Getrübte Sommerfreuden

Höpli

Merken
Drucken
Teilen
Der Publizist Gottlieb F. Höpli war Chefredaktor des St. Galler Tagblatts bis Frühjahr 2009. In dieser monatlichen Kolumne äussert er seine persönliche Meinung.

Der Publizist Gottlieb F. Höpli war Chefredaktor des St. Galler Tagblatts bis Frühjahr 2009. In dieser monatlichen Kolumne äussert er seine persönliche Meinung.

Eigentlich wäre jetzt ja die Zeit, um über die heiteren Seiten des Lebens zu schreiben: Der Sommer ist endlich gekommen; die Ferien stehen vor der Tür; der Bundesrat macht sich auf sein alljährliches «Reisli»; die politischen Institutionen fallen in den Sommerschlaf. Da würde man gerne über das richtige und nicht das medienvermittelte Leben in der Schweiz schreiben. Zum Beispiel über sommerliche Dresscodes.

Da scheinen dieses Jahr vor allem die Rentner zu glauben, die Textilfreiheit, die ja bei jungen Mädchen keineswegs zu beanstanden ist, sei auch für sie angebracht, so dass wir nun in den Genuss unzähliger krampfaderndurchzogener Waden und «Gorgonzola-Schenkel» (so Martin Walser) kommen. Wehmütig erinnert man sich des eigenen Grossvaters, der auch in der Sommerhitze solide Beinkleider und ein Hemd mit schwarzem Gilet drüber trug. Das prägt bis heute unser Bild von der Würde des Alters. Tempi passati!

*

Habe ich eben «Würde» geschrieben? Der Begriff ist jedenfalls kein Anwärter auf das schweizerische Wort des Jahres 2010. Das Bild, das die politische Schweiz mit dem Bundesrat an der Spitze derzeit abgibt, ist unwürdig. Unsere Landesregierung demonstriert öffentlich ihre Zerrissenheit. Ja, man muss inzwischen nicht nur an der Urteils-, sondern auch an der Handlungsfähigkeit des siebenköpfigen Gremiums zweifeln.

Nicht nur mit öffentlichen Statements, sondern auch mit gezielten Indiskretionen wird eine Peinlichkeit nach der anderen an die Öffentlichkeit getragen. Derlei «Informationen» – beispielhaft die Informationsbruchstücke rund um die Libyen-Affäre – dienen kaum mehr der Unterrichtung der Citoyens, sondern vor allem der Demontage des Gegenspielers im Bundesratszimmer.

Wobei das Geflecht der Sympathien, vor allem aber der Antipathien innerhalb des Gremiums ziemlich undurchsichtig bleibt.

*

Es war früher ja beileibe nicht so, dass im Bundesrat nur eitel Sonnenschein herrschte. Immer wieder gab es Alphatiere und Querschläger, welche die Eintracht trübten. Aber es herrschte doch eine Concordia discors, eine «Eintracht in der Zwietracht» in den zentralen Fragen. Dass dem noch so sei, daran muss inzwischen gezweifelt werden.

Das Ausscheiden der beiden oft als «Harmoniekiller» betrachteten Bundesräte Blocher und Couchepin hat keineswegs eine Verbesserung des Klimas gebracht – im Gegenteil.

In einer stabilen Umwelt wären gelegentliche politische Kindereien nicht so tragisch. In der heutigen Weltlage aber machen sie schaudern. gf.hoepli@tagblatt