Secondhand gibt es jetzt auch auf dem Bau: In Winterthur entsteht ein Haus aus gebrauchten Bauteilen

In Winterthur entsteht ein Haus aus bereits gebrauchten Bauteilen. Denn bei einem Abbruch sind viele Elemente noch in gutem Zustand.

Andrea Söldi
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Winterthur Sulzerareal, Halle 188: Montage von wiederverwendeten Fensterelementen.

Winterthur Sulzerareal, Halle 188: Montage von wiederverwendeten Fensterelementen.

Bild: Martin Zeller

Auf der Baustelle wird gerade eine Fensterfront angeliefert: Drei verschiedene Glasscheiben, eingefasst in einen grossen Holzrahmen. Es handelt sich um Fenster, die zuvor in anderen Gebäuden ihren Dienst taten und nun im Winterthurer Sulzer-Areal eine neue Bestimmung finden.

Das riesige ehemalige Industriegelände wird seit den 90er-Jahren kontinuierlich umgestaltet. Nun baut die Pensionskasse Abendrot, der das Areal gehört, die Halle 118 zu Werkstätten und Ateliers für Kleingewerbe um. Um die Umweltbelastung möglichst klein zu halten, soll so viel Baumaterial wie möglich von Abbruch­objekten stammen.

Ein Blickfang wird die auskragende Fassade aus rotem Wellblech sein, die am dreistöckigen Aufbau angebracht wird. Sie kommt von der ehemaligen Ziegler-Druckerei in Winterthur. Auch der Bürokomplex Orion in Zürich-West, der nach erst 30 Jahren wieder abgebrochen wurde, gab etliche wiederverwertbare Bauteile her: die künftige Aussentreppe, Granitplatten, die nun zu Balkon- und WC-Böden mutieren, achtzig Fenster sowie Radiatoren, Lavabos und Treppengeländer.

All diese noch funktionstüchtigen Elemente spürten Architektur-Studierende der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Rahmen eines Semesterkurses auf.

Energie und Rohstoffe sparen

Beim Bauprojekt im Sulzerareal handelt es sich um ein Pilotprojekt, das wissenschaftlich begleitet wird. Das beauftragte Baubüro in situ prüft bei jedem Element genau, ob sich der Aufwand für die Einpassung finanziell und energetisch rechnet.

Bei Ziegler Druck werden die Fenster vor dem Abbruch ausgebaut. Sie werden in der Halle 188 wiederverwendet.

Bei Ziegler Druck werden die Fenster vor dem Abbruch ausgebaut. Sie werden in der Halle 188 wiederverwendet.

Bild: Martin Zeller

«So ein Puzzle aus bestehenden Teilen zusammenzufügen ist anspruchsvoll», sagt der verantwortliche Architekt Pascal Hentschel. «Doch in den einzelnen Stücken steckt viel graue Energie.» Noch brauchbare Teile wiederzuverwerten statt zu rezyklieren oder entsorgen, kann den CO2-Fussabdruck eines Gebäudes mehr als halbieren.

Bei der Halle 118 werden 500 Tonnen CO2 eingespart, das entspricht 200'000 Litern Erdöl. Bei einem neuen Haus, das nach aktuellen Energiestandards erstellt wurde, entspricht die Energie für den Bau und die Herstellung der Materialien im Durchschnitt jener, die in 50Jahren fürs Heizen benötigt wird.

Unterentwickelte ­Wiederverwertung

Gemäss BAFU weist die Schweiz eine der höchsten Abfallraten pro Person aus, was zu fast zwei Dritteln dem Abbruch von Gebäuden geschuldet ist. Zudem sei die Wiederverwertung extrem unterentwickelt, obwohl bereits seit den 90er-Jahren Bauteilbörsen bestehen.

Die Halle 118 wird mit Fernwärme aus der Kehrichtverbrennungsanlage geheizt werden und mit einer zehnjährigen Fotovoltaik-Anlage ausgestattet, die zwar nicht ganz so viel Strom wie neue Anlagen liefert, aber ihre graue Energie bereits amortisiert hat.

Die benötigte Betriebsenergie wird deutlich unter den Werten der 2000- Watt-Gesellschaft liegen, welche sich die Stadt Winterthur zum Ziel gesetzt hat. Voraussichtlich wird das Gebäude zu 60 Prozent aus altgedientem Material bestehen. Dass die verschiedenen Elemente den Bau auch optisch stark prägen, stört Architekt Pascal Hentschel keineswegs. Im Gegenteil: «Der Stilmix verleiht der ehemaligen Industriewerkstatt einen äusserst interessanten Look.»

Beton aus Bauschutt

In der Schweiz fallen jährlich über 15 Millionen Tonnen mineralischer Bauschutt an. Dabei handelt es sich grösstenteils um Materialien wie Beton, Sand, ­Asphalt oder Mauerwerk aus dem Abbruch von Häusern, der Erneuerung von Strassen oder der Sanierung von Brücken.

Der grösste Teil davon wird in Deponien gelagert. In der Schweiz wird erst 10 Prozent der jährlich rund 75 Millionen Tonnen Baustoffe mit aufbereitetem Material abgedeckt. Beim Kies sind es gar lediglich 2 der jährlich verbauten 33 Millionen Tonnen.

Dass der ökologischere Baustoff noch nicht zur Norm geworden ist, hat auch mit dem Preis zu tun: Er ist nicht günstiger als Neumaterial.

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