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Interview

Harald Welzer: «Wer in der Schweiz lebt, hat kein Recht, Pessimist zu sein»

Der Soziologe Harald Welzer sagt, dass unser massloser Konsum uns unglücklich macht und den Blick verstellt für das Wichtige. Denn von einer besseren Welt trennt uns nur wenig.
Rolf App
Soziologe Harald Wezler

Soziologe Harald Wezler

Er lehrt in Flensburg und St. Gallen, hält Vorträge und nimmt an Diskussionen teil. Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer ist ein ausserordentlich umtriebiger Geist, immer wieder überrascht er mit Ideen, die in die Zukunft weisen. Wie ein Motto klingt deshalb der Titel jenes Buchs, das gestern in Berlin vorgestellt wurde: «Alles könnte anders sein – Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen». Wie sich der 60-Jährige diese Utopie vorstellt, erklärt Welzer im Gespräch.

Sie haben einmal einem Kind das Leben gerettet. Was ist geschehen?

Harald Welzer: Es war ein Junge von zehn, elf Jahren, er ist von einer Klippe gestürzt. Schwer verletzt trieb er im Meer, niemand anders war da ausser mir. Also habe ich ihn an der Wasseroberfläche gehalten, zwischendurch verlor er das Bewusstsein – mit Ohrfeigen holte ich ihn zurück. Irgendwann kam ein Rettungsboot, das jemand von oberhalb der Klippen herbeigerufen hatte.

Welche Bedeutung hat dieses Erlebnis für Sie?

Ich realisierte, wie eng die Beziehung zwischen zwei Menschen sein kann, die sich überhaupt nicht kennen. Als ich später erfuhr, dass der Junge überlebte, hat mich das mit einem tiefen Glück erfüllt.

Und warum erzählen Sie es in Ihrem neuen Buch «Alles könnte anders sein»?

Dieses Erlebnis gibt eine Antwort auf die grosse Frage dieses Buchs: Worum geht es in unserem Leben, das ja, von aussen her, bestimmt wird von einem beispiellosen Siegeszug der Konsum­gesellschaft. Denn wahrhaft lebenswert machen unsere Existenz nicht die Segnungen der Warenwelt, sondern etwas anderes: Die Beziehungen zu andern Menschen. Wir sind soziale Wesen.

Ihr Buch fordert dazu auf, den eigenen, tieferen Wünschen nachzuspüren. Damit haben Sie bei jenen 200 jungen Menschen, die Ihre Stiftung «Futurzwei» befragt hat, auf Granit gebissen.

Das ist wahr. Wir haben festgestellt, dass die Träume, Wünsche und Alternativentwürfe dieser 15- bis 26-Jährigen sich gänzlich im Kosmos des Privaten abspielten. Was nicht erstaunen darf: Wer in einer Gesellschaft aufwächst, die sich die Zukunft immer in der Vorstellung des Vorne-Seins herbeifantasiert, dem fällt zum Thema Glück nichts ein.

Trotzdem klingt es paradox, was sie herausarbeiten: Auf der einen Seite ist es den Menschen noch nie so gut gegangen. Auf der andern Seite war die Laune noch selten so schlecht.

Was wir als das Projekt der Moderne bezeichnen können, umfasst mehr als nur eine immer massivere Steigerung des materiellen Wohlstands. Es ging – und es geht – auch um Autonomie, um Teilhabe, um Zusammengehörigkeit. Deshalb führt die Hyperkonsumgesellschaft unserer Tage in eine Falle. Denn ein vom Konsum bestimmtes Glück von heute ist schon das Unglück von morgen – weil das nächste, noch bessere Produkt schon vor der Türe steht.

Haben Sie eine Erklärung für jene latente Aggressivität, die sich in vielen Bereichen zeigt – zum Beispiel im Design von Autos?

Vergleicht man sie mit den dezenten Autos der Achtzigerjahre, dann mag man bei heutigen Autos am liebsten nicht mehr hinsehen. Man zeigt mit dem Auto nicht mehr, wer man ist, sondern nur, was man anrichten könnte. Darin zeigt sich: Unsere Gesellschaft ist durchwirkt vom Konkurrenzgedanken, was sich dann auch im Verhalten im Verkehr zeigt.

In «Alles könnte anders sein» träumen Sie da von jener grossen Utopie, die schon mehrfach gescheitert ist.

Ganz im Gegenteil. Wir leben ja in einer Wirklichkeit gewordenen Utopie. Denn was wir heute haben, das hätte sich noch vor hundert Jahren niemand ausmalen können. Ich will vielmehr weiterentwickeln, was wir erreicht haben – und zwar so, dass wir nicht mehr tun, als könnten wir in einer endlichen Welt unendlich wachsen. Das ist eine sehr bodenständige Utopie.

Nun gibt es durchaus Bewegungen, die auf Veränderung pochen. In Frankreich gehen jede Woche die Gelbwesten auf die Strasse, bei uns die Schüler. Sehen Sie da positives Veränderungspotenzial?

Bei den Gelbwesten nicht, ihre Forderungen beschränken sich aufs Beharren. Anders sieht es bei den Schülern aus. Sie werfen das Gerechtigkeitsthema auf, denn sie wollen nicht ausfressen, was die Elterngeneration beim Klima angerichtet hat.

Und wie weit trägt das?

Wenn wir erfolgreiche Bewegungen wie die Frauen- oder Arbeiterbewegung mit erfolglosen wie etwa Occupy vergleichen, dann liegt der Unterschied darin, dass die erfolgreichen es geschafft haben, die eigene Subkultur zu verlassen und Unterstützung über den Kreis der direkt Betroffenen hinaus zu gewinnen. Schaffen die Schüler das, dann gewinnen sie Einfluss.

Wie Veränderung geht, das zeigen Sie etwa am 80/20-Konzept, das Studierende der Universität St. Gallen entwickelt haben. Worum geht es da?

Viele Menschen in der Schweiz arbeiten ehrenamtlich – und widerlegen damit täglich den obszönen Slogan einer deutschen Bank: «Unterm Strich zähle ich.» Aber sie müssen sich das leisten können, hier setzt das Konzept an: Jeder und jede soll von Kindsbeinen an 20 Prozent der Zeit für ehrenamtliche Arbeit verwenden dürfen und dafür auch von der Gesellschaft entschädigt werden.

Ein anderes, ebenfalls von Studierenden stammendes Modell handelt davon, aus der Externalisierungs- eine Internalisierungsgesellschaft zu machen. Das müssen Sie erklären.

Heute werden alle Umweltkosten durch die Allgemeinheit getragen, die Preise lügen also. Müssten Unternehmer diese Kosten auch übernehmen und überdies für akzeptable soziale Verhältnisse in den Fabriken sorgen, dann lägen die Preise einiges höher. Könnte man dies durchsetzen, würde sich wegen der höheren Preise die Nutzungsdauer ver­längern. Auch Reparieren würde sich wieder lohnen.

Das ist jetzt noch Zukunftsmusik. Sind Sie denn optimistisch gestimmt?

Wer wie wir das Glück hat, in solchen Verhältnissen zu leben wie wir in der Schweiz und in Deutschland, hat gar kein Recht, Pessimist zu sein. Wir sind die Fettaugen auf der Suppe.

Harald Welzer: Alles könnte anders sein. S. Fischer, 320 S., Fr. 35.–

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