Gesundheit

Kein Klischee: Alkohol steigert das kreative Denken

Ein Bierchen entspannt den Verstand. Das hilft beim kreativen Problemlösen. Österreichische Psychologen haben verschiedene Bereiche des Denkens getestet.

Joachim Czichos
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Ein Gläschen Bier kann nicht schaden, behaupten österreichische Psychologen.

Ein Gläschen Bier kann nicht schaden, behaupten österreichische Psychologen.

Keystone

Die gängige Vorstellung vom Künstler, der Alkohol braucht, um kreativ zu sein, ist nicht ganz falsch. Zumindest wer die für Autofahrer erlaubte Promillegrenze einhält, kann nach Alkoholkonsum bei kreativen Problemlösungen bessere Ergebnisse erzielen als in nüchternem Zustand.

Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass die Droge die verstandesmässige Steuerung von Gedankengängen etwas lockert und so Assoziationen und spontane Einfälle begünstigt, berichten österreichische Psychologen im Fachblatt «Consciousness and Cognition».

Sie betonen, dass Alkohol nicht bei allen Formen der Kreativität eine positive Wirkung hat und ein stärkerer Konsum eher nachteilig ist. «Es wäre falsch, unsere Ergebnisse zu generalisieren und anzunehmen, dass Kreativität stets durch Alkohol gefördert wird», erklären die Forscher um Mathias Benedek von der Universität Graz.

Die meisten Denkprozesse würden von einem hohen Mass an kognitiver Steuerung profitieren. Doch bei kreativem Denken sei ein Zusammenspiel mit zusätzlichen spontanen Prozessen von wesentlicher Bedeutung.

Angestrengtes Denken blockiert

So kann beispielsweise eine zu starke gedankliche Fixierung eine Problemlösung blockieren. Ein geringer Alkoholspiegel könnte die starre Fokussierung der Gedankengänge lockern und helfen, ganz neue Lösungsansätze zu finden. Je nach Art des kreativen Prozesses würde sich ein unterschiedlicher Mix aus rationalem und emotionalem Denken als optimal erweisen.

In der Studie, an der sich 70 Personen im Alter von 19 bis 32 Jahren beteiligten, wurde der Hälfte der Probanden so viel Bier verabreicht, dass sich ein Blutalkoholspiegel von 0,3 Promille einstellte. Die Placebogruppe erhielt alkoholfreies Bier. Vor dem Bierkonsum und eine halbe Stunde danach absolvierten alle Teilnehmer mehrere Denktests.

In einem Test wurde die Funktion des Arbeitsgedächtnisses getestet, indem sich die Probanden eine Buchstabenfolge merken sollten. Danach musste angegeben werden, ob der aktuell sichtbare Buchstabe mit dem jeweils zwei Zeichen zuvor gezeigten übereinstimmt. Das kreative Denken beurteilten die Forscher, indem zu jeweils drei nicht verwandten Wörtern ein zu allen passender Begriff gefunden werden sollte.

Das Querdenken («laterales Denken») wurde überprüft, indem jeder Proband Ideen zum kreativen Gebrauch alltäglicher Objekte nennen musste. Es zeigte sich, dass der Alkoholkonsum die Leistung des Arbeitsgedächtnisses verschlechterte, die Fähigkeit kreativer Problemlösungen verbesserte und das Querdenken nicht beeinflusste. «Unsere Resultate sind ein weiterer Hinweis darauf, dass stärkere kognitive Kontrolle nicht immer gleichbedeutend ist mit besserer kognitiver Leistung», so die Autoren. Sie vermuten, dass sich bei höherem Alkoholkonsum allerdings ein anderes Bild zeigt.