Studie
Psychischer Stress überträgt sich auch auf eigenen Nachwuchs

Mehrere Studien zeigen, dass vielleicht nicht nur wir, sondern auch unsere Nachkommen belastet werden. Dauerstress kann nämlich Genveränderungen hervorrufen.

Claudia Weiss
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Stress (Symbolbild)

Stress (Symbolbild)

Keystone

Rezession, unsichere Berufsaussichten und sozialer Stress: Wie das Wissenschaftsmagazin «New Scientist» berichtete, können solche Bedingungen eine Genveränderung bewirken. Die unmittelbare Folge von Wirtschaftskrisen sind vermehrte Suizide – England allein zählte im Jahr 2012 rund tausend zusätzliche Todesfälle – und eine messbare Zunahme von psychischen Erkrankungen.

Stress löst Entzündungen aus

In Griechenland, das von der Wirtschaftskrise besonders stark betroffen ist, stieg sogar die Rate der HIV-Neuinfektionen aufgrund von intravenösem Drogenkonsum: Möglicherweise wollten sich diese Leute so trotz Kürzungen Zugang zur Gesundheitsversorgung verschaffen. Nebst diesen erschreckenden Folgen zeigen gleich mehrere Studien einen subtileren, aber ebenso beunruhigenden Langzeiteffekt: Wissenschafter vermuten, dass lang anhaltender psychischer Stress zu genetischen Veränderungen führen könne, welche chronische Entzündungen zur Folge hat.

«Untersucht wurden vor allem Stressoren wie Einsamkeit und sozialer Stress, aber die biologischen Mechanismen können durch jede Art von psychischem Stress ausgelöst werden, also auch durch den Verlust von Arbeitsplatz oder Wohnung», wird George Slavich von der University of California in Los Angeles zitiert. Dieser Stress hat Folgen: Während belastender Zeiten wird der Körper mit Hormonen wie Cortisol überflutet, welches Entzündungen hemmt, aber zugleich eine zu heftige Immunabwehr abdämpft. Deshalb erhöht sich bei dauerhaft erhöhtem Cortisolspiegel das Risiko einer Neuentzündung, und ein schädlicher Kreislauf beginnt.

Nicht genug damit: Terrie Moffitt von der Duke University in Durham, studierte die Langzeit-Auswirkungen von Kindsmisshandlungen und stellte fest, dass Dauerstress sogar Genveränderungen hervorrufen kann. Beweisen kann sie das noch nicht, aber es gebe deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen gemessenem Stress und gemessener Genanordnung und von dieser wiederum zu einer Krankheitsanfälligkeit. Ähnliches hat Isabelle Mansuy von der ETH Zürich in Studien mit Mäusen herausgefunden. Sie hat gemessen, dass die Auswirkungen von Stress gar über drei Generationen von Mäusen hinweg weitergegeben werden. Immer mehr Studien zeigen ausserdem, dass bereits mütterlicher Stress während der Schwangerschaft messbare schädliche Auswirkungen auf ihr ungeborenes Baby haben kann.

Wechselwirkungen noch unklar

Da ist es nur ein kleiner Schritt zur nächsten Vermutung der Wissenschafter: Sie nehmen an, dass Entbehrung, Arbeitslosigkeit und ähnliche Belastungen einen schädigenden Effekt auf die nächste Generation haben. Noch sind längst nicht alle Wechselwirkungen untersucht, und die Wissenschafter sind sich einig, dass sie die Folgen von lang anhaltendem psychischem Stress noch intensiv weiter untersuchen müssen. Und vor allem erforschen müssen, was davor schützt.