Gabriela Kühni

Schlaganfall mit 18 Jahren: Wie eine junge Frau wieder ins Leben zurückfand

Blutgerinnsel im Gehirn treten nicht nur bei Erwachsenen auf. Gabriela Kühni war 18 Jahre alt, als sie einen Schlaganfall erlitt.

Lea Schwer
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Gabriela Kühni erlitt im Alter von 18 Jahren einen Schlaganfall. Bis auf einen Gesichtsfeldausfall hat sie keine Nachwirkungen, geniesst dafür das Leben viel bewusster.zvg

Gabriela Kühni erlitt im Alter von 18 Jahren einen Schlaganfall. Bis auf einen Gesichtsfeldausfall hat sie keine Nachwirkungen, geniesst dafür das Leben viel bewusster.zvg

Gabriela Kühni war mit dem Zug nach Utzensdorf zu einem Basketballmatch ihres damaligen Freundes unterwegs. «Als ich ausstieg, verspürte ich Schwindelgefühle.» Sie ging in die Hocke und nahm das Handy aus der Tasche. «Ich wollte die Nummer meines Freundes wählen, verlor dann aber plötzlich die Orientierung und hatte kein Gefühl mehr in der rechten Körperhälfte.» An mehr kann sich Gabriela Kühni nicht erinnern. Zweieinhalb Tage später kam sie auf der Intensivstation des Inselspitals Bern wieder zu sich. Diagnose: Schlaganfall.

Schwierige Diagnosestellung

«Schlaganfälle bei Kindern und Jugendlichen sind nicht so selten. Sie gehören in diesem Alter zu den zehn häufigsten Todesursachen», erläutert Prof. Dr. med. Krassen Nedeltchev, Chefarzt Neurologie und Leiter des Stroke Center im Kantonsspital Aarau. Auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet ist ein Schlaganfall in jungem Alter dennoch selten. Genaue Zahlen sind schwierig zu nennen. Die Dunkelziffer ist gemäss Experten hoch, da eine Diagnose nur schwer zu stellen ist. «Bei Kindern und Jugendlichen ist die Symptomatik viel variabler und bei Kleinkindern sind Lähmungserscheinungen unter Umständen nicht eindeutig erkennbar», zählt Prof. Nedeltchev die Gründe auf.

Auch bei Gabriela Kühni dauerte es, bis die Mediziner zu einem Ergebnis kamen. Nachdem die Ambulanz sie ins Spital Burgdorf gefahren hatte, führten die Ärzte zahlreiche Tests durch: «Ich wurde auf Drogenmissbrauch oder auf eine Schwangerschaft getestet. Jedoch nicht auf ein Blutgerinnsel im Gehirn.» Rund zwei Stunden dauerten die Untersuchungen, dann stand die Diagnose Schlaganfall fest. «Das Gerinnsel hatte sich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise bereits von allein aufgelöst», so Gabriela Kühni.

Vielfältige Ursachen

Die Ursache für den Schlaganfall konnte bei Gabriela Kühni nicht geklärt werden. Gemäss einer Studie aus dem Jahr 2011, an der Prof. Nedeltchev beteiligt war, bleibt die Ursache bei 14% der Fälle trotz ausführlichen Abklärungen unklar. Beim restlichen Prozentsatz sind die Gründe vielfältig. «Im Vordergrund stehen entzündliche Veränderungen oder Verletzungen der Blutgefässe», erklärt Dr. med. Andrea Capone Mori, Leitende Ärztin Klinik für Kinder und Jugendliche im Kantonsspital Aarau. Als weitere Risikofaktoren sehen Experten Störungen der Blutgerinnung, angeborene Herzfehler oder herzchi-rurgische Eingriffe.

Drei Monate Reha

«Die Behandlung des Schlaganfalls im Kindes- und Jugendalter ist ähnlich wie jene bei Erwachsenen», sagt Dr. med. Andrea Capone Mori. Gabriela Kühni verbrachte die Woche nach dem Schlaganfall im Inselspital Bern, liegend im Bett. «In den ersten Tagen war ich extrem vergesslich. Ich musste meine Eltern hundertmal fragen, was mir zugestossen ist.» Zudem war die Feinmotorik in der rechten Hand eingeschränkt und auf beiden Augen war sie rechtsseitig von einem Gesichtsfeldausfall betroffen. «Dieses Handicap machte mir am meisten zu schaffen. Als ich wieder gehen durfte, hatte ich Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Auch das Lesen ganzer Wörter und Sätze bereitete mir extrem Mühe.»

Im Anna-Seiler-Haus in Bern trat Gabriela Kühni schliesslich die Rehabilitation an. «In der Ergotherapie schulte ich wieder die Feinmotorik oder lernte, mit meiner Seheinschränkung den Alltag zu meistern.» Die Therapeutin begleitete sie über die Strasse, brachte ihr wieder das Fahrradfahren bei oder unterstützte sie beim Kochen. Viel Zeit verbrachte die junge Frau bei der Logopädin. «Ich war ein besonderer Fall. Schreiben bereitete mir keine Mühe, doch konnte ich das Geschriebene dreissig Minuten später nicht mehr lesen.»

Die Rehabilitation dauerte insgesamt rund drei Monate. Wie stand es da um die Motivation? «Grosse Tiefs hatte ich nicht zu überwinden. Ich war teilweise einfach etwas schlecht gelaunt. Insbesondere die Aussicht, in Zukunft nicht Auto fahren zu können, machte mir zu schaffen.» Denn der Gesichtsfeldausfall, so die Prognose der Ärzte, würde bestehen bleiben.

«Menschen, die im jungen Alter einen Schlaganfall erlitten haben, profitieren von einem besseren Potenzial der Reorganisation und haben so auch bessere Chancen der Rehabilitation», sagt Prof. Nedeltchev. 57% der Kinder hätten nach einem Schlaganfall keine oder nur leichte neurologische Defizite. Neuropsychologische Tests weisen jedoch nach, dass moderate kognitive Störungen, Verhaltensstörungen oder Einschränkungen der Lebensqualität bis ins erwachsene Alter bemerkbar sind.

Bewusst leben

In wenigen Tagen liegt der Schlaganfall von Gabriela Kühni exakt zehn Jahre zurück. Trotz der Seheinschränkung kann sie dem Schlaganfall sehr viel Positives abgewinnen: «Ich bin von einem Tag auf den anderen erwachsen geworden.» Vor dem Schlaganfall sei sie oberflächlicher durchs Leben gegangen. «Heute lebe ich die Momente viel bewusster.» Gabriela Kühni tankt Energie in der Natur, hat mit der Imkerei ein wunderschönes Hobby gefunden, absolvierte neben ihrer KV-Stelle noch eine Ausbildung zur Gesundheitsmasseurin und begleitet Freunde spontan auf Reisen, ohne Bedenken, ohne ein Zögern. «Ich lasse mich vom Leben treiben und geniesse, was kommt.» Das positive Denken hat ihr auch gesundheitlich Fortschritte gebracht. Der Gesichtsfeldausfall hat sich entgegen der ärztlichen Diagnose verbessert. Die Hoffnung, einmal Auto fahren zu können, hat Gabriela deswegen noch nicht aufgegeben.