Cyberchonder
Wie uns Alarmisten die Lust am Essen verderben

Das Phänomen der Cyberchonder ist im Internet weit verbreitet. Diese Netz-Hypochonder suchen nach Gesundheitsproblemen und befeuern ihre Ängste damit weiter. Ein neues Buch räumt nun mit den Märchen von bösen Lebensmitteln auf.

Alexandra Fitz
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Cover des Buches «Der Feind in meinem Kopf. Schluss mit den Legenden vom bösen Essen».

Cover des Buches «Der Feind in meinem Kopf. Schluss mit den Legenden vom bösen Essen».

ZVG

Schon mal etwas von Cyberchondrie gehört? Nein? Okay, anders: Hatten Sie schon mal ein gesundheitliches Problem, gaben es bei Google ein und fühlten sich anschliessend noch beschissener?

Hypochonder befragen in ihrer Panik meist Ärzte, Cyberchonder das Internet. Und die Informationen aus dem Netz befeuern ihre Angst noch mehr. «Dieses Phänomen ist sehr verbreitet», sagt Susanne Schäfer, Wissenschaftsjournalistin und Autorin des Buches «Der Feind in meinem Topf». Heutzutage würden Nahrungsmittel oft vorschnell für ein Unwohlsein verantwortlich gemacht. Immer mehr Leute halten Netz-Recherchen über Unverträglichkeiten für das beste Rezept.

Neben den Selbstdiagnosen kritisiert Schäfer vor allem die Legenden über böse Lebensmittel sowie Menschen, die keine wirklichen, sondern lediglich gefühlte Unverträglichkeiten und Allergien haben. Es fände gerade ein regelrechter Gesundheitswahn statt.

Sie schreibt von «Sensibelchen», die Ernährung als Ersatzreligion proklamieren. Ernährung sei Image und Statement. Ein neues Statussymbol. Weil die traditionellen nicht mehr wirklich passen oder nicht mehr besonders seien – grosse Autos, in manchen Kreisen eher unbeliebt wegen Spritverbrauch oder Golfsport, längst nicht mehr nur der Elite vorbehalten – werde die Gesundheit immer wichtiger. Motto: Gemüse essen, fit halten und schlank sein. Selbstdisziplin ist en vogue und in der Gesellschaft nicht nur akzeptiert, sondern auch erwünscht.

Doch für Schäfer ist das Übertreibung. Um sich gesund zu ernähren, genüge es, sich einfach an die gängigen, wissenschaftlich abgesicherten Ernährungsempfehlungen zu halten – mal mehr, mal weniger. Sich Ausnahmen gönnen, auch Schokolade und Pasta essen. Kein schlechtes Gewissen haben. Apropos Pasta: Während der Recherche hatte Schäfer ob der vielen Gluten kurzzeitig selbst ein schlechtes Gewissen. Doch jetzt geht sie wieder zum Italiener, gönnt sich Pasta mit viel Gluten. Denn nachdem sie sich medizinisch, psychologisch und soziologisch mit dem Thema auseinandergesetzt hat, ist sie überzeugt: Wir dürfen gelassener sein, müssen die Ernährung nicht zu fest überhöhen. Wirklich böses Essen gebe es nicht.

Frei von ... «allem»

Weil es in ihrem Umfeld immer mehr von sogenannten Unverträglichkeiten wimmelte – sie spricht von einer Mutter, die für ihre kleine Tochter zwei Geburtstagskuchen bäckt: einen mit, einen ohne Gluten – und es immer schwieriger wurde für Freunde zu kochen, machte sie sich an das Thema.

Wer ist schuld, dass wir Essen immer mehr als Bedrohung sehen? Wir oder die Lebensmittelindustrie? «Das Bedürfnis, sich gesund zu ernähren, eine diffuse Angst vor Lebensmitteln und die Tendenz, das Essen als Statussymbol aufzuladen, gab es schon von vornherein in der Gesellschaft», erklärt Schäfer. Die Marketing-Strategen der Lebensmittelindustrie hätten das erkannt und verstärkt. So hätten sich beide Seiten gegenseitig hochgeschaukelt.

Der Trend lautet: «Frei von ...». Diese Produkte habe es schon lange gegeben. Im Reformhaus. Und zwar für Leute mit echten Intoleranzen. Schäfer kritisiert, dass nun Gluten, Laktose oder Histamin als Risiko für unsere Gesundheit gebrandmarkt werden. «Es wird uns suggeriert, dass jeder das essen sollte. Den Produkten wird ein reines, wohltuendes Image angehaftet.»

Mit diesen neuen Produkten, die neue Bedürfnisse wecken, verdient die Nahrungsmittelindustrie kräftig. Und dies – so eine Hauptthese des Buches – obwohl die «Frei von ...»-Lebensmittel für Gesunde keinen medizinisch nachweisbaren Nutzen hätten. Schäfer machte Selbstversuche: Sie klagte beim Arzt über Müdigkeit und Bauchbeschwerden – was nur mit der Abgabe dieses Buches zu tun hatte – und bekam etliche hundert Euros später sämtliche Intoleranz-Diagnosen aufgetischt. Für Schäfer alles Scheindiagnosen.

Mit dem diese Woche erschienenen Buch «Der Feind in meinem Topf» schlägt die Autorin die Lebensmittel-Alarmisten witzig in die Flucht. Aber Vorsicht, schon im Einstieg wird gewarnt: «Dieses Buch kann Sätze mit Gluten, Laktose, Histamin oder Spuren von Nüssen enthalten.»

Der Feind in meinem Topf. Schluss mit den Legenden vom bösen Essen. Von Susanne Schäfer. Hoffmann und Campe. 240 S., Fr. 24.90.