Interview
Experte: «Das Problem K.-o.-Tropfen wird überschätzt»

Seit dem mutmasslichen Sexskandal in Zug sind K.-o.-Tropfen wieder in den Schlagzeilen. Im Interview erklärt Hugo Kupferschmidt, Arzt und Direktor von Tox Info Suisse, wie K.-o.-Tropfen wirken und wie einfach sie nachzuweisen sind.

Daria Wild, watson.ch
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Die Party-Droge GHB wird häufig auch zur Betäubung von potenziellen Vergewaltigungs- oder Raub-Opfern verwendet. (Symbolbild)

Die Party-Droge GHB wird häufig auch zur Betäubung von potenziellen Vergewaltigungs- oder Raub-Opfern verwendet. (Symbolbild)

Keystone

Hugo Kupferschmidt, seit Jahren machen Geschichten über Missbräuche mit K.-o.-Tropfen die Runde. Jüngst beim mutmasslichen Zuger Sexskandal. Was sind K.-o.-Tropfen überhaupt?

Hugo Kupferschmidt ist Arzt und Direktor der Beratungsstelle für Toxikologie Tox Info Suisse.

Hugo Kupferschmidt ist Arzt und Direktor der Beratungsstelle für Toxikologie Tox Info Suisse.

Zur Verfügung gestellt

Hugo Kupferschmidt: Zuerst mal eine Präzisierung: K.-o.-Tropfen sind keine eigene Substanz, sondern eine Bezeichnung, die eher die Umstände einer Vergiftung denn das Gift selber beschreibt.

Um welche Substanzen handelt es sich dabei?

GHB ist ein beliebtes K.-o.-Mittel, weil die Substanz praktisch keinen Eigengeschmack hat. Leicht salzig schmeckt GHB im Prinzip wie Wasser. Ausserdem baut es sich schnell ab.

Wie wirkt GHB?

K.-o.-Tropfen

Knock-out-Tropfen (auch: «Date-Rape-Drogen») sind Zubereitungen aus narkotisierend wirkenden Substanzen, die im Rahmen von Straftaten wie Sexual- oder Eigentumsdelikten genutzt werden, um die Opfer zu betäuben und damit wehrlos zu machen. Häufige Anwendung als K.-o.-Tropfen findet GHB («Liquid Ecstasy»), das in der Medizin als intravenöses Narkotikum verwendet wird und in den 90ern als «Liquid Ecstasy» vermarktet wurde. Wie viele Fälle es tatsächlich gibt, bei denen K.-o.-Tropfen gegen den Willen des Betroffenen verabreicht wurden, ist unklar. Statistiken gibt es keine.

Quelle: wikipedia

GHB ist ein Stoff, der am Anfang aufstellt, aufgekratzt macht, dann aber schläfrig und müde, je nach Dosierung bewusstlos. Schlaf- und Narkosemittel, die typischerweise als Medikamente eingenommen werden, haben dieselbe Wirkung. Und nicht zu vergessen: Alkohol passt perfekt in dieses Schema.

Alkohol als K.-o.-Droge.

Genau. Wenn eine Substanz eingenommen wird, dauert es eine Weile, bis sie im Hirn wirkt. Wenn in dieser Pause einfach weitergetrunken wird, kann einen auch ein Rausch schachmatt setzen.

Aber immerhin entscheide ich selber, wann und wie schnell ich trinke.

Ja und das spielt eine grosse Rolle. Wenn man nach drei Gläsern Wein beschwipst ist, ist man nicht überrascht. Wenn man aber zu schnell trinkt und plötzlich sehr betrunken ist, wird man misstrauisch. Dann überlagern sich die Effekte: Der Rausch kommt unerwartet schnell, und plötzlich ist da die Sorge, es sei etwas beigemischt worden.

Das klingt ja gerade so, als seien K.-o.-Tropfen eine Urban Legend.

Es gibt Studien zur Verbreitung von K.-o.-Tropfen, die zeigen, dass in ungefähr 95 Prozent der Verdachtsfälle nur Alkohol nachgewiesen wurde. Wir haben durchschnittlich 25 Verdachtsfälle pro Jahr. Die Ergebnisse deuten in dieselbe Richtung wie diese erwähnten Studien.

In fünf Prozent der Fälle sind aber K.-o.-Tropfen im Spiel. Sie sind also nicht nur Legende.

Klar. Das Problem wird überschätzt. Das heisst aber nicht, dass es nicht existiert. Deshalb ist es wichtig, dass es gar nicht so weit kommt: Nie Drinks von einer Person annehmen, die man nicht gut kennt, nie ein Getränk stehenlassen.

Und wenn doch Verdacht besteht?

Eine Untersuchung von Urin oder Blut kostet etwa 200 Franken. Die Proben müssen noch während der Wirkung genommen werden. Denn GHB wird zu Wasser und CO2 verstoffwechselt. Das heisst: Sobald die Wirkung weg ist, ist die Substanz im Urin und im Blut nicht mehr nachweisbar.

Bleibt noch die Haaranalyse.

Die Analyse eignet sich für Substanzen, deren Einnahme weiter zurückliegt, und wird in rechtsmedizinischen Labors nur auf Geheiss eines Untersuchungsrichters durchgeführt. Das ist eine knifflige Sache. War das Signal nur kurzzeitig, ist der Bereich des Haars, in dem etwas nachgewiesen werden könnte, sehr klein. Ausserdem muss dieses Stück Haar zuerst aus der Kopfhaut wachsen. Das dauert vier bis sechs Wochen.

Und dann? Wie hoch ist die Chance, dass GHB nachgewiesen werden kann?

Mit Spezialmethoden, wie sie zum Beispiel am rechtsmedizinischen Institut der Universität Zürich vorhanden sind, hoch. Damit lässt sich eine einmalige Einnahme von GHB nachweisen, und der Einnahmezeitpunkt lässt sich eingrenzen. Aber auch dann: Der Nachweis von GHB beweist noch kein Delikt.

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