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Neue Therapie bei Durchblutungsstörungen

Mit Mini-Kathetern und Chemotherapeutika gegen offene Beine - neue Sprechstunde am Kantonsspital Aarau (KSA).

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Gesundheit Aargau

Am Kantonsspital Aarau wird neu eine Sprechstunde für interventionelle Angiologie angeboten. Mit Hilfe von miniaturisierten Ballon-Kathetern, die Medikamente freisetzen, können verschlossene Gefässe von innen gedehnt werden. Die dabei verwendeten Wirkstoffe stammen aus der Chemotherapie und werden aus der „Pazifischen Eibe“ gewonnen. Mittels dieser minimalinvasiven Methode kann heute ein Grossteil der Patienten mit Verkalkungen der Becken- und Beingefässe behandelt werden.

Prof. Dr. med. Nicolas Diehm, welcher das Team der Angiologie am KSA seit Mitte März als Leitender Arzt ergänzt, ist auf diesem Gebiet ein ausgewiesener internationaler Experte. Die neue Generation von Ballon-Kathetern, die Medikamente freisetzen, haben das Potential, herkömmliche Katheter und Stents bei der Behandlung der peripher arteriellen Verschlusskrankheit (=PAVK, schwere Durchblutungsstörungen in den Beinen) abzulösen. Prof. Dr. med. Nicolas Diehm, internationaler Experte auf diesem Gebiet, beschreibt die Wirkung wie folgt: “Der Eingriff verringert das Risiko einer Restenose (=Wiederverengung) des ballonierten Gefässes. Diese Reaktion des Körpers ähnelt einer überschiessenden innerlichen Narbenbildung. Heute müssen sich weniger Patienten als früher einer Wiederholung des Eingriffes aufgrund einer solchen Restenose unterziehen. Dies schont nicht nur die Patienten, sondern trägt mittelfristig zu einer Kostenreduktion im Gesundheitssystem bei.“

Die miniaturisierten Katheter beinhalten ein Medikament, das bislang hauptsächlich aus der Chemotherapie bösartiger Tumoren bekannt war. Der Wirkstoff „Paclitaxel“ ist eine Substanz, welche aus der „Pazifischen Eibe“ gewonnen wird. Der immergrüne Strauch ist vor allem in Nordamerika beheimatet. Seine hemmende Wirkung auf die Zellteilung macht sich nun auch der Angiologe zu nutze. „Mittels Ballon- Katheter wird der Wirkstoff nur für eine ganz kurze Zeit ins Gewebe abgegeben. Dies ist sehr viel schonender und scheint nach meinen Erfahrungen und Studienresultaten eine ähnliche Wirkung zu haben, wie wenn das Arzneimittel monatelang durch einen implantierten Stent ans Gewebe abgegeben wird“, erläutert der Facharzt.

Die schonenden Eingriffe werden mittels miniaturisierten Hightech-Kathetern durchgeführt. Diese Geräte erlauben es, über einen minimalen Zugang zur Schlagader, meistens in der Leiste oder am Arm, verschlossene Beinschlagadern wieder zu öffnen. PAVK, oftmals auch unter den Begriffen „Schaufensterkrankheit“ oder „Raucherbein“ bekannt, hat in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung zugenommen. Aktuell sind 202 Mio. Menschen weltweit von dieser oftmals unterschätzten Erkrankung betroffen. Dies sind fast fünfmal mehr Erkrankungsfälle, als es weltweit HIV-Patienten gibt. Besonders gefährdet sind Raucher und Diabetiker. Sie haben oft Mühe beim Gehen oder schlecht heilende Wunden an den Beinen. Werden diese nicht behandelt, kann dies im schlimmsten Fall zu einer Amputation führen.

Interview mit Prof. Dr. med. Nicolas Diehm

Wie hat sich die Behandlung der PAVK in den letzten Jahren entwickelt?

Bei der Behandlung dieser Erkrankung wurden in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht: Der erste Ballonkatheter-Eingriff wurde vor 40 Jahren in der Schweiz durchgeführt. Seither hat sich die Methode rasant entwickelt und wird heute bei fast 90% aller Patienten mit schweren Durchblutungsstörungen der Beine angewendet. In vielen Fällen kann dies sogar ambulant, d.h. ohne Übernachtung im Spital, durchgeführt werden.

Wie muss man sich die Behandlung vorstellen, die Sie am KSA durchführen?

Viele Patienten, die sich zum ersten Mal einer Ballonangioplastie unterziehen, sind fasziniert, dass man über eine Arterie in der Leiste oder im Bereich der Ellenbeuge Zugang zu sämtlichen Gefässen des menschlichen Körpers gewinnen kann. Weiterhin sind die allermeisten Patienten erstaunt, dass ein solcher Eingriff ohne jegliche Schmerzen für den Patienten durchzuführen ist. Die Behandlung wird minimal-invasiv durchgeführt. Ausser einer örtlichen Betäubung wird keine Narkose benötigt und die Patienten können beim Eingriff „live“ dabei sein, wenn sie dies wünschen.

Welche Verbesserungen konnten erzielt werden?

Bisher war der grosse Nachteil, dass sich die mit dem Ballon erweiterten Gefässe bei bis zu knapp der Hälfte der Patienten innerhalb von 6 bis 12 Monaten nach der Behandlung wieder verengt haben – eine Art innere Narbenbildung des Gewebes. Der Wirkstoff „Paclitaxel“ kann dies verringern, indem er die Narbenbildung durch Hemmung der Zellteilung direkt vor Ort unterdrückt. Durch die Einführung dieser beschichteten Ballons konnte die Wiederverengungs-Rate deutlich reduziert werden. Dieser Umstand sollte nun auch von den Krankenkassen berücksichtigt werden. Wir konnten zeigen, dass die Verwendung dieser beschichteten Ballons zunächst zwar mit höheren Materialkosten verbunden ist, sich mittelfristig dieser finanzielle Aufwand jedoch lohnt, da die Folgekosten für die Wiederholung der Eingriffe deutlich reduziert werden.

Warum ist die peripher-arterielle Verschlusskrankheit so gefährlich?

Die peripher-arterielle Verschlusskrankheit ist Ausdruck starker Gefässverkalkungen im Bereich der Arm-, oder Beinarterien. Doch in der Regel sind nicht nur die Arterien der Extremitäten verkalkt, sondern es kann prinzipiell das ganze Gefäss-System betroffen sein. Wir sprechen von einer systemischen Grunderkrankung, der Arteriosklerose, die auch die herz- und hirnversorgenden Schlagadern betreffen kann. Dadurch ist das Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko der PAVK-Patienten massiv erhöht. Mehr als 75% aller PAVK-Patienten sterben an den Folgen eines Herzinfarktes oder eines Schlaganfalles.

Wohin geht der Trend in der interventionellen Angiologie?

Die Schwierigkeit besteht heute nicht mehr so sehr darin, ein Gefäss technisch erfolgreich wiederzueröffnen, sondern dieses langfristig auch offen zu halten. Medikamenten-beschichtete Ballonkatheter leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Zudem erleben wir grosse Fortschritte in der Entwicklung von Stents, die das Ballon-Ergebnis nach der Angioplastie verbessern können. Wir versuchen am KSA diese Entwicklungen zum Wohle der Patienten mit voranzutreiben.

(Kantonsspital Aarau)

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