Gletscher, Fiebermesser des Weltklimas

Gletscher reagieren langsam, aber sehr genau auf Veränderungen des Klimas. Warum das so ist, erläutert das Sachbuch «Gletscher der Alpen».

Rolf App
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Wie der Rhonegletscher schrumpft, zeigen diese Bilder von 1849, 1900 und 2008. (Bild aus: Alean, Gletscher der Alpen)

Wie der Rhonegletscher schrumpft, zeigen diese Bilder von 1849, 1900 und 2008. (Bild aus: Alean, Gletscher der Alpen)

Immer noch gibt es Gegenden, in denen man vor lauter Gletschern nur mehr Berggipfel sieht. Um solche Verhältnisse anzutreffen, muss man allerdings weit in den Norden reisen, nach Spitzbergen. In unseren Breiten drohen Gletscher zur Mangelware zu werden.

Sensible Reaktion

Warum das so ist, erläutert der Geograph Jürg Alean in einem Sachbuch über die Alpengletscher.

Dass er an der Kantonsschule Zürcher Unterland unterrichtet, merkt man seinem Buch wohltuend an: Es vermeidet jedes Fachchinesisch und bemüht sich um einen systematischen Aufbau. Alean stellt nüchtern fest, was sich anbahnt – und das ist keineswegs angenehm. Denn kaum etwas reagiert so sensibel auf Klimaschwankungen wie die Gletscher. Sie sind die Fiebermesser des Weltklimas.

Die reine Bergwelt

Lange haben sich die Menschen vor der Welt des Eises gefürchtet und sie gemieden. Dann, mit dem 18. Jahrhundert, wird die «reine», «unberührte» Bergwelt mehr und mehr romantisiert – und erforscht. Die Alpen werden erschlossen, was nicht ungefährlich ist. Im Juli 1892 treten aus einem unscheinbaren Gletscher 200 000 Kubikmeter Wasser aus und überfluten mehrere Dörfer in den französischen Alpen.

Es ist der Anstoss für François Alphonse Forel, in den Schweizer Alpen ein Netzwerk zur systematischen Gletschermessung zu schaffen. Es liefert Daten, auf die heute die Forschung zurückgreift.

Jeder Gletscher besteht aus einem Akkumulationsgebiet und einem Ablationsgebiet. Im Akkumulationsgebiet entsteht der Gletscher. Hier muss jener Schnee fallen, der zuerst zu Firn, dann zu Eis komprimiert wird. Unten aber, im Ablationsgebiet, verliert der Gletscher Masse, weil es zu warm ist.

Eis verdunstet, es wird abgetragen, vor allem aber fliesst es ab. Forel vermutete noch, dass sich Klimaveränderungen periodisch wiederholen. Bald aber zeigte sich, dass die Verhältnisse keineswegs so einfach sind. Je grösser ein Gletscher ist, umso träger reagiert er auf Klimaänderungen. Gletscher von wenigen Kilometern Länge verlieren mit einer Verzögerung von rund zehn Jahren Masse.

Grosse Gletscher dagegen brauchen länger – der 23 km lange Grosse Aletschgletscher mit seinen 90 km² Fläche 40 bis 60 Jahre.

Rasantes Abschmelzen

Alles in allem zeigt sich, dass die Gesamtfläche der Alpengletscher seit dem letzten Hochstand um 1850 bis in die 1970er-Jahre um 35 Prozent geschrumpft ist, bis 2000 sogar um fast die Hälfte. Noch dramatischer präsentiert sich die Bilanz, wenn man nicht die Fläche, sondern das Volumen betrachtet. 1850 gab es 200 Kubikkilometer Eis, 1975 noch 100, im Jahr 2000 75 und 2005 noch 65 Kubikkilometer.

Jürg Alean: Gletscher der Alpen, Haupt, Bern/Stuttgart/Wien 2010, Fr. 57.–