Magersucht
Expertin warnt: "Plötzlich ist es cool, nicht zu essen"

Dass Pädophile auf Pro-Ana-Webseiten auf Opferfang gehen, hat für Aufsehen gesorgt. Doch das ist bei weitem nicht die einzige Gefahr solcher «Krankmachgruppen», sagt Gabriella Milos, Leiterin des Zentrums für Essstörungen an der Uni Zürich.

Roman Rey
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Die Darsteller Katie Wright (r.) und Lynda Carter in einer Szene des NBC-Films "A Secret Between Friends", der Essstoöungen wie Esssucht, Magersucht und Ess-Brech-Sucht thematisiert.

Die Darsteller Katie Wright (r.) und Lynda Carter in einer Szene des NBC-Films "A Secret Between Friends", der Essstoöungen wie Esssucht, Magersucht und Ess-Brech-Sucht thematisiert.

Keystone

Frau Milos, Anorexie ist eine lebensgefährliche Krankheit. Wie kommt man dazu, das als Lifestyle zu feiern?
Gabriella Milos: Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der Essen im Überfluss vorhanden ist. Gleichzeitig soll man dünn sein. Dazu hören wir viele widersprüchliche Informationen zur Ernährung. Das führt zu Verunsicherung, vor allem bei Jugendlichen. Plötzlich ist es cool, nicht zu essen. Nichtessen wird als Leistung angesehen.

Was erhoffen sich Betroffene?

Magersucht

Die Magersucht ist eine Essstörung, die in der Fachsprache Anorexie (Anorexia nervosa) genannt wird. Mit Hungern, Diäten, Erbrechen, Abführmitteln und Appetitzüglern versuchen Betroffene, möglichst viel Gewicht zu verlieren. Ähnlich ist der Krankheitsverlauf bei der Bulimie (Bulimia nervosa), dort werden die Betroffenen jedoch von wiederholten Fress-Attacken heimgesucht. In sogenannten Pro-Ana- oder Pro-Mia-Gruppen kommen Betroffene, meist Teenager oder junge Erwachsene, zusammen und zelebrieren ihre Krankheiten. Die «Vice»-Reporterin Nadja Brenneisen hat sich in eine Pro-Ana-WhatsApp-Gruppe geschleust und darüber berichtet. Im Zuge ihrer Recherche ist sie auf einen Mann gestossen, der sich als «Magersuchts-Coach» ausgibt und so zu Bildern von jungen Opfern kommen will. Mittlerweile fahndet Interpol nach ihm. (rey)

Was lösen Pro-Ana-Gruppen aus?
Sicher nicht alle, die solche Websites besuchen, folgen diesen absurden Empfehlungen. Aber bei Betroffenen verhindern die Informationen, dass sie aus dem Teufelskreis der Krankheit herauskommen. Leute, die sich behandeln lassen, haben in der Regel zwei Seelen in der Brust: Eine möchte ein normales Leben ohne Krankheit. Die andere sehnt sich nach dem Hochgefühl, das sich einstellt, wenn man den Hunger besiegt. Es gibt Teenager, die von ihrer Pro-Ana-Gruppe dazu bewegt werden, die Behandlung abzubrechen.

Dabei hätten sie das Gegenteil nötig.
Richtig. Die meisten Betroffenen suchen oft nicht selbst Hilfe, weil sie nicht wahrnehmen, dass sie krank sind. Die Krankheit beginnt oft mit einer Euphorie, nachdem die ersten Kilos purzeln. Dann geht es immer weiter, bis das ganze Leben von der Magersucht bestimmt wird und psychische oder körperliche Schäden entstehen. In einer solchen Pro-Ana-«Sekte» zu sein, kann einen rechtzeitigen Ausstieg verhindern.

Sie sprechen von einer Sekte.
Ja, oder eine verkehrte Selbsthilfegruppe, eine «Krankmachgruppe». Pro-Ana-Teenager suchen sich einen «Zwilling», der sie beim Hungern unterstützt. Und es gibt Regeln wie: Wer isst, ist schwach. Und: Du kannst nie zu dünn sein.

Was lösen solche Regeln aus?
Sie können krank machen. Sie tragen dazu bei, dass das ganze Leben von der Magersucht bestimmt wird. Die Jugend ist eine kritische Zeit, in der sich viel im Leben eines Individuums ändert. Für Jugendliche mit Magersucht wird es sehr schwierig, sich weiterzuentwickeln: eine Lehre zu absolvieren, einen Freundeskreis aufzubauen, auf eigenen Beinen zu stehen. Alles dreht sich ums Essen. Ich kenne Anorexie-Frauen, die schlafen mit Kochbüchern auf dem Nachttisch. Nicht, weil sie sich fürs Kochen interessieren, sondern weil im Leben kein anderes Thema Platz findet als das Essen oder eben das Nichtessen.

Wie lange gibt es Pro-Ana schon?
Es ist kein neues Phänomen, ich kenne es schon seit ungefähr 15 Jahren. Aber das war vor der Zeit der sozialen Medien. Diese machen es Teenagern noch einfacher, solche Seiten zu besuchen, sich zu vernetzen und in der Krankheit zu bestärken. Etwa in Facebook-Gruppen oder auf WhatsApp.

Welche Rolle spielt das Internet?
Wir alle vergleichen uns mit unseren Mitmenschen. Bei Jugendlichen spielt das eine besonders grosse Rolle. Während man das früher vor allem auf der Strasse oder in der Schule tat, gehört es heute dazu, sich selbst auch aufFacebook oder Instagram zu inszenieren.

Dabei entsteht ein Konkurrenzkampf.
Es kann ein Konkurrenzkampf entstehen. Und der kann die Krankheit durchaus begünstigen. Doch auch abseits von sozialen Medien sind Jugendliche im Internet ständig mit einem unrealistischen Schönheitsideal konfrontiert.

Die Regel eines Pro-Ana-Forums lautet: Schau «Germany's Next Topmodel».
Und das neben Regeln wie «Essen ist schlecht» und ​«Du kannst nie dünn genug sein». Da sehen Sie mal, was diese Sendung auslösen kann.

Verbieten kann man sie wohl kaum.
Nein, aber solche Model-Sendungen bräuchten klare Regeln: Etwa, dass Bewerberinnen einen gesunden Mindest-Bodymassindex haben müssen.

Was aber verboten wurde, sind Pro-Ana-Seiten, und zwar in Frankreich.
Jugendliche sollten geschützt werden. Sie finden zwar Gleichgesinnte auf diesen Plattformen. Aber wenn diese sich nicht helfen, sich positiv zu entwickeln oder gesund zu werden, sehe ich keinen positiven Aspekt in solchen Gruppen.

Kürzlich wurde bekannt, dass Pädophile auf Pro-Ana-Seiten auf Opferfang gehen.
Das ist besonders verwerflich. Die Mädchen kämpfen mit einer psychischen Krankheit und sind deshalb sehr verletzlich. Ich hoffe, dass es sich dabei um einen Einzelfall gehandelt hat.

Wie viele Magersüchtige treten Pro-Ana-Gruppen bei?
Das ist sehr schwierig zu sagen, weil Betroffene gegen Aussen oft sehr verschwiegen sind, was ihre Krankheit betrifft. Das könnte ein Grund sein, warum sie Gleichgesinnte im Internet suchen. In der Gesamtbevölkerung leidet ca. 1 Prozent der Frauen an Anorexie und zirka 2 Prozent an Bulimie.

Wie sieht es mit Männern aus?
Bei der Anorexie sind etwa ein Sechstel der Betroffenen männlich. Jungen und Männer haben es übrigens oft schwerer als Frauen, denn sie zieren sich in der Regel noch viel mehr, Hilfe zu suchen.