Therapiewahn
Psychiatrie-Professor aus den USA: «Burnout ist eine Modediagnose»

Kummer wird als depressive Störung diagnostiziert, kindliche Unreife als ADHS. Viel zu viele Menschen werden heute für psychisch krank erklärt und mit Medikamenten versorgt, kritisiert der US-Psychiater Allen Frances.

Claudia Weiss
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Bewegung in der Natur statt Medikamente: Auf einer Alp im Kanton Schwyz werden Kinder mit ADHS therapiert. Allen Francis sagt: «Die Wirkung der meisten Medikamente, die die Kinder heute erhalten, ist nicht erwiesen, und Nebenwirkungen sind sehr häufig».

Bewegung in der Natur statt Medikamente: Auf einer Alp im Kanton Schwyz werden Kinder mit ADHS therapiert. Allen Francis sagt: «Die Wirkung der meisten Medikamente, die die Kinder heute erhalten, ist nicht erwiesen, und Nebenwirkungen sind sehr häufig».

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Herr Frances, Sie äussern ernsthafte Zweifel über die heutige Psychiatrie. Sollten wir uns Sorgen machen?

Allen Frances: Gut angewandte Psychiatrie wirkt hervorragend. Ich kenne viele tausend Patienten, deren Leben eine gute Behandlung verbessert, manchmal sogar gerettet hat. Das grösste heutige Problem besteht darin, dass die meisten psychiatrischen Medikamente von Hausärzten abgegeben werden, und zwar an Menschen, die sie nicht wirklich brauchen.

Als das neue Klassifikationssystem DSM-5, das Standardwerk der Psychiatrie, erschien, warnten Sie, dass die Diagnosen eine Hyperinflation erleben werden: Werden wir von Psychiatern krankgemacht?

Allen Francis

Der 72-jährige emeritierte Psychiatrieprofessor der Duke University in North Carolina wurde bekannt für seine harsche Kritik an der aktuellen Version des DSM-5 (Diagnostischer und Statistischer Leitfaden Psychischer Störungen). Diese ist umso bemerkenswerter, da Frances als Autor bei der dritten Version mitarbeitete und die Arbeitsgruppe der vierten Revision leitete. Er ist Autor des Buches «Normal» und wird morgen Mittwoch, 17. September, am Jubiläumssymposium Psychiatrie Baselland in Liestal referieren. Sein Thema: «Die Zukunft von psychiatrischen Diagnosen und Behandlungen».

Sie kritisieren besonders die «Psychiatrie-gemachten Epidemien» bei Kindern wie Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bipolare Störung. Werden unsere Kinder vorschnell als krank abgestempelt?

Kinder sind natürlich für die Pharmaindustrie besonders spannend, denn der Markt mit Medikamenten für Erwachsene ist gesättigt, und Kinder sind die perfekten Langzeitkunden – möglicherweise ihr ganzes Leben lang. Die Wirkung der meisten Medikamente, die sie heute erhalten, ist nicht erwiesen, und Nebenwirkungen sind sehr häufig. Wir wissen auch noch nicht, was die Langzeitfolgen davon sind, wenn wir die jungen Gehirne in starken Chemikalien baden.

Da sprechen Sie unter anderem Ritalin an, das ja auch in der Schweiz bei ADHS oft eingesetzt wird. Dieses ist aber für viele die Rettung.

Schauen Sie, der beste Indikator um vorherzusagen, welches Kind behandelt werden wird, ist sein Geburtsdatum: Bei den jüngsten Kindern einer Klasse wird fast doppelt so häufig eine Aufmerksamkeitsstörung diagnostiziert als bei den ältesten. Es ist doch tragisch, dass wir ganz normale Unreife in eine psychische Erkrankung ummünzen. In den USA hat sich die Anzahl der ADHS-Fälle nach Marketing-Aktionen der Pharmafirmen verdreifacht, jährlich werden fast 10 Milliarden Dollar für ADHS-Medikamente ausgegeben. Diese mögen nützlich sein für einige sehr schwer betroffene Kinder, aber es ist lächerlich, dass mehr als jedes zehnte Kind die Diagnose erhält und sechs Prozent medikamentös therapiert werden. Stattdessen würden wir lieber Geld in bessere Schulen mit kleineren Klassen investieren und die körperliche Aktivität jener Kinder fördern, die einen ganz normalen starken Bewegungsdrang haben.

Ist das nicht ein bisschen zu einfach?

Nein, das finde ich gar nicht. Kleinere Klassen, mehr Bewegung und realistische Erwartungen an die Kinder sind doch wesentlich besser als ein falsches Etikett, das aus einer ganz normalen kindlichen Unreife eine psychische Erkrankung macht.

In einigen Fällen kann es aber hilfreich sein, eine Diagnose und damit eine Behandlungsmöglichkeit zu haben.

Eine exakte Diagnose ist eine wichtige Sache, sie führt dazu, dass ein Patient gut behandelt wird und gibt ihm das Gefühl, verstanden zu sein. Aber eine unsaubere Diagnose kann zu unnötigen und schädlichen Behandlungen führen und sich letztlich stigmatisierend auswirken. Eine ungenaue Diagnose zu stellen, ist sehr einfach. Aber es ist sehr schwierig, die dadurch verursachten Schäden wieder gutzumachen. Das gilt speziell für Kinder, denn diese sind besonders schwierig zu diagnostizieren.

Als Psychiater diagnostizierten Sie selber Tausende von Patienten, Sie waren einer der Autoren des DSM-3 und verantwortlich für das DSM-4: Woher kommt Ihr enormer Umschwung?

Noch beim Erarbeiten des DSM-4 waren wir sehr vorsichtig und glaubten, damit könnten wir exzessive Diagnosen vermeiden. Dennoch haben wir es verpasst, vorauszusehen, wie stark die äusseren Kräfte sind, die dieses System in den Missbrauch treiben – allen voran die Pharmafirmen, die Fehlinformationen verbreiten. Die Autoren des DSM-5 waren unglücklicherweise diesbezüglich völlig naiv und spielten den Pharmafirmen ganz neue Möglichkeiten in die Hände.

Böse Zungen behaupten allerdings, Sie hätten Ihre Position erst nach ihrer Pensionierung geändert – nachdem Sie selber jahrelang von Zuwendungen der Pharmaindustrie profitiert hätten?

Nun ja, ich war auch naiv, einfach auf eine andere Weise: Als die neueren Antipsychotika verfügbar wurden, dachte ich, diese seien den alten gegenüber überlegen, weil sie die Patienten nicht wie Zombies aussehen und fühlen liessen. Aber diese neuen Medikamente haben ihre ganz eigenen ernsthaften Nebenwirkungen, die jedoch erst später sichtbar wurden: insbesondere starke Gewichtszunahme und das Risiko für Diabetes. Ausserdem wurden sie weit über ihren eigentlichen engen Indikationsbereich hinaus vermarktet und viel zu oft für Kinder und alte Menschen verschrieben. Ich war dann sehr schockiert über den enormen Anstieg von Diagnosen bezüglich ADHS, Autismus und Bipolare Störung nach Erscheinen des DSM-4. Erst recht empört war ich, als ich sah, dass DSM-5 die Schleusen für solche Diagnose noch weiter öffnen würde.

DSM-5 fügte eine Handvoll von zweifelhaften neuen Diagnosen hinzu. Haben Sie bei sich selber auch schon Symptome gefunden, die auf eine solche neue Störung hinweisen könnten?

Wenn man es grosszügig diagnostiziert (was sicher der Fall sein wird), könnte ich fälschlicherweise das Etikett «leichte neurokognitive Störung» erhalten, aber auch Binge Eating Disorder («Fressanfälle») könnte passen, oder «Major Depressive Disorder», schwere depressive Episode, nachdem meine Frau gestorben war. Als sie noch lebte und befürchtete, ihre Kopfschmerzen kämen aufgrund von Krebs-Metastasen, hätte man das durchaus als «Somatic Symptom Disorder» fehlinterpretieren können. Und an schlechten Tagen werfe ich meinen Enkelkindern schon mal vor, sie litten an einer «Temper Dysregulation Disorder», einer launenhaften Unbeherrschtheits-Störung. Sie sehen, wenn irgendeine psychiatrische Störung missbraucht werden kann, dann wird sie auch missbraucht.

Müssen wir also die ganze Psychiatrie neu überdenken?

Eigentlich würde es genügen, bloss den gesunden Menschenverstand wieder einzuschalten. Das heisst konkret, wir müssen die übermässigen Verschreibungen von Medikamenten stoppen, von denen die meisten von Hausärzten gemacht werden. Stattdessen sollten wir unseren Fokus auf jene fünf Prozent Menschen richten, die wirklich schwer krank sind, und dafür diesen bessere Therapien ermöglichen. (Anmerkung der Redaktion: In den USA erhalten Psychiatriepatienten wesentlich einfacher Medikamente als eine Psychotherapie.)

Nun sind gleichzeitig die Neurowissenschaften gross im Kommen. Das «Human Brain Project» der ETH Lausanne etwa verspricht neue Einsichten in unser Gehirn: Könnte es die Psychiatrie revolutionieren?

Die Fortschritte der Neurowissenschaften sind beträchtlich, sie haben jedoch bisher keinem einzigen Patienten geholfen. Wir werden wunderbare Einblicke erhalten, wie das gesunde Hirn funktioniert, aber es wird ein sehr langer Prozess sein, abnormale Funktionen zu verstehen: Das Hirn ist das komplizierteste Ding in unserem bekannten Universum und gibt seine Geheimnisse nur sehr langsam preis. Bei einer Schizophrenie und jeder anderen gröberen psychischen Störung spielen jeweils Hunderte von interagierenden Faktoren mit, da gibt es keine einfachen Antworten.

Alles in allem: Wohin geht die Psychiatrie, und wohin sollte sie gehen?

Im Moment ist es noch zu früh, um zu sagen, wie gross die Wirkung des DSM-5 effektiv sein wird. Aber es geht schon in die Richtung, dass Pharmafirmen die Ärzte dazu verleiten, zu glauben, ein ganz normaler Kummer sei eine «grössere depressive Verstimmung» (Major Depressive Disorder MDD). Und sie hoffen sogar, dass sie die ADHS-Medikamente auch für «Binge Eating Disorders» einsetzen können. Glücklicherweise stehen uns wirkungsvolle Instrumente zur Verfügung, um Psychiatriepatienten zu helfen. Aber wir müssen sie richtig anwenden.