KSB
Freiheit dank Schlauch am Bauch

Vor zehn Jahren hielt die Bauchfelldialyse im Kantonsspital Baden Einzug. Heute wählt jeder zehnte Patient diese Behandlungsform. Ein Anteil, der gesteigert werden soll.

Merken
Drucken
Teilen
PA_GA_Fokus_Mai2010_KSB_Dialyse_Aufhänger_Bild

PA_GA_Fokus_Mai2010_KSB_Dialyse_Aufhänger_Bild

Stefan Wey, KSB

Herr Räz, warum entschliessen sich nur knapp 10 Prozent der Patienten mit einer Nierenerkrankung für die Bauchfelldialyse? Ist das Prozedere zu kompliziert?

Hans-Rudolf Räz: Das ist definitiv nicht der Fall. Jeder kann lernen, sich selbst zu dialysieren. Dazu braucht man keine Krankenschwester zu sein. Nein, die Gründe liegen wohl anderswo.

Wo denn?

Räz: Viele Patienten fühlen sich bei der Hämodialyse, die im Spital vom Pflegepersonal vorgenommen wird, sicherer als bei der Bauchfelldialyse, die sie zu Hause in Eigenregie ausführen. Und – ist die Hämodialyse tatsächlich sicherer? Räz: Nein, aus medizinischer Sicht sind beide Dialyseformen gleich sicher und medizinisch gleichwertig.

Bei der Bauchfelldialyse wird dem Patienten in einem chirurgischen Eingriff ein Katheter in den Bauchraum gelegt.

Räz: Genau. Der Ausgang dieses Katheters befindet sich neben dem Bauchnabel. Die Öffnung ist etwa fünf Millimeter gross. Daran wird ein dünner Verlängerungs- Schlauch mit speziellem Verschluss befestigt. Und via diesen Schlauch dialysieren sich die Patienten selber.

Was heisst das genau?

Räz: Die Bauchhöhle wird mithilfe dieses Schlauches mit einer speziellen Flüssigkeit gefüllt, die regelmässig ausgewechselt werden muss. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten: Bei der manuellen Form besorgt der Patient den Flüssigkeitsaustausch von Hand mit speziellen Beuteln. Erst entleert er die verbrauchte Flüssigkeit, indem er einen leeren Beutel an den Katheter anschliesst; dann füllt er neue, frische Flüssigkeit nach. Der Zeitaufwand dafür beträgt viermal pro Tag etwa 20 bis 30 Minuten.

Für berufstätige Personen eine umständliche Angelegenheit.

Räz: Wer keine Beutel zur Arbeit mitnehmen will, kann sich – als Alternative – zu Hause über Nacht selber an ein Austauschgerät anschliessen. Egal, welche Methode man wählt: Der Bauchraum ist immer mit Flüssigkeit gefüllt, welche die Schadstoffe auffängt, die durch das gut durchblutete Bauchfell abgegeben werden. Je nach Statur des Patienten handelt es sich dabei um einen bis zwei Liter. Das ist am Anfang sicher etwas gewöhnungsbedürftig.

Mit einem Schlauch am Bauch herumzulaufen, vermutlich auch . . .

Räz: Ja, manche Menschen stören sich aus ästhetischen Gründen daran. Wegen der Infektionsgefahr raten wir zudem vom Baden in stehenden Gewässern ab. Vorsicht geboten ist auch beim Heben von schweren Lasten. Nichtsdestotrotz überwiegen die Vorteile die Nachteile bei weitem.

Kurz notiert

Bei Patienten, deren Nierenfunktion eingeschränkt ist, besteht die Gefahr einer Harnvergiftung. Damit dies nicht passiert, müssen sich Betroffene regelmässig dialysieren lassen. Die Hämodialyse erfolgt in einem Dialysezentrum, das meist an ein Spital angeschlossen ist. Die Patienten werden dreimal wöchentlich für 4 bis 5 Stunden ans Dialysegerät angeschlossen. Der Zugang zum Körper erfolgt durch eine operativ hergestellte Verbindung zwischen Vene und Arterie am Arm («Shunt»). Bei der Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) stellt das Bauchfell die Filtermembran dar. Dem Patienten wird operativ ein Katheter in den Bauchraum gelegt. Dadurch kann er sich selber – manuell oder maschinell – dialysieren. Bisher wählen nur knapp 10 Prozent aller Nieren-Patienten die Bauchfelldialyse.

Inwiefern?

Räz: Die Bauchfelldialyse bietet Betroffenen eine viel grössere Unabhängigkeit und Freiheit, weil sie nur alle sechs bis acht Wochen zur Kontrolle das Spital aufsuchen müssen. Ihr Körpergewicht bleibt stabil – im Gegensatz zu Hämodialyse-Patienten, die zwischen den einzelnen Sitzungen bis zu vier Kilogramm zunehmen. Zudem ist die Hämodialyse für den Körper sehr anstrengend; meist benötigt man danach einige Stunden Erholung. Nicht zuletzt ist die Bauchfelldialyse günstiger, weil der Patient die Arbeit, also das Dialysieren, selber erledigt.

Und wo lernt er das Handling?

Räz: Die Patienten werden vom Pflegepersonal genau instruiert und sorgfältig geschult; zuerst im Spital, dann auch zu Hause. Die heikelste Phase bei der Bauchfelldialyse ist, wenn man den Katheter öffnet, um sich an die Maschine anzuschlies

Gibt es Alternativen zur Dialyse?

Räz: In den meisten Fällen ist eine «Heilung» nur mit einer Nierentransplantation möglich. Die Zeit bis dahin muss mittels Dialyse überbrückt werden, da die Patienten sonst über kurz oder lang sterben würden. Wichtig ist, dass Betroffene mit verdächtigen Blut- oder Urinwerten raschmöglichst einem Nierenspezialisten überwiesen werden.

Autorin: Ursula Känel Kocher, Gesundheit Aargau