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Rätsel für die Ohren: Es knallt, schnattert und knistert in den Ozeanen

Unsere Umwelt hat viele Geräusche auf Lager, deren Ursache selbst Bioakustiker nur schwer bestimmen können. Man kann nur staunen – über schiessende Krebse, rufende Wale und stöhnende Eisberge.
Kerstin Viering
Kaum zu glauben: Der unscheinbare Pistolenkrebs (Alpheidae) kann ganz schön Krach machen. (Bild: KEYSTONE)

Kaum zu glauben: Der unscheinbare Pistolenkrebs (Alpheidae) kann ganz schön Krach machen. (Bild: KEYSTONE)

Die Geschichte hört sich schon ein bisschen absurd an. Da beklagten sich Mitarbeiter der US-Botschaft in Havanna Ende 2016 über Gesundheitsbeschwerden, die von Ohrenschmerzen bis zu Schwindelgefühlen reichten. Und alle berichteten von seltsamen, schrillen Geräuschen, die sie vorher in ihrer Wohnung oder ihrem Hotelzimmer gehört hatten. Rasch machte ein Verdacht die Runde: Handelte es sich womöglich um einen Angriff mit einer akustischen Waffe? Vorsichtshalber zog die US-Regierung in den folgenden Monaten einen guten Teil ihrer Diplomaten aus der ­kubanischen Hauptstadt ab.

Es waren die Grillen

Nun aber präsentieren Alexander Stubbs von der University of California und Fernando Montealegre-Zapata von der University of Lincoln eine überraschende Erklärung für das rätselhafte Phänomen. Die beiden Biologen haben Tonaufnahmen aus der Botschaft mit den Lautäusserungen verschiedener Insekten verglichen. Daraus schliessen sie, dass die Diplomaten wohl keinem perfiden technischen Angriff auf ihre Ohren ausgesetzt waren. Sondern nur dem durchdringenden Zirpen einer Grillenart namens Anurogryllus celerinictus.

Der Fall mag nach der neuesten Lachnummer aus dem Weissen Haus klingen. Doch er hat einen ernsthaften wissenschaftlichen Hintergrund. Denn tatsächlich hat die Natur immer wieder Geräusche auf Lager, deren Ursache selbst Bioakustiker nur schwer bestimmen können.

Und es ist auch nicht das erste Mal, dass solche rätselhaften Töne zunächst einer Militäroperation zugeschrieben wurden.

Ähnliche Spekulationen gab es zum Beispiel bei dem lauten Knacken, das oft in tropischen Korallenriffen zu hören ist und das ein bisschen an ein prasselndes Feuer oder das Brutzeln von Speck in einer Pfanne erinnert. Diese Geräuschkulisse ist ein Albtraum für Militärs. Denn die Sonargeräte, mit denen man feindliche U-Boote aufspüren kann, lassen sich von diesem Meeresknistern leicht in die Irre führen. Handelte es sich also um eine besonders raffinierte Störwaffe, die diese Technik ausser Gefecht setzen sollte?

Feuern Pistolenkrebse Wasser ab, knallt es gewaltig

Im Zweiten Weltkrieg ging der Meeresbiologe Martin Johnson von der University of California der Sache nach und analysierte, wo genau das Geräusch überall auftrat. Tatsächlich gelang es ihm so, die Verursacher des akustischen Störfeuers zu identifizieren. Es handelt sich um Pistolenkrebse, die eine ihrer Scheren zu einer Art Wasserkanone umgebaut haben.

Wenn sie diese abfeuern, spritzt nicht nur ein Wasserstrahl heraus, es knallt auch gewaltig. Mit einer Lautstärke von rund 200 Dezibel gehört ein schiessender Pistolenkrebs zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Titel «lautestes Tier der Welt». Die Wucht des Knalls nutzen die nur fünf Zentimeter grossen Schützen, um Beutetiere wie kleine Fische und Garnelen zu betäuben oder sogar zu töten. Und manchmal ballern sie auch einfach ins Wasser, um Rivalen oder Weibchen zu beeindrucken.

Gerade in den Ozeanen der Erde gibt es aber noch viel mehr Spannendes zu hören. Ilse Van Opzeeland und ihre Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, belauschen zum Beispiel die Stimmen von Walen und Robben, um mehr über den Alltag und die Lebensräume dieser Meeressäuger herauszufinden. In der Nähe der deutschen Antarktis-Station Neumayer III haben sie dazu ein Loch ins Schelfeis gebohrt und Unterwassermikrofone ins darunter liegende Südpolarmeer hinab gelassen. Alle drei Monate gehen Stationsmitarbeiter dort vorbei, um die Batterien des «Palaoa» genannten Horchpostens zu wechseln und die aufgezeichneten Daten auszulesen. Zwanzig weitere Rekorder mit Unterwassermikrofonen sind zudem im antarktischen Weddellmeer verankert, zehn lauschen in die Framstrasse in der Arktis.

Man kennt noch nicht alle Töne von Walen und Robben

«Es kommt häufiger vor, dass wir nicht genau wissen, was wir da hören», sagt Ilse Van Opzeeland. Handelt es sich um ein Säugetier, können sie und ihre Kollegen zwar meist problemlos bestimmen, zu welcher Gruppe es grob gehört. «Wir wissen dann zum Beispiel, dass ein Zahnwal ruft», erklärt die Biologin. Um welche Art es sich handelt, ist allerdings oft nicht so leicht herauszufinden. Denn zum einen nehmen die Rekorder sehr hohe Frequenzen nur teilweise oder gar nicht auf, so dass mitunter ein Teil der Unterwasserdarbietung fehlt. Zum anderen haben etliche Wale und Robben auch noch unbekannte Töne im Repertoire.

Erst im vergangenen Jahr ­haben die Forscher einen unbekannten, sehr tiefen Ruf aus dem Südpolarmeer entschlüsselt.

«Wir hatten vermutet, dass er von Finn- oder Blauwalen stammen könnte, weil die oft ­besonders tiefe Töne ausstossen».

Doch weder von der einen noch von der anderen Art hatten Wissenschafter bis dahin Vergleichbares gehört. Also haben die AWI-Forscher andere, schon bekannte Laute analysiert, die zeitgleich mit dem rätselhaften Ton aufgezeichnet wurden. Dabei kam heraus, dass dieser immer dann zu hören war, wenn in der Region rufende Finnwale unterwegs waren. «Das könnte zwar bedeuten, dass die Laute von einer Art stammen, die sich gern in Gesellschaft dieser Tiere aufhält», erklärt Ilse Van Opzeeland. «Wir halten es aber für viel wahrscheinlicher, dass die Finnwale selbst diese Geräusche machen.»

In anderen Fällen ist es den Forschern sogar gelungen, die Rufer direkt zu überführen. Geklappt hat das zum Beispiel bei dem seltsamen Geräusch, das vor allem im Winter häufig durchs Südpolarmeer schallt. Da es an das Schnattern einer Ente erinnert, nennen Experten dieses ­Geräusch «Bio-Duck». Und seit es in den 1960er-Jahren zum ersten Mal von einer U-Boot-Besatzung aufgezeichnet wurde, hat die Fachwelt Jahrzehnte lang über seine Ursache gerätselt. «Es gab da die wildesten Theorien von Fischen bis zu U-Booten», erinnert sich Ilse Van Opzeeland.

Wie klingt nur der Südliche Zwergwal?

Auch der Südliche Zwergwal stand auf der Liste der Bio-Duck-Verdächtigen. Immerhin gehört er zu den häufigsten Meeressäugern des Südpolarmeeres und kommt in allen Regionen von der Antarktis bis Australien vor, aus denen das Geräusch bekannt war. Nur wusste man wenig darüber, wie diese oft in entlegenen und eisbedeckten Meeresgebieten schwimmenden Tiere klingen.

Erst 2013 gelang es den AWI-Forschern zusammen mit Kollegen aus den USA und Australien, mit Saugnäpfen Rekorder auf dem Rücken von zwei Südlichen Zwergwalen zu befestigen – und später mitsamt den aufgezeichneten Daten wieder in die Hände zu bekommen. «Gerade bei Tieren, die viel im Eis unterwegs sind, gehen diese Geräte oft verloren», erklärt Ilse Van Opzeeland. «Aber in diesem Fall hatten wir Glück.» Denn einer der Rekorder zeichnete 18 Stunden lang Geräusche auf, der andere tat dies immerhin 8 Stunden lang. Und in beiden Fällen war auch Bio-Duck dabei. Der geheimnisvolle Schnatterer war überführt.

Es gibt allerdings auch Rätsel, die weiterhin ungelöst sind. So haben die Unterwassermikro­fone von «Palaoa» unter dem Schelfeis ein mehrere Minuten langes und sehr tiefes Signal aufgezeichnet, für das es bisher ­keine Erklärung gibt. Das Signal klingt nicht nach einem Tier, aber es klingt auch nicht wie ein ­typisches technisches Geräusch. «Wir vermuten, dass es von einem gestrandeten Eisberg kommt», sagt Ilse Van Opzeeland. «Beweisen können wir das bisher aber nicht.»

Mysteriöse Töne aus dem Meer

Das Geräusch, das Unterwassermikrofone der US-amerikanischen Wetter- und Ozean-Behörde NOAA 1997 weit vor der Südküste Südamerikas aufzeichneten, nannten Wissenschafter The Bloop. Es handelt sich um ein extrem lautes, sehr tiefes und weitreichendes «Blubbern», das von zwei rund 4800 Kilometer voneinander entfernten Rekordern erfasst wurde. Bisher ist kein Tier bekannt, das solche Töne ausstossen könnte. NOAA-Experten vermuten darin die Geräusche eines zerbrechenden Eisberges.

Julia heisst ein merkwürdiges, tiefes Seufzen, das am 1. März 1999 durch den Pazifik südlich von Mexiko und Mittelamerika schallte. Diese akustische Darbietung geht nach Einschätzung der NOAA wahrscheinlich auf ­einen grossen Eisberg zurück, der vor der Antarktis auf Grund gelaufen war. Ähnliche Ursachen soll auch ein Geräusch namens The Train haben, das am 5. März 1997 ebenfalls im Pazifik aufgezeichnet wurde. Dieses Geräusch wiederum klingt ganz so wie das Rollen eines Zuges auf Schienen.

The Whistle erinnert dagegen an ein auf- und abschwellendes Summen oder ein Schwirren. Dieses Geräusch wurde am 7. Juli 1997 im Ostpazifik auf­gezeichnet – allerdings nur von einem einzigen Unterwassermikrofon. Was bedeutet, dass man den geografischen Ursprung des mysteriösen Tons nicht näher eingrenzen konnte.
Die NOAA vermutet in diesem Fall, dass es sich um den Sound ausbrechender Unterwasservulkane handeln könnte.

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