adäquat erschliessbar», schreibt Gyr, Doyen der Schweizer Volkskunde. «Starke Gestaltungsimpulse und Verbreitungshilfe» hätten die «neuen» Bräuche durch Tourismus, Massenmedien und Werbung erhalten.

Menukarten haben sich vom Kürbis noch nicht erholt

Gyrs Schweizer Berufskollege, der an der Universität Innsbruck lehrende Konrad Kuhn, sieht ähnliche Zusammenhänge auch für Halloween: «Kürbis, Kommerz und Kult: Halloween und Kürbisfest zwischen Gegenwartsbrauch und Marketing» ist sein Aufsatz in der Zeitschrift «Schweizer Volkskunde» überschrieben. Gleichzeitig mit dem Aufkommen des Halloween-Booms entdeckten Bauern den Kürbis als neue Einnahmequelle – und etwas später machte sich der Detailhandel beides zunutze und bot zu Halloween das komplette Sortiment für Kinder und Erwachsene an.

Eine zentrale Rolle spielte dabei, wie Kuhn zeigt, der Bauernhof der Brüder Jucker, der Juckerhof in Seegräben am Pfäffikersee, der mit seinen Kürbissen und seinen zugehörigen Events bald schweizweit bekannt wurde. Unzählige Bauern folgten als Direktvermarkter dem Beispiel und überzogen die Schweiz mit Kürbissen. Der bis dahin bei uns eher wenig gegessene Kürbis eroberte auch die Privatküchen und die Gastronomie, deren Menukarten sich bis heute nicht davon erholt haben.

Unverbindlich – passend zu unserer Gesellschaft

Der Halloween-Enthusiasmus ist zwar etwas abgeflaut, trotzdem scheint sich das Treiben als «neuer» Brauch halten zu können. Konrad Kuhn schrieb 2010: «Das Bedürfnis nach einem durch Höhepunkte gestalteten Jahreslauf besteht jedenfalls weiter und so ist zu vermuten, dass Halloween (...) innovativ in die bestehenden Brauchlandschaften eingegliedert wird.» Das Schnitzen von Kürbissen betrachtete er als einen «Familienbrauch in der dunklen Jahreszeit» – was auch an das Schnitzen von Räbeliechtli andockt.

Heute sieht Kuhn Halloween als Brauch etabliert, wie er auf Nachfrage erklärt. Er nennt dafür verschiedene Gründe:

«Der Brauch ist sehr flexibel, spielerisch, wenig verbindlich. Man kann daraus viel machen. Das passt sehr gut zu unserer Gesellschaft, wie sie heute verfasst ist.»

Komme hinzu, dass Halloween kein Brauchwissen voraussetze, anders als etwa das Silvesterklausen. Auch gebe es keine Vereine oder Autoritäten, die beispielsweise bei streng traditionellen Fasnachten und bei normiertem Brauchtum das Geschehen bestimmen würden.

«Das Treiben hat in kontrolliertem Rahmen etwas Anarchisches; die Kinder können mit Streichen aus ihrem geordneten Alltag ausbrechen, die Erwachsenen an Halloween-Partys oder Themen-Discos.»

Hier sieht Kuhn Berührungspunkte mit der Fasnacht. In ähnlichem Kontext wie Halloween verortet der Volkskundler auch die populär gewordenen Oktoberfeste. «Auch hier gilt: Simples Repertoire, einfache Kostüme und Bier – und schon steht der Spassevent, kann der Alltag vergessen werden.»

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