Gesundheit
«Es braucht Hingabe für diesen Beruf»

Prof. Dr. med. Martin Heubner (40) ist Experte der operativen Gynäkologie und der gynäkologischen Onkologie. Seit Oktober ist er Chefarzt Gynäkologie des KSB. Ein Interview über Da Vinci, Angelina Jolie und über die Rolle des Kopfes beim Sex.

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Dr. med Martin Heubner

Dr. med Martin Heubner

Gesundheit Aargau

Herr Heubner, Sie sind seit Mitte Oktober Chefarzt Gynäkologie und Direktor des Departements Frauen und Kinder am Kantonsspital Baden. Haben Sie sich schon eingelebt?
Ja, ich habe mich gut eingelebt. Wir haben ein sehr gutes und nettes Team hier. Das KSB hat eine exzellente Struktur. Wir haben alle Abteilungen, die es für eine ausgezeichnete medizinische Versorgung braucht. Auch die einzelnen Bereiche sind sehr gut besetzt: Geburtshilfe und Pränataldiagnostik, Brustzentrum, Gynäkologisches Tumorzentrum sowie Beckenbodenzentrum.

Was gefällt sonst noch am KSB?
Das Haus hat eine sehr gute Infrastruktur und eine gute Grösse – eine Grösse, bei der man hoch spezialisierte Medizin machen kann und dennoch relativ kurze Dienstwege hat. So bleibt mehr Zeit für die Patientinnen. Und das ist es, was mich am meisten fasziniert: das Arbeiten mit Menschen. Ich bin mit Leib und Seele Arzt. Ich möchte Patientinnen behandeln und nicht den grössten Teil meiner Arbeit am Schreibtisch verbringen. Das steht für mich im Vordergrund.

Macht das einen guten Arzt aus, die Liebe zu den Menschen?
Es braucht sicher eine soziale Ader und eine gewisse Hingabe. Unter hoher Belastung mit kranken Menschen zu arbeiten, oft auch nachts und am Wochenende, ist nicht jedermanns Sache.

Gibt es Unterschiede zwischen deutschen und Schweizer Kliniken?
Natürlich ist die medizinische Versorgung in den Grundzügen ähnlich. Aber in der Schweiz steht die Patientenbehandlung noch mehr im Fokus. Man ist auch gewillter, für eine gute medizinische Versorgung Geld in die Hand zu nehmen. In Deutschland kennen die Verwaltungen oft nur ein strategisches Instrument: den Rotstift. Das geht leider oft zulasten der Patientenversorgung.

Auch Schweizer Spitäler müssen sparen.
Natürlich ist es wichtig, auf die Kosten zu schauen. Aber um langfristig eine gute medizinische Versorgung anbieten zu können, muss man auch Investitionen machen. Das KSB ist ein innovationsfreudiges Haus. Hier wird investiert, wenn es als sinnvoll für die Zukunft erachtet wird. Auch das ist durchaus ein Grund für meinen Wechsel.

Betrachten wir Ihre Anstellung von der anderen Seite – was können Sie am KSB einbringen?
Insbesondere meine Erfahrung in der operativen Gynäkologie und in der gynäkologischen Onkologie. Diesen Bereich habe ich an der Universitätsfrauenklinik Essen mehrere Jahre geleitet. Das KSB ist traditionell sehr stark auf diesen Gebieten, gerade was die minimalinvasive Chirurgie betrifft. Das entspricht absolut meinem Profil. Zudem habe ich inzwischen sehr viel Erfahrung, was die robotergestützte Chirurgie angeht.

Das KSB verfügt aber über keinen Da-Vinci-Roboter, wie das roboterassistierte Chirurgiesystem heisst.
Ein Roboter wird definitiv in diesem Jahr angeschafft. Und da kann ich sehr viel Erfahrung einbringen – die Klinik in Essen gehört zu den Vorreitern dieser Technik, die sich gerade für die gynäkologischen Tumorerkrankungen eignet. Der Roboter wird aber auch von der Klinik für Allgemeinchirurgie und von der Urologie genutzt werden.

Bei Prostatakrebs wird der Roboter wohl am häufigsten angewandt. Wieso eignet er sich auch gut für Krebserkrankungen der Gebärmutter?
Mit dem Roboter kann man auch hochkomplexe Operationen, die sonst eines Bauchschnitts bedürfen, minimalinvasiv durchführen. Ausserdem kann man mithilfe des Roboters nervenschonend operieren. Das ist sehr vorteilhaft für die Patientinnen. Sie erholen sich besser, können früher wieder aufstehen, erleiden weniger Blutverlust und allgemein weniger Komplikationen.

Was für Komplikationen?
Blasenentleerungsstörungen beispielsweise, eine klassische Nebenwirkung der üblichen operativen Verfahren. Mit den nervenschonenden Techniken für Gebärmutterhalskrebs kommt das praktisch nie vor.

Und wie ist es mit der sexuellen Lust respektive Unlust? Bei der Prostataoperation ist das ja ein Klassiker.
Auch klassische Operationsverfahren haben erstaunlich wenig Einfluss auf das sexuelle Empfinden der Frauen. Trotz Operation sind bei ihnen weder Empfindung noch Orgasmusfähigkeit gross gestört. Sexualität findet eben auch im Kopf statt. Vielleicht bei Frauen mehr als bei Männern . . . (lacht).

Sie haben über gynäkologische Tumorerkrankungen habilitiert. Insbesondere haben Sie sich mit der Tumorgenetik beschäftigt. Können Sie nachvollziehen, dass sich Hollywood-Star Angelina Jolie Brüste und Eierstöcke hat entfernen lassen?
Das ist ein radikaler Eingriff. Aber Frau Jolie hatte aufgrund ihrer familiären Prädisposition ein hohes Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Die prophylaktische Entfernung vermeidet dies mit sehr hoher Sicherheit. Ich kann es deshalb sehr gut nachvollziehen, ja.

Hat Ihre Frau den Test gemacht?
Nein. Der Test wird ja nur dann empfohlen, wenn eine entsprechende Veranlagung aus der Familiengeschichte ersichtlich ist – und man sich über die Konsequenzen im Klaren ist, falls der Test positiv ausfällt.

Sie haben einen fünfmonatigen Sohn, deshalb ist die Frage hypothetisch: Würden Sie Ihrer Tochter die HPV-Impfung zur Vermeidung von Gebärmutterhalskrebs empfehlen?
Ich würde sie selbst meinem Sohn empfehlen. Das humane Papilloma-Virus kann neben den weiblichen Geschlechtsorganen auch Penis und After befallen und dort ebenfalls Krebs hervorrufen. Das ist allerdings wesentlich seltener. Männer sind aber häufig die Überträger des Virus. Ich halte die Impfung durchaus für sinnvoll.

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