Gesundheit
Tumorbehandlung mit dem Röntgenmesser

Seit einem Jahr werden im KSA Tumore auch radiochirurgisch behandelt. Die Prognosen für die Patienten sind hervorragend.

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Kantonsspital Aarau

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Sechs Tumore hat Roman Hilfiker (Name geändert) im Kopf, lebensgefährliche Metastasen, die zu klein sind, um sie operieren zu können. Beim interdisziplinären Tumorboard haben Experten verschiedener Fachrichtungen entschieden, die Metastasen radiochirurgisch zu behandeln. «Die Methode ermöglicht eine extrem präzise Strahlenbehandlung. So kann man Tumore zerstören, während gesundes Gewebe geschont wird. Das Risiko von Nebenwirkungen ist deshalb sehr gering», erklärt Dr. med. Lucia Schwyzer, Oberärztin mbF, Klinik für Neurochirurgie. Hilfiker liegt in der Radiochirurgie auf einem Schragen, sein Kopf ist mit einer eigens angefertigten Maske fixiert. Dann kommt er unters Röntgenmesser. Die ambulante Behandlung ist schmerzfrei und dauert nur 15 Minuten. In der Regel sind weder Narkose oder örtliche Betäubung noch Anschlussbehandlung oder Rehabilitation nötig. Vier bis sechs Monate nach der Bestrahlung empfehlen die Experten eine ambulante Kontrolluntersuchung.

Hervorragende Zusammenarbeit

Schwyzer und ihre Kollegin Dr. med. Susanne Rogers, Oberärztin mbF, Radio-Onkologiezentrum KSA-KSB, bedienen den Spezialbeschleuniger für die Hochpräzisionsbestrahlung, der im KSA seit Dezember 2015 eingesetzt wird. Rund hundert Patienten haben sie bislang damit behandelt, nicht nur am Kopf, sondern auch bei Knochen-, Prostata- oder Lungenkrebs. Dabei schiessen Photonenstrahlen (Röntgenstrahlen) von allen Seiten punktgenau auf den Tumor und zerstören ihn. In der Regel genügt eine Sitzung, maximal sind es fünf.
«Wenn der Tumor in der Nähe von kritischem Gewebe wie Hirnstamm oder Sehnerven sitzt, bestrahlen wir mehrfach, auf mehrere Tage verteilt. Mit der Aufteilung der Dosis gewinnen wir Sicherheit, dass kein Schaden im unmittelbar benachbarten Hirngewebe entsteht», erklärt Prof. Dr. med. Stephan Bodis, Chefarzt Radio-Onkologiezentrum KSA-KSB. «Die Prognosen der Patienten, die wir radiochirurgisch behandeln, sind gut. Bei Hirnmetastasen und kleinen Lungentumoren sind wir bei 90 Prozent der Fälle erfolgreich.»
Dieses hervorragende Ergebnis sei nur möglich dank der ausserordentlich guten Zusammenarbeit zwischen Radio-Onkologen und Neurochirurgen, betont Bodis. «Dass wir es geschafft haben, so eng zusammenzuarbeiten, ist vorbildlich und in der Schweiz wohl einmalig. Davon profitieren die Patienten und ihre Angehörigen, die Zuweiser und auch wir selbst, weil wir konstruktiv miteinander umgehen, voneinander lernen und dadurch kontinuierlich besser werden.» Auch Prof. Dr. med. Javier Fandino, Chefarzt Neurochirurgie, betont die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit. «Nur gemeinsam kann man heutzutage gute Medizin anbieten», sagt er.

Schonend und hochwirksam

Rund 2000 Eingriffe pro Jahr werden in der Neurochirurgie des KSA vorgenommen; etwa zehn Prozent der Patienten werden zusätzlich radiochirurgisch behandelt, meist junge Menschen mit sehr komplexen Tumoren. «Wenn ein Tumor an heiklen Positionen lokalisiert ist, ist es häufig nicht möglich oder mit grossen Risiken verbunden, ihn radikal zu entfernen», erklärt Schwyzer. «In solchen Fällen reduzieren wir einen Teil des Tumors chirurgisch, sodass das Tumorvolumen möglichst klein wird und die Risiken des operativen Eingriffs gleichzeitig möglichst gering bleiben. Den Resttumor behandeln wir dann radiochirurgisch.» Mithilfe einer eigens dafür entwickelten Software wird die zweistufige Behandlung geplant. Auf dem Bildschirm sieht Fandino genau, wie viel des Tumors er herausschneiden muss, damit er erfolgreich radiochirurgisch behandelt werden kann. Während der OP errechnet die Software anhand des Resttumors laufend einen virtuellen radiochirurgischen Plan mit der optimalen Strahlendosis. «Das ist sehr innovativ», schwärmt Fandino. «Wir sind das erste Spital in der Deutschschweiz, das über ein solches Konzept verfügt.» Schwyzer spiele in diesem Konstrukt eine zentrale Rolle, so der Chefneurochirurg. «Als Neurochirurgin kann sie uns in der Planung genau beraten. Sie kann sagen, bis wohin wir operieren sollen, sodass sie den Resttumor erfolgreich bestrahlen kann. Dadurch müssen wir bei der Operation weniger riskieren. Folglich gibt es weniger Komplikationen, die Patienten können früher nach Hause und zur Arbeit. So werden Kosten gespart.» Im Gegensatz zur Behandlung ist die Planung allerdings sehr komplex und aufwendig; sie dauert mehrere Stunden. CT und MRT werden gemacht, die Bilder am Computer fusioniert und so der Tumor sowie Risikoorgane genau lokalisiert und eingezeichnet, Einschussrichtung und Strahlendosis berechnet und schliesslich die Behandlung am Bildschirm 1:1 simuliert. Erst wenn der Testlauf erfolgreich war, kommt der Patient unter den Spezialbeschleuniger für die Hochpräzisionsbestrahlung. Roman Hilfiker hat die ganze Prozedur gut überstanden. Er hatte keinerlei neurokognitive Störungen wie Konzentrationsschwächen, Schwindel oder Übelkeit wie sie bei der konventionellen Bestrahlung häufig auftreten, auch keinen Haarausfall. Und die Nachkontrolle wird zeigen, dass sämtliche sechs Metastasen erfolgreich und dauerhaft beseitigt wurden.

Radiochirurgie

Seit Dezember 2015 verfügen das Radio-Onkologie-Zentrum KSA-KSB und die Klinik für Neurochirurgie über einen komplett erneuerten Gerätepark. Neben den zwei Universalgeräten der Radio-Onkologie (Ersatzbeschaffungen) wurde neu auch ein Spezialbeschleuniger für die Hochpräzisionsbestrahlung (Radiochirurgie) erworben. Er wird für verschiedene Indikationen genutzt: für bestimmte gutartige und bösartige Tumore im Bereich des Gehirns und des Rückenmarks in Kooperation zwischen der Radio-Onkologie und der Neurochirurgie sowie für bestimmte bösartige Tumore ausserhalb des Kopfbereichs in Zusammenarbeit zwischen der Radio-Onkologie und anderen chirurgischen Partnerkliniken. (krea)