«Es zerreisst mir das Herz»: Wenn die Enkelkinder fehlen – vier Frauen und ein Mann erzählen

Wenn rundherum Enkel zur Welt kommen, geht es ums Grosseltern sein oder nicht sein. Für viele Senioren gehört das Grosseltern sein zum Lebensplan. Doch Enkel zu haben ist heute nicht mehr selbstverständlich. Vier Frauen und ein Mann erzählen.

Rita Kohn dell’Agnese
Drucken
Teilen
Opa und Enkel am See

Opa und Enkel am See

Anita legt das kleine Bild zurück auf den Salontisch und greift nach einer Zigarette. Im Moment rauche sie etwas viel, sagt die Seniorin mit entschuldigendem Blick. Vor kurzem ist für sie eine Welt zerbrochen. Schon zum zweiten Mal. Nochmals greift Anita zum kleinen Bild auf dem Tisch – eine Ultraschall-Aufnahme vom Bauch ihrer Tochter Jessica.

«Wir haben uns alle so gefreut.» Im Herbst sollte das Baby geboren werden. 16 Monate ist es her, seit die Familie schon vom kleinen Jeremy Abschied nehmen musste, Jessicas erstem Sohn. Er kam zu früh zur Welt mit nur 450 Gramm Gewicht. Jeremy starb nach zehn Tagen. Die Ärzte glaubten daran, dass es bei einer neuen Schwangerschaft gut werden könnte. Vor zwei Wochen kam dann der Anruf: «Mama, ich habe das Kind verloren.»

«Ich wage es nicht mehr mich auf ein Baby zu freuen»

Anita wäre gerne Grossmutter geworden. Sie hat schon das eine oder andere Kleidchen gekauft, sich Gedanken darüber gemacht, wie sie das Baby hin und wieder betreuen kann. Jetzt sagt sie: «Ich getraue mich gar nicht mehr, mich auf ein Baby zu freuen.» Und sie gesteht:

«Wenn andere Frauen Fotos von ihren Enkelkindern zeigen oder ich sie mit Kinderwagen sehe, zerreisst es mir das Herz.»

Grosseltern sein sei wie Rosinenpicken, heisst es manchmal: Nur das schönste vom Elternsein. Die Kinder geniessen ohne Stress, ohne Schlafmangel, ohne nochmals gebären zu müssen. Doch viele Senioren – und speziell die Frauen – finden sich plötzlich in einer Situation wieder, die jener sehr ähnlich ist, als aus Freundinnen Mütter wurden. Wieder entstehen zwei Lager: jene Frauen, die Enkelkinder haben und jene, die keine haben. Jene, die stolz Fotos von süssen Kindern herumzeigen und bei jedem Treffen das neuste Detail aus der Kinderentwicklung mitteilen. Und jene, die dem nichts zu entgegnen haben. Die gefragt werden: «Hast du noch keine?»

Wenn die Kinder den Beruf vorziehen

Auch Herta hat sich immer darauf gefreut, Grossmutter zu werden. Die 61-Jährige ist traurig darüber, dass ihr Sohn und seine Frau abwinken, wenn es ums Thema Nachwuchs geht. «Sie sind beide Akademiker und wollen erst mal an ihrer Laufbahn feilen», sagt Herta. Lange sah es so aus, als würde ihre Tochter ihr den Wunsch nach einem Enkelkind erfüllen. Karolina heiratete und bezog mit ihrem Mann ein Häuschen, das gut Platz für mindestens zwei Kinder bietet. «Sie wollte so schnell wie möglich Kinder», sagt Herta. Als sich keine Schwangerschaft ergab, ging Karolina zum Arzt. Herta lässt den Kopf hängen: «Sie wird keine Kinder bekommen können.»

Die Liebe geht nun an Katz und Hund

Die Liebe, die sie keinem Enkelkind zukommen lassen kann, schenkt sie ihrem kleinen Hund und der Katze. «Was soll ich denn machen, ich konnte es mir nicht aussuchen», sagt sie. Wie für viele gehört das Grossmuttersein auch für Herta zum idealen Lebenslauf.

Ohne Enkel fehlt etwas, findet sie. Wenn sie schon keine bekommen, dann suchen sich manche den Kontakt selber. Die 59-jährige Silvia beispielsweise betreut seit gut zwei Jahren den Enkel ihrer Schwester als Tagesmutter. «Meine Nichte muss arbeiten und hat nach einer Lösung für den Kleinen gesucht», erklärt sie und nimmt Samuel in den Arm, der sich an seine «Nanni» klammert. Weil das Grosi des Kleinen arbeitet, hat sich Silvia bereit erklärt, Samuel als Tagespflegekind bei sich aufzunehmen. Von Silvias eigenen drei Kindern wollen zwei keine eigenen Kinder. Nur der jüngste Sohn und seine Frau denken daran, später mal Nachwuchs zu haben.

Die Reue der Kinderlosen

Andere haben sich einst selbst gegen Kinder entschieden und werden nun, im Alter, deswegen nachdenklich. Thomas weiss, dass er niemals ein eigenes Enkelkind in den Händen haben wird. Der 59-Jährige hat sich bewusst gegen Kinder entschieden. «Sie passten nicht in unser Leben.»

Zusammen mit seiner Frau hatte er damals ein eigenes Geschäft und war fast rund um die Uhr eingespannt. «Vermisst habe ich das Vatersein nicht.» Wann immer die Zeit blieb, war das Paar auf Motorrad-Tour. «Das war unsere Leidenschaft und wir hätten sie in diesem Stile nicht leben können, wenn wir Nachwuchs gehabt hätten.» Heute lebt Thomas alleine. Die Ehe ist vor längerem in die Brüche gegangen.

«Manchmal wünschte ich mir schon, es wäre ein Enkelkind da, mit dem ich etwas unternehmen könnte. Ich hätte so viel zu geben.»

Er geniesse jeden Moment, den er mit den Enkelkindern von Freunden verbringen könne.

Grosseltern sein oder nicht Grosseltern sein? Die Antwort auf diese Frage liegt nicht in den Händen der Senioren. Die eigenen Kinder entscheiden, das Schicksal oder es ist die Folge des eigenen Entscheids, den man in jüngeren Jahren getroffen hat.

Grossmütter schüttelt es nochmals richtig durch

Wird man es dann tatsächlich, ist nicht selten jene Gelassenheit, welche man sich doch über die Jahrzehnte erworben hat, wieder weg. Auch das ist wie damals in jungen Jahren als neue Mutter: Grossmütter schüttelt es noch einmal durch. «Neun Stunden dauerte es», sagt Petra aufgeregt. Vor ihr auf dem Tisch liegen ein Geburtskärtchen und einige Fotos. «Ist er nicht süss?» Sie zeigt auf eines der Fotos. «Das war am ersten Tag nach der Geburt», sagt sie. Jorim ist ihr erstes Enkelkind. Entsprechend stolz ist die 57-jährige frischgebackene Grossmutter. Und noch immer steht sie unter dem Eindruck der schmerzhaften Stunden, die ihre Tochter durchmachen musste.

«Es ist für mich schlimmer gewesen als meine beiden eigenen Geburten»

Petra freut sich schon auf den Moment, in dem sie ihren Enkel mit dem Kinderwagen ausfahren kann. Und sie dann zum ersten Mal richtig Grossmutter ist.