« singe ich heute nicht mehr»

Für ihr achtes Album hat die Walliser Mundartsängerin Sina einen Sommer lang «in Wolken gefischt»: Die First Lady der Schweizer Pop-Szene über ihr Selbstverständnis als Frau, heikle Aussagen, Älterwerden und Egoismus.

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Ruferin vom Berg: Sina, wie sie sich im Alpenland Schweiz neuerdings inszeniert. (Bild: Raphaela Pichler)

Ruferin vom Berg: Sina, wie sie sich im Alpenland Schweiz neuerdings inszeniert. (Bild: Raphaela Pichler)

Ihr soeben erschienenes neues Album wird rundum positiv bewertet. Mussten Sie sich in Ihrer Karriere auch schon bösen Kritiken stellen?

Sina: Natürlich, aber mehr am Anfang. Es hat mich jetzt sehr beflügelt, dass gerade ein Journalist, der mein zweites Album damals völlig verriss, «In Wolkä fische» sehr super und positiv beschrieb.

In der Popmusik geben sich Frauen oft sehr unterwürfig.

Sina: Wer glaubt, dass «Sex sells», der soll das machen. Im R'n'B gehören diese halbnackten Frauen wohl dazu. Meine Sache ist das nicht, ich orientiere mich an Frauen wie Jane Birkin, Marianne Faithfull und Ricky Lee Jones, die ihren Weg finden und erkämpfen mussten.

Ihre Frauenfiguren dagegen sind verletzlich, aber gerade dadurch stark, dass sie dazu stehen. Können Sie selber gut Grenzen setzen?

Sina: Je länger, desto besser, obwohl ich ein Team-Mensch bin und gerne von Meinungen und Ideen anderer profitiere. Ich suche stets den Konsens. In Interviews, zum Beispiel, überlege ich mir schon gut, was ich sage…

Kunst ist immer auch politisch, indem sie die Gesellschaft und unsere Beziehung dazu spiegelt. Inwiefern sind Ihre Figuren Statements?

Sina: In erster Linie will ich unterhalten und Geschichten erzählen. Ich bin insofern innen-politisch, als dass ich das menschliche Innenleben beschreibe. Aus der Politik halte ich mich wohlweislich raus!

Ist das die Folge davon, dass Sie vor Jahren vom Toggenburger Open-Air-Festival Tufertschwil ausgeladen wurden, nachdem Sie sich gewünscht hatten, «Mörgeli wegzuzaubern»?

Sina: Man merkt daran, wie heikel solche Aussagen sein können. Dabei ging es bei der Frage darum, was ich tun würde, wenn ich eine Fee wäre. Lustig gemeint. Viele Fans reklamierten dann aber, dass an einem Festival Musik zählt und nicht die politische Haltung eines Künstlers.

Prominente werden in Medien zu allem Möglichen nach ihrer Meinung gefragt. Gibt es Themen, wo Sie sich verweigern?

Sina: Das hängt vom Thema ab. Ich sehe mich einfach nicht überall als kompetent und nehme mir das Recht heraus, nichts zu sagen. Wem nützt es, wenn ich mich beispielsweise zum Hintern des Mr. Schweiz äussere?

Sie singen über Frauen in der ersten sowohl als in der dritten Person. Verrät die Perspektive auch wechselnde Distanz zum Erzählten?

Sina: Die Personalform ist in erster Linie ein Stilmittel und hat nicht unbedingt mit Distanz oder Identifikation zu tun. Ich vermische Realität und Fiktion sehr frei, das wurde auch im Booklet zum aktuellen Album umgesetzt, wo ich in grosse Wandbilder hineingestellt bin.

Das Lied «Platz miis Härz» plädiert dafür, dem Herz mehr Platz über den Verstand einzuräumen. Sind Sie ein Bauchmensch?

Sina: Ja, mein erster Impuls kommt immer aus dem Bauch, erst dann setzt der Verstand ein. Das hat sich bewährt.

Kommen Sie sich selber durch Ihre Musik näher?

Sina: Sicher, indem ich mich beim Schreiben viel mit mir selber auseinandersetzen muss. Singen regt zudem die Durchblutung und fördert die Produktion von Glückshormonen.

Mit «In Wolkä fische» wollten Sie «das kreative Potenzial umsetzen, das in der Veränderung steckt» – welche Veränderung?

Sina: Die, die im Songmaterial steckt. Es geht darum, Ideen Zeit zu lassen, sich zu entwickeln und zu verändern, so wie es Wolkenbilder im Wasser tun, wenn sich ihre Form stetig wandelt. Natürlich spiegelt das Album auch meine Veränderungen als Mensch. Mit dem Älterwerden ändert sich ja oft auch die Lebenseinstellung. Lieder wie «Unbeschriiblich wiiblich» oder «Häx odär heilig» singe ich heute nicht mehr. Sie gehören einem anderen Lebensgefühl an. Heute sehe ich Weiblichkeit anders als vor 15 Jahren.

Was ist die Moral von «Egoischt», dem Lied mit diesem ironischen, ja zynischen Text?

Sina: «Wänn jedä fär schich lüägt, isch glüägt fär alli», heisst es da. Ich denke, die Gesellschaft der Individualisten führt schliesslich in eine Sackgasse. Wir sind heute zu sehr auf uns selbst bezogen, können vor lauter Multitasking nicht mehr zuhören. Und dann müssen wir in teuren Kursen wieder lernen, wie man selbstsicher auftritt und kommuniziert.

Interview: Ruth Siegenthaler

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