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«Habe va banque gespielt»

Am 8. Dezember 1938 ist Friedrich Glauser in Nervi bei Genua gestorben. Mit seinen Wachtmeister-Studer-Romanen gilt er als Erfinder des Schweizer Krimis. Zum 70. Todestag gibt es jetzt in Briefen und Gedichten auch noch den jungen, expressionistischen und emotionalen Glauser zu entdecken. Eva Bachmann
Der Liebhaber… Friedrich Glauser um 1920.

Der Liebhaber… Friedrich Glauser um 1920.

Friedrich Glausers Tod vor 70 Jahren ist bis heute ungeklärt. Am Vorabend seiner Hochzeit kippt Glauser beim Abendessen vom Stuhl und stirbt zwei Tage später. Begraben wird er auf dem Friedhof Manegg in Zürich.

Glauser, 1896 geboren, starb im Alter von nur 42 Jahren. Blenden wir vom Ende her zurück in die Mitte dieses Lebens, ins Jahr 1917, so sind viele seiner Themen bereits angelegt: Wegen eines Selbstmordversuchs wird der 17jährige aus dem Landerziehungsheim Glarisegg in Steckborn geworfen, er besucht in Zürich die ersten Dada-Soireen, seine Tuberkulose behandelt man mit Morphium, der Vater strengt ein Entmündigungsverfahren wegen «lasterhaftem und liederlichem Lebenswandel» an und lässt ihn psychiatrisch untersuchen, Diagnose: dementia praecox, Schizophrenie.

Sensationeller Fund

1918 wird der Entmündigung stattgegeben. Glauser taucht unter, wird aber wegen eines Velodiebstahls in Genf verhaftet und nach Münsingen in die Psychiatrie abgeschoben. Er flieht, zunächst nach Ascona in die Künstlerkolonie, später, nach weiteren Drogenexzessen, Delikten und Internierungen in die Fremdenlegion. Über die Zeit in Ascona und danach ist jetzt mehr zu erfahren – und zwar aus erster Hand. Im Schweizerischen Literaturarchiv ist ein Konvolut von Briefen an Elisabeth von Ruckteschell und die Asconeser Freunde aus den Jahren 1919–1932 gefunden worden, die lange als verschollen galten.

«Man kann sehr schön mit Dir schweigen»: Der Titel des Bands, den Bernhard Echte herausgegeben und sorgfältig kommentiert hat, ist eine der vielen Liebeserklärungen Glausers an Liso, wie er Elisabeth von Ruckteschell nennt. Aus den Briefen spricht eine grosse Sehnsucht nach ihr und nach einem gemeinsamen Leben und nach Ruhe, um schreiben zu können. Liso (1886–1963) war Textilkünstlerin und lebte in Zürich. Glauser bekniete sie, zu ihm nach Ascona zu kommen: «Es wird schon gehen. Ich habe immer va banque gespielt und bin schliesslich dabei reicher geworden.»

Die Korrespondenz dreht sich aber auch um künstlerische Fragen, so kündigt Glauser immer wieder Texte an oder beschreibt, was er als nächstes herausbringen will: «Einfaches tendenzloses subjektives Konstatieren ganz menschlicher Tatsachen. Künstlerische Polizeiberichte. Ohne Expressionismus, Naturalismus. (…) Raskolnikow ohne Verheiratung in Sibirien und neues Testament. Ohne Moraltendenz», schreibt er im September 1919, lange vor der ersten Kriminalgeschichte.

Der Lyriker Glauser

In dieser Zeit hat Glauser vor allem Gedichte geschrieben. Auch diese liegen nun erstmals vor. Bernhard Echte hat aus den vielen Abschriften und Versionen einen Band zusammengestellt: «Pfützen schreien so laut ihr Licht». Schon die eine Gedichtzeile weist die expressionistische Richtung, die diese Lyrik einschlägt.

Düstere Grundstimmungen in Grau und Schwarz herrschen vor. «Wenn schwarz die Schatten schweben über einsame Wände», beginnt ein Gedicht. «Warum läuten die Glocken, / wenn ich zerbrochne Arme ausstrecke / nach dunstigem Staub?», fragt ein anderes. Unter den Auftragsgedichten finden sich sogar zwei Weihnachtsgedichte voller dunkler Sehnsucht: «Wenn uns die leeren Tage dunkel weiterrinnen / Und wir in Nächten schlaflos liegen, ohne Trost, / Schleicht leise sich ein heller Traum durch unser Sinnen, / Ein sanfter Traum in unsrer Einsamkeiten Frost.»

«Angst vor Leidenschaft»

Als Liso im Oktober 1919 tatsächlich in Ascona eintrifft, ist das Glück in der alten Mühle zwischen Arcegno und Ronco von kurzer Dauer. Glauser nimmt wieder Morphium, wird verhaftet und kommt nach Bern in die Irrenstation Steigerhubel. «Ich habe Angst gehabt, verstehst du, aus Angst vor Leidenschaft hab ich Mo genommen und dich dabei gequält ohne es zu wollen, glaub mir», schreibt er. Und Liso glaubt ihm, kommt nach Bern und organisiert seine Flucht. Die Polizeiberichte zeugen von einem wahrhaften Schelmenstück. Glauser versteckt sich zuerst, lässt sich dann aber zu einem Aufenthalt im Burghölzli überreden. Die folgende Kontaktsperre führt zu einer Entfremdung. Liso wird schliesslich den gemeinsamen Freund Bruno Goetz heiraten.

Trotzdem hält der Briefwechsel noch viele Jahre an. Es sind traurige Briefe eines Menschen, der das Gefühl hat, als «seine eigene Leiche herumzulaufen». Glauser will Ruhe und Trost und erkennt doch klar, dass Trost ein Gift sei wie Morphium, eine Illusion. Im letzten Brief an Bruno Goetz vom Juli 1931 aus Münsingen heisst es: «Man muss eben manchmal sonderbare Wege nehmen, um aus der Zeit zu fliehen, die einem zum Hals hinauswächst.»

Friedrich Glauser: Man kann sehr schön mit Dir schweigen. Briefe an Elisabeth von Ruckteschell und die Asconeser Freunde 1919–1932. Hrsg. von Bernhard Echte. Nimbus, Wädenswil 2008, Fr. 36.80 Friedrich Glauser: Pfützen schreien so laut ihr Licht. Gesammelte Gedichte. Hrsg. von Bernhard Echte. Nimbus, Wädenswil 2008, Fr. 36.80

…und die Geliebte: Elisabeth von Ruckteschell, genannt Liso. (Bilder: Nimbus)

…und die Geliebte: Elisabeth von Ruckteschell, genannt Liso. (Bilder: Nimbus)

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